„Alles ist Eins. Außer der Null.“ – Unmittelbare Erfahrung

Gerade rechtzeitig zum alljährlich stattfindenden Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC), der in diesem Jahr virtuell stattfinden muss, erscheint auch die flotte Doku über die Anfänge des Vereins von Computer-Hackern für den Hausgebrauch. In „Alles ist Eins. Außer der Null.“ porträtieren die Regisseur:innen Tanja Schwerdorf und Klaus Maeck nicht nur den politisch umtriebigen Verein für digitale Lebensfragen und ihren maßgeblichen Begründer „Wau“ Holland, sondern zeichnen auch ein Zeit- und Sittengemälde das bis in unsere Tage nachwirkt. Ein empfehlenswerter Ausflug in die Anfänge des Computerns.

Vielleicht wirkt es ein wenig irritierend eine Doku über den Chaos Computer Club und dessen „Gründerseele“ Wau Holland mit einer Rede von Albert Einstein zu beginnen um direkt hinterher Dr. Wau selbst zu Wort kommen zu lassen. Doch der Filmbeginn von „Alles ist Eins. Außer der Null.“ Ist selbst ein Zitat, bezieht sich auf die Videobotschaft „Komplexität & Management“, die Wau Holland 1999 in Hamburg abspielte, als es darum ging den technischen Fortschritt gesellschaftlich zu nutzen.

Im Grunde genommen erzählt die ebenso unterhaltsame wie informative Doku von Tanja Schwerdorf und Klaus Maeck ziemlich chronologisch die Historie des Chaos Computer Clubs, der sich 1981 in Berlin gründete. Der CCC war von Beginn an einem freiheitlichen Gesellschaftsentwurf verpflichtet, der sich ganz locker zu den alternativen Gesellschaftsexperimenten der Hippies und Kommunen zurückverfolgen lässt. Wesentlich an der ganzen technischen Bastelei war und ist immer, die Menschen miteinander zu verbinden, sich auszutauschen und eine friedliche Gemeinschaft mit utopischen Idealen zu schaffen. Wau Holland gab der unmittelbaren Erfahrung dabei immer den Vorzug.

„Da sieht man jetzt so Müll auf dem Bildschirm, weil ich eben nicht so gut Pfeiffen kann wie ein Computer.“ (Wau Holland erklärt Akustikwandler)

Bereits die ersten Gehversuche des Computerclubs sich zu vernetzen stehen im Konflikt mit dem quasi-staatlichen Monopol im Fernmeldewesen. Es gilt Selbstbausätze zu basteln statt das offizielle Modem-Produkt zu kaufen. Weder die Telekom noch der Bundesinnenminister sind amüsiert als der CCC später den Bildschirmtext BTX hackt.

Der subversive Hang zur Selbstermächtigung, zum Schutz des Individuums vor scheinbarer Mehrheit steht auch heute noch im Vordergrund, wenn der CCC aktuell Straffreiheit für Whistleblower und Hacker fordert, die durch beispielhaftes Hacken auf Sicherheitslücken aufmerksam machen. Auch das hat Tradition, nicht erst seit Mitglieder des CCC in den Fokus der Polizei gerieten, weil unter anderem ein deutscher Hacker die NASA gehackt haben soll.

„Und dann mitten im Leben fällt der Mann um. Schlaganfall. Und dann stirbt er.
(Peter Glaser über Wau Holland)

Zwischendurch gibt es immer mal wieder Verweise auf den Spielfilm „23“ mit August Diehl, der im Milieu des CCC angesiedelt ist, es gibt Verweise auf den selbsternannten LSD-Papst Timothy Leary und Bezüge zu der vernetzten Verschwörungs-Prosa von Robert Anton Wilson („Illuminati“-Trilogie), aber es gibt auch eine sich durchziehende Spur des Widerstandes und Aufbegehrens die sich bis zu Julian Assange und Wikileaks und zu Whistleblowern wie Edward Snowden und Chelsea Manning zieht. Ein Misstrauen gegen die Macht großer Datenansammlungen und deren Nutzbarmachung; sei es zu Kontrollzwecken, zur staatlichen Überwachung oder zur kommerziellen Ausbeutung durch Konzerne wie Google oder Facebook.

„Kriegsvorbereitung war immer auch die Kommunikation zu unterbinden. Wer sich unterhält, bekämpft sich nicht.“(Wau Holland)

Es sind der anarchische freiheitliche Charme des Chaos Computer Clubs und die scheinbare, offen zur Schau gestellte Verschrobenheit von Wau Holland, die nicht nur der Doku sondern dem Club die Sympathien für Underdogs zufliegen lassen. In Sachen Bildmontage gelingt es der Doku nicht nur ein amüsantes nostalgisches soziales Nischendasein zu beleuchten, sondern auch das chaotische collagenhaft sichtbar und charmant zu machen. Klaus Maeck ist mit anderen Co-Regisseuren in der nostalgisch-anarchischen Milieustudie „B-Movie: Lust & Sound in Westberlin 1979-1989“ bereits ähnliches gelungen.

Den beiden Regisseur:innen ist es gelungen ein sehr lebendiges und umtriebiges Bild einer Vereinsgemeinschaft zu zeigen, die trotz aller Vorurteile zur Technikaffinität nie die Menschen aus dem Blick verliert und sich fragt, wie Technik und Fortschritt das Zusammenleben der Gemeinschaft verbessern können und welche Gefahren das mit sich bringen kann. Vereinsarbeit, die sich eben nicht in nebensächlicher Selbstbespaßung verliert. Das nicht gerade fotogene Archivmaterial wird auf unterhaltsame und anarchische Weise zu einer Collage montiert, die sich ein bisschen Nostalgie erlaubt, vor allem aber zeigt, wie wichtig es ist und bleibt sich einzumischen. Das beigefügte Extra einiger Original-Interviews ist beinahe so sehenswert wie der Film selbst.

Film-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Alles ist eins. Außer der Null. – Dr. Waus Chaos Computer Film
Genre: Doku,
Länge: 92 Minuten, D, 2020
Regie: Tanja Schwerdorf, Klaus Maeck
Mitwirkende: Wau Holland, Stefan Wernéry, Linus Neumann, Andy Müller-Magun
FSK: ab 6 Jahren
Vertrieb: Neue Visionen, Good Movies
Kinostart: 29.07.2021
DVD-VÖ: 27.12.2021

Homepage des Chaos Computer Clubs
CCC-eintrag bei Wikipedia
Zur Wau Holland Stiftung
Film-Homepage

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