The Scumbag 1 – Kokainfinger: Wer braucht schon Helden?

In den USA haben Schurken gerne Doppelvornamen. So auch fast alle Präsidentenattentäter wie John Wilkes Booth Charles J. Guiteau und Lee Harvey Oswald. Wenn also Comic-Autor Rick Remender seinen neuen Protagonisten Ernie Ray Clementine nennt, hat das durchaus Tradition. Ernie Ray ist Junkie, der zur letzten Hoffnung der Menschheit wird, dafür aber keine Zeit hat. Eine unterhaltsame und nicht ganz jugendfreie Sci-Fi-Story um einen Drecksack beginnt genau hier.

„Scumbag“ heißt übersetzt nichts anderes als Drecksack. Und genau das ist Ernie Ray Clementine. Der Mann rennt durch die Kneipenszene und das Nachtleben als lebendes Faktotum. Immer dicht und zugedröhnt bis unter die Haube und immer auf der Suche nach dem nächsten Kick oder Schuss; möglichst geschnorrt. Ernie Ray ist so weit unten, dass er sogar die Spendendose vom Tresen klaut um sein Dope zu bezahlen.

Doch peinlicherweise setzt sich Ernie Ray den nächsten Schuss nicht in einer nächtlichen Gasse, sondern mitten am Tag auf dem Boulevard. Und so gerät der Junkie in eine Keilerei, bei der es um eine andere Art von Dope geht. Ein Serum mit Nanotech, das Clementine durch seine Verwechselumg der Spritzen zum Superspion macht. Was dem aber scheißegal ist. Zumindest bis ihm die futuristischen Agentinnen genügend Kohle und Drogen für den Rest seines Lebens versprechen.

Der Antiheld als moderner Sysiphos

Aber auch dann klappt‘s nicht gleich mit dem Heldendasein. In dem drogenverseuchten Hirn muss erst mal ein Rest an Menschlichkeit reaktiviert werden. Die gelegentlichen, aber unkontrollierten Schübe an Tech-Droge helfen, verwirren aber auch mächtig.

Comic-Superstar Rick Remender zählt schon lange zu meinen Favoriten. Sein Captain America Megaband: Verschollen in „Dimension Z“ finde ich nach wie vor saucool und auch das inzwischen verfilmte „Deadly Class“ habe ich anfangs geliebt. Die Serie kam bei Panini nicht über zwei Sammelbände hinaus und fand bei Cross Cult eine stimmigere Heimat (ist derselbe Dach-Verlag).

Wie auch immer: „Scumbag“ ist eine neue Sache, eine andere Herangehensweise an Science Fiction, Abenteuer und Popkultur. Der Antiheld an sich ist keine neue Erfindung und auch „Dirty Harry“ war einst skandalös Anti-Establishment. In gewissen Kreisen des klischeebeladenen Rock-Zirkus gelten oder galten „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ als erstrebenswerter Lifestyle. Das lässt freilich nicht immer jahrzehntelang durchziehen und endet meistens in der Gosse.

So hat Remender seinen Antihelden auch als Altrocker angelegt, mit einem Schnauzer der Asterix gut zu Gesicht stünde und einer Jeanskutte die deutlich am „Mr. Rock’n’Roll“ himself, Lemmy Kilmister, angelehnt ist. So derbe am unteren Gesellschaftsrand hätte Ernie Ray Clementine meinethalben nicht stehen müssen. Aber dieser Drecksack ist angelegt für jene Leserschaft, die sich auch bei Garth Ennis („The Boys“, „Preacher“, „Dicks“) Gewalt, Sex und anderen Exzessen wohlfühlt. Hauptsache es geht derbe und unkorrekt zu. Mir steckt da inzwischen ein bisschen zuviel gewollte Attitüde drin. Aber auch egal. Die Story ist gut.

Die Droge als Versprechen

„Scumbag“ ist in den USA bei Image Comics erschienen, die schon immer eher Bildergeschichten für eine erwachsenere Leserschaft verlegten. Unter dem Imprint „Giant Generator“ erscheinen die „Scumbag“–Comics ebenso wie die „Deadly Class“-Reihe.

Das Artwork wird in jeder der fünf US-Einzelausgaben, die in Volume 1 „Kokainfinger“ enthalten sind, von einem anderen Zeichner ausgeführt. Konstant bliebt die Farbgebung von Moreno Dinosi, die für einen einheitlichen Look sorgt. Insgesamt haben alle Zeichenstile ihre Qualitäten und sorgen für jeweils unterschiedliche Stimmung und Ausformung.

Der Auftakt von Lewis Larosa ist sehr organisch, dynamisch und sieht so fett nach 70er Jahren aus, dass es eine Wonne ist. Mein Favorit ist allerdings das fünfte Kapitel von Wes Craig („Deadly Class“), dessen eher abstrakte Settings ich unglaublich toll finde. Aber auch das Dritte Kapitel von Eric Powell sticht für mich mit guter Dynamik heraus. Wie sich zeilig erzählende Seiten mit epischen Großformatigen Panels abwechseln, das macht schon Spaß.

„The Scumbag“ von Rick Remender hat das Zeug zur nächsten Kultserie. Die leserschaft muss sich erst an den räudigen Antihelden gewöhnen und meinethalben wäre es auch weniger territorial-anal-fixiert gegangen, aber es gibt eine Zielgruppe für diese Art von derbem, abgefuckten politisch unkorrekten Humor. Abgesehen davon sind Artwork und Idee einfach sehr unterhaltsam. Ich bleibe gespannt.

Comic-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

The Scumbag 1: Kokainfinger
OT: The Scumbag Vol. 1: Cocainefinger, 2022, Image Comics
Genre: Comic, Science-Fiction,
Autor: Rick Remender
Zeichner: Andrew Robinson, Darick Robertson, Lewis Larosa, u.a.
Farben: Moreno Dinosi
Übersetzung: Katrin Aust
ISBN: 9783741627828
Verlag: Panini Comics, Softcover, 156 Seiten
VÖ: 24.05.2022

The Scumbag bei Panini comics

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