Der Nil – Fluss der Flüsse: Mehr als nur ein Fließgewässer

Mit „Der Nil – Fluss der Flüsse“ erscheint 2014 eine der sehenswertesten TV-Naturdokus der jüngeren Zeit für den Hausgebrauch. Polyband brachte den dreiteiligen Beitrag der „Terra Mater“ Reihe als DVD und Blu-ray als Home Entertaiment Titel auf den Markt. Mit großartiger Bildqualität und wunderschönen und spektakulären Aufnahmen ist diese Doku in einem ohnehin immer aufwändiger werdenden Genre herausragend und das gilt auch aktuell noch. Aus dem Archiv eine bearbeitete Version der damaligen Rezension.

Die Assoziationen mit dem längsten Fluss der Erde sind vielfältig. Immer wieder ist der mächtige Fluss immer wieder Gegenstand von Dokumentationen, taucht als Schauplatz in Literatur und Film auf und prägte eine ganze Hochkultur. Ohne den Nil scheinen die Pyramiden und die Paläste des alten Ägypten undenkbar. Die österreichische Produktionsfirma Terra Mater, Spezialist für Naturthemen, hat ein dreiteiliges Flussportrait veröffentlicht, das selbstredend spektakuläre Landschafts- und Tieraufnahmen zeigt, darüber hinaus aber auch weniger bekannte Aspekte über den Nil präsentiert.

Naturfilmer, Produzent und Regisseur Harald Pokieser und sein Team haben mehr als zwei Jahre lang gefilmt. Das 150 Minuten lange Portrait der ostafrikanischen Lebensader wird in drei Teilen vorgestellt. Zunächst geht es in Folge eins „Das Land der tausend Quellen“ zu den Ursprungsregionen des Nil. Viele der Quellflüsse des Stroms haben bereits etliche Kilometer hinter sich, bevor sie den Viktoriasee in Tansania erreichen, der quasi als eigentlicher Start des mächtigen Nilabschnitts gilt.

Die wichtigsten Quellflüsse des Weißen Nil, der als Hauptstrom gilt, entspringen in den gebirgigen Regionen Ruandas und Burundis. Der ostafrikanische Grabenbruch türmte geologisch eigentümliche und faszinierende Landschaften auf: Berg-und Nebelwälder des Ruwenzori-Gebirges und der Nyugwe-Nationalpark. Auch der Viktoriasee selbst und seine Fischereinutzung werden in der ersten Folge thematisiert.

Die zweite Folge „Der Weg durch die Wildnis“ hält sich im Wesentlichen in der absurd anmutenden Landschaft auf, die sich nach dem Viktoriasee anschließt. Vor allem das riesige Sumpfgebiet Sudd Süden des Sudan macht einen Großteil der Folge aus. Das Team folgt dem Fluss und seinen tierischen Bewohner bis zur Stadt Khartum, wo die Ströme des Weißen und des Blauen Nil zusammenfließen und ihren Weg ins Mittelmeer fortsetzen. Bis zum Mündungsdelta hat der Fluss zwar etwa die Hälfte seines mitgeführten Wassers durch Verdunstung verloren, aber die Wassermassen des Nil sind noch immer gigantisch.

In der abschließenden Folge „Die Lebensader der Pharaonen“ erforscht die Doku die Quellregionen des Blauen Nil. Dieser entspringt einem schroffen Gebirge in Äthiopien. In 3500 Metern Höhe vereinigen sich im Tanasee mehrere Flussläufe schließlich zum Blauen Nil. An dessen Lauf bildeten die Nubier ihre Hochkultur aus. Die schwarzen Pyramiden sind noch älter als jene am Unterlauf des Nils. Das Reich der Nubier gehört heute ebenso zum Afrikanischen Erbe wie das Ägypten der Pharaonen.

