Drive My Car: Loslassen und Teilen

Kurz vor dem Jahresende kommt hierzulande noch ein sehenswerter, epischer Film in die Kinos. Das japanische Drei-Stunden-Stück „Drive My XCar“ beruht auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Bestsellerautor Haruki Murakami und hat doch auch eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. In Cannes wurde das Drama mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Nun bringt Rapid Eye Movies (REM) den Film hierzulande auf die Leinwand.

Der Theaterschauspieler und Regisseur Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) führt ein ausgefülltes Leben mit seiner Frau Oto (Reika Kirishima), die als Autorin beim Fernsehen arbeitet. Immer wenn Oto besonders entspannt ist, erzählt sie Yuskue Geschichten. Während Yuskue ist mit seiner gefeierten „Onkel Wanja“-Inszenierung beschäftigt ist stirbt Oto eines Tages plötzlich.

Zwei Jahre später wird Yuskue gebeten seinen „Onkel Wanja“ auf einem Theaterfestival in Hiroshima zu inszenieren. Er reist aus Tokio mit seinem eigenen Auto an, doch aus Versicherungsgründen darf Yusuke während des Engagements nicht selbst fahren. Ihm wird die schweigsame junge Chauffeurin Misaki Watari (Toko Miura) zugeiteilt.

Anfangs gibt der Regisseur seinen gut gepflegten Saab 900 nur widerwillig in andere Hände. Mit der Zeit beginnt Yasuke aber zu genießen, dass er gefahren wird, und Misaki freut sich auf die Kassetten mit den Dialogen aus dem Theaterstück. Die Zusammenstellung des Ensembles stellt Yasuke noch vor schwierige Fragen, neben einer Stummen Darstellerin bewirbt sich auch Kôji Takatsuki, ein junger Fernsehstar, der mit Oto gearbeitet hat.

Man möchte meinen, dass ein Dreistundenfilm für eine Kurzgeschichte etwas ausufernd ausgefallen ist, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Figuren werden auf so natürliche Weise vorgestellt und begleitet, dass allein daraus der Wunsch entsteht, mehr über diese wortkargen, traurigen Gestalten zu erfahren. Das ist an sich schon eine hohe Kunst.

Zudem verfilmt das Drehbuch zu „Drive my Car“ eigentlich zwei Geschichten aus derselben Story-Sammlung von Haruki Murakami. In „Von Männern, die keine Frauen haben“ („Men without Women“, hierzulande im Dumont Verlag erschienen) ist auch noch eine Geschichte über eine Krankenpflegerin, die nach dem Sex immer Geschichten erfindet, so wie Oto im Film.

Haruki Murakami ist dafür bekannt, dass er seine Figuren langsam entwickelt und allem viel Zeit und Raum gibt, so entsteht auch in dem Film „Drive My Car“ viel Raum für Gedanken, während Yasuki durch die Gegen fährt oder gefahren wird. Auch während der Theaterproben sind immer wieder Momente möglich, in denen das Publikum Verbindungen und Spiegelungen von Theater und Realität nachspüren kann.

Nicht alles ist hochernst und getragen, es gibt auch die leisen und bissigen Momente des Humors, die es braucht, um das Drama, die Verluste und das Leben zu ertragen. So wird die Frage, warum Yasuki seine Paraderolle als „Onkel Wanja“ in der Inszenierung nicht einfach selbst spielt zum unausgesprochenen Dreh- und Angelpunkt.

Es gibt Aspekte in „Drive My Car“ die muten von Beginn an seltsam an. Etwas die insgesamt am westlichen Lebensstil ausgerichtete urbane Existenz des Regisseurs und seiner Frau, die so wenig mit den (auch modernen) Japanbild gemein hat. Auch das russische Theaterstück, das in gewisser Weise als Blaupause fungiert ist an sich eigenwillig. Der rote Saab ist in einem japanischen Film dann mehr als nur exzentrisch. Und die Frage, auf welcher Straßenseite die Leute fahren, kann aufmerksame Zuschauer dann doch noch lange beschäftigen.

Drive my Car“ ist ein ruhiges Drama, das sich sehr auf seine Charaktere und die Spiegelungen im Theater stützt. Dass mag nicht alle Zuschauer:innen gleichermaßen ansprechen, ist aber ein lohnenswerter Gang ins Kino, weil es in der ruhigen Erzählstruktur der Geschichte so viel zu entdecken gibt. Gerade in der Ruhe bleibt die Verfilmung dem Autor Haruki Murakami treu, aber Regisseur Ryûsuke Hamaguchi geht auch weit über die Vorlage hinaus.

Film-Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

Drive my Car
OT: Doraibu mai kâ
Genre: Drama,
Länge: 179 Minuten, J, 2021
Regie: Ryûsuke Hamaguchi
Vorlage: Kurzgeschichte „Drive my Car“ von Haruki Murakami
Darsteller:innen: Hidetoshi Nishijima, Reika Kirishima, Toko Miura,
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Rapide Eye Movies
Kinostart: 23.12.2021

Filmseite bei REM
Murakamis Buch bei Dumont

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