Red Penguins: Hockey oder Hamburger?

Eine Sportdoku im eigentlichen Sinne ist „Red Penguins“ nun nicht gerade. Vielmehr geht es um die kurze, chaotische Eishockey-Kooperation der Pittsburgh Penguins mit dem russischen Armee-Club ZSKA Moskau kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Filmmacher Gabe Polsky bastelt aus Interviews und Archivbildern ein kurzweiliges und schräges Bild einer abstrusen Goldgräberstimmung. Studio Hamburg, die „Red Penguins“ auch koproduziert haben, veröffentlichen die unterhaltsame Doku nun als DVD und Blu-ray für das klassische Home-Entertainment.

Der Zerfall der Sowjetunion hat Anfang der 1990er Jahre weniger zu einer Verschiebung der globalen Machtverhältnisse geführt als vielmehr zu einer Implosion des kommunistischen Wirtschaftssystems. Es schien und scheint noch heute als hätte der Kapitalismus endgültig seinen globalen Siegeszug angetreten. Nicht nur im wiedervereinigten Deutschland sorgten die Verheißungen unbegrenzten Konsums für eine anarchische Goldgräberstimmung.

Für Russland und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion war die Umstellung des Wirtschaftssystems eine Phase des Probierens und Scheiterns. Wo früher der Staat für geordnete Verhältnisse, die Planwirtschaft für Angebot und Nachfrage sorgten, mussten nun die Menschen und Unternehmen selbst dafür sorgen, dass sie konkurrenzfähig blieben – oder wurden.

Vor allem in Sachen Profi-Sport war das eine Sisyphos-Aufgabe. Kein Wunder, dass das ehemalige Aushängeschild des sowjetischen Eishockeysports, der Armeeclub ZSKA Moskau, Anfang der 1990er kurz vor der Pleite steht. Während man früher einfach die besten Spieler durch Wehrpflicht rekrutieren konnte, waren viele der großen Sportler bereits kurz nach Glasnost in Proficlubs in der US-amerikanischen National Hockey League NHL untergekommen. Zu sehen ist das in der empfehlenswerten Sport-Doku „Red Army“, die – ebenfalls von Filmmacher Gabe Polsky gedreht – 2015 veröffentlicht wurde.

Nun also ist ZSKA fast pleite und kann trotz großer Spieler und des ikonischen Trainers Viktor Tichonow auch sportlich nicht mehr konkurrieren. Zu diesem Zeitpunkt haben die verantwortlichen der Pittsburgh Penguins eine exotische Idee und kaufen sich bei ZSKA ein. Den Penguins gehört daraufhin 50% des ehemaligen russischen Armeeclubs und man lässt ein Team für eine Saison in der IHL, der International Hockey League, einer der unteren amerikanischen Eishockey-Ligen, spielen. Der sportliche Erfolg bleibt ebenso aus wie die Zuschauer.

Der Koordinator und Ansprechpartner der Penguins in Moskau ist Steve Warshaw, ein Marketing Experte, der vom Eishockey an sich wenig Ahnung hat, bei den Russen aber schnell beliebt ist, weil er Geschenke und Dollars im Gepäck hat. Weil die Zuschauer ausbleiben, gibt es amerikanisches Freibier vom Sponsor und eine abstruse Pausenshow zwischen den Dritteln, solange bis die Eissporthalle wieder gefüllt ist. „Die Zuschauer wollten eine Freak-Show…und wir hatten eine Freak-Show“ sagt Warshaw an einer Stelle der Doku in der Rückschau.

Doch die Kooperation ist nicht von Dauer und die amerikanischen Geschäftspartner haben immer stärker das Gefühl übervorteilt zu werden und es zunehmend mit mehr oder minder kriminellen Gegenübern zu tun zu haben. Es scheint, als hätte sich die organisierte Kriminalität der so genannten Russenmafia an schnellsten auf die neuen Verhältnisse umgestellt. Warshaw und Co. wird die ganze Angelegenheit zu halbseiden und die erhofften Werbemillionen blieben letztlich auch aus.

Filmmacher Gabe Polsky („In Search of Greatness“) liefert mit „Red Penguins“ keinesfalls eine inoffizielle Fortsetzung des großartigen Sportfilms „Red Army“, vielmehr wirkt die Doku eher wie ein schrulliger Vetter, der unverhofft vor der Haustür steht. Die Machart ist sehr ähnlich, die Mischung als Archivmaterial und aktuellen Interview-Sequenzen, so genannten Talking Heads, weitgehend gleich und doch ist das Ergebnis vollkommen unterschiedlich. Zum einen, weil es schlicht weniger brauchbares Filmmaterial dieser russischen Episode zu geben scheint, zum anderen, weil es in der Hauptsache eben nicht um den Sport an sich geht, sondern um Gier und Eitelkeiten. Beides ebenfalls gewichtige Themen für eine Doku, aber eben nicht im Mantel eines Sport-Themas. Letztlich bleiben die „Red Penguins“ in der Historie der NHL und in der Chronologie des Eishockey-Sports eine Randnotiz, die zwar für ein Zeitungsinterview interessant ist, aber für einen spielfilmlangen Dokumentarfilm nicht genug zu bieten hat.

Angelegt als inoffizielle Fortsetzung des großartigen Sport-Dokumentarfilms „Red Army“ bietet diese Seite des Eishockey-Klassenkampfes eher Kurioses und Kauziges. Das ist durchaus unterhaltsam, wirkt aber bisweilen wie eine Resteverwertung des Archivmaterials. Inhaltlich und sportlich ist die Episode der Red Penguins definitiv nur eine Randnotiz im Eishockey-Sport. Daher ist „Red Penguins“ eher für Fans empfehlenswert oder für solche Zuschauer:innen, die auf humorvoll, exzentrische Dokus stehen.

Film-Wertung: 5 out of 10 stars (5 / 10)

Red Penguins
OT: Red Penguins
Genre: Doku, Sport,
Länge: 79 Minuten, USA/D, 2019
Regie: Gabe Polsky
Mitwirkende: Steve Warshaw, Howard Baldwin, Waleri Gushin,
FSK: Ab12 Jahren
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises
DVD- & BD-VÖ: 09.04.2021

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