Die Doku macht sich auch auf dem Weg zu den Ursprüngen der altägyptischen Religion und kommt so einem längst ausgetrockneten Nilzufluss auf die Spur, dem gelben Nil, der bis 500 Kilometer westlich in die Wüste führt. Schließlich werden noch die Pyramiden und die Metropole Kairo betrachtet, bevor der Nil im Delta bei Alexandria das Mittelmeer erreicht.

Die Unterwasserwelt des Nil lässt die Doku ganz bewusst beiseite, um sich auf das Geschehen an den Ufern zu konzentrieren. Gelegentlich mangelt es der optisch brillanten Doku „Nil –Fluss der Flüsse“ an einer tatsächlich menschlichen Perspektive, die die Eindrücke relativiert. Selten einmal nimmt die Kamera so auf wie das Auge tatsächlich wahrnimmt. Zumeist geht es in der Betrachtung atemberaubend nah heran oder weit weg. Die Vielzahl der tollen Tieraufnahmen von afrikanischen Wölfen in Äthiopien, Webervögeln an den papyrusbestandenen Seeufern, Schuhschnäbeln und wilden Elefanten im Sudd halten sich die Waage mit den Landschaftsportraits, den wilden reißerischen Katarakten und Stromschnellen.

Erst in der dritten Folge, rückt der Mensch etwas stärker in den Blickpunkt der Doku, auch als Kobrafänger im Nildelta. Zusammengehalten wird die das filmische Portrait durch animierte Karten, in denen quasi aus der Flugperspektive der Flussverlauf gezeigt wird und durch die man seine geografische Orientierung behält.

Bis zum Mündungsdelta hat der Zuschauer viele berauschende Landschaftsaufnahmen gesehen, die in dem hochauflösenden Bild der Blu-ray atemberaubend sind. Die Filmmacher arbeiten mit Luftaufnahmen und Teleobjektiven, so dass man die Landschaft erlebt, wie man das als Tourist schlicht nicht erreicht. Auch die Tierwelt wird mit technischer Finesse inszeniert. Super-Slow-Motion und unglaublich nah wirkende Teleaufnahmen machen ein Erleben der seltenen, häufig endemisch (also nur in dieser begrenzten Region vorkommenden) Arten zu einem wunderbaren Eindruck von Flora und Fauna.

Verglichen mit einigen der unzähligen Nildokumentarfilme ist Harald Pokiesers „Der Nil – Fluss der Flüsse“ eine der herausragenden Annäherungen an dieses großen Strom. Das ist selbstredend auch der moderneren Aufnahmetechnik geschuldet, die beispielsweise die dreiteilige Nil-Doku der BBC von 2004 nur bedingt zur Verfügung hatte. Allerdings widmet sich Regisseurin Matha Holmes auch eine Folge lang den Nilforschern und bebildert dies mit Spielszenen. Der Österreicher Harald Pokieser hingegen findet neue Aspekte und auch neue Tierbeobachtungen genug, um sich ganz darauf zu verlassen.

„Der Nil – Fluss der Flüsse“ ist eine empfehlenswerte Naturdoku, die kurzweilig und abwechslungsreich erzählt und informiert. Harald Pokieser ist ein alter Hase im Dokumentargeschäft und seit 1990 auf dem Gebiet tätig. Wie auch die Terra Mater Produktionsfirma war er lange für das ORF-Dokuformat „Universum“ tätig. Neben der Erfahrung und der guten Struktur stimmt aber auch das Budget für die aufwändige. Diese Faktoren machen dieFluss-Doku „Der Nil – Fluss der Flüsse“ so faszinierend.

Serien-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Der Nil – Fluss der Flüsse
OT: Der Nil – Fluss der Flüsse
Genre: Doku, Natur,
Länge: 150 Minuten, A, 2014
Regie: Harald Pokieser
FSK: ohne Altersbeschränkung
Vertrieb: Polyband, WVG
DVD- & BD-VÖ: 27.06.2014

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