Caroline Baldwin – Sammelband 1: Die dunkle Seite des Mondes

Bei Schreiber & Leser, dem umtriebigen Verlag mit feinen Comics für Erwachsene, steht demnächst bereits Nachschlag in Sachen Kult-Detektivin Caroline Baldwin an: Sowohl der zweite Sammelband als auch das 18. Abenteuer der Detektivin sollen im Mai auf den Markt kommen. Dabei wurde auf diesen Seiten noch nicht einmal der erste, schön editierte Sammelband des frankobelgischen Kriminalklassikers im Stil der Klaren Linie vorgestellt. Jetzt aber endlich: Vorhang auf für André Taymans‘ „Caroline Baldwin“:

Es beginnt mit einem Abschied und einem Experiment. Denn eigentlich wollte der 1967 geborene belgische Comic-Künstler André Taymans mal etwas anderes tun, als nur die Stories anderer zu bebildern und so versuchte er sich auch als Autor, oder wie man in der franko-belgischen Comic-Szene sagt, als Szenarist. Taymans wollte ein erwachsenes Publikum ansprechen und Themen, die im Comic oder in der Graphic Novel seinerzeit, Mitte der 1990er Jahre, noch selten zum Tragen kamen. Also handelt „Moon River“ von einem depressiven Astronauten, der spurlos verschwindet.

An einen Krimi, geschweige denn einen Serie dachte André Taymans damals noch gar nicht. Allerdings erkannte einer der Verlagsverantwortlichen in der Story Potential und zwar in der Figur der Detektivin, die erst im Verlauf der Story in Erscheinung tritt. Taymans ließ sich überzeugen und schrieb die Geschichte entsprechend um, so dass sie eher ins literarische Krimi-Genre passte und auch etwas verruchter wurde. Der Erfolg von „Moon River“ gab den Machern Recht.

Die Story erscheint zuerst als Dreiteiler in einem Comic-Magazin, wurde dann als Album veröffentlicht und war schnell vergriffen. Eventuell lag das auch daran, dass André Taymans seine Detektivin als Antiheldin konzipiert, die mit frechem Kurzhaarschnitt so gar nicht dem Klischee eines Vamp entspricht, aber als selbstbewusste unabhängige Frau ihren Weg geht und sich wenig um gesellschaftliche Moralvorstellungen schert. Aus heutiger Sicht wirken Caroline Baldwins eingestreute Liebesabenteuer sicher etwas plump und wie eine umgesetzte Männerfantasie, aber das ist auch dem Zeitgeist geschuldet und immer noch meilenweit entfernt von den vollbusigen freizügigen Weibchenfantasien des (amerikanischen) Fantasy-Comic-Genres entfernt.

Aber zurück zum Wesentlichen: „Caroline Baldwin“ hatte bald eine treue Leserschaft und die Geschiechten von André Taymans wurde diffiziler und vielschichtiger wie auch die stilistische Ausprägung des zeichnerischen Erzählens. Wenn man den 17. Band „Narco-Tango“ vergleicht mit den vier Stories im ersten Sammelband wird augenscheinlich, dass sich nicht nur die Caroline Baldwin entwickelt hat, sondern auch der Autor und Zeichner André Taymans.

Was die Geschichten und Fälle von Caroline Baldwin auszeichnet sind weder Spannung noch Action im klassischen Thrillersinn, dafür sind die Charaktere und die Settings der Geschichten ebenso stimmig wie durchdacht. Man könnte die Abenteuer wohl als Charakter-getriebene Dramen verstehen, die sich das Krimi-Genre zu Nutze machen, um starke Geschichten zu erzählen. Dabei steigern sich die vier Stories, die eigentlich nur drei sind, in ihrer Qualität ganz erheblich.

In Deutschland wurden die Alben um Caroline Baldwin bei dem Verlag Comic Plus bis zum zwölften Abenteuer aufgelegt. Der Serienauftakt hieß seinerzeit „Astronaut am Abgrund“ in dem neuen Sammelband bei Schreiber & Leser heißt die Geschichte wieder „Moon River“, da sie sich nicht nur auf die Reise zum Mond, sondern auch auf den Song bezieht. Und wie eingangs erwähnt, dauert es einige Seiten, bis Caroline Baldwin den Fall übernimmt, damals noch als angestellte Privatdetektivin.

In „Moon River“ verschwindet der ehemalige Astronaut Frank White, der als Berater für einen Technologie-Konzern arbeitet kurz vor Abschluss eines wichtigen Deals mit einer Japanischen Firma. Caroline Baldwin wird beauftragt, den Mann wiederzufinden. Die Detektivin stößt auf Hinweise, dass White nach Europa abgehauen ist, auf den Spuren einer verflossenen Liebe, und reist ebenfalls über den Atlantik.

In dem zweiten Abenteuer „Kontrakt 48-A“ verarbeitet Taymans Caroline Baldwin in ihre indianische Herkunft und präsentiert eine packende Story um Menschenversuche mit Plutonium. Caroline bekommt zwielichtigen Beistand von einem attraktiven Agenten und erneut führt die Geschichte aus der neuen Welt ins alte Europa. André Taymans sorgt für mehr Action und mehr Erotik als im Auftakt der Reihe.

In „Der Tote im Pool“ geht es um einen Ghostwriter, der ermordet wird. Da der Slang-Ausdruck für solche verborgen agierenden Dienstleister den Verlegern als Titel zu rassistisch erschien, wurde der ursprünglich geplante Titel in das nichtssagende „Der Tote im Pool“ geändert. Die Geschichte kann sich dennoch sehen lassen und weil der Verlag die Albenlänge mitten in der Arbeit zu diesem Abenteuer von 64 auf 48 Seiten kürzte, machte André Taymans aus der Not eine Tugend macht gleich einen Zweiteiler aus der Geschichte. Die im vierten Band „Showdown in Havanna“ zu einem packenden und exotischen Ende kommt.

Hintergrundinformationen wie obige können die Leser:innen auch dem herrausragenden und informativen Vorwort von Anne Matheys entnehmen, das diesen wunderbar ausgestatteten Sammelband mit vielen Abbildungen einleitet. Hardcover-Ausgabe und Lesebändchen sorgen für hochwertigen Krimi-und Comic-Genuss.

Obwohl die ersten Abenteuer von Caroline Baldwin nicht gerade zu den filgransten, coolsten oder ikonischsten des Krimi-Genres gehören, gelingt es der Reihe einen gewissen Lesesog zu entwickeln, der auch heute noch eine Klasse für sich ist. Die Geschichten sind gut konstruiert und halten die Leser:innen bei der Stange. Das liegt neben den bereits erwähnten Faktoren eigenwillige Heldin, gut entwickelte Charaktere und starke dramatische Geschichten vor allem daran, dass die Schauplätze eine gewisse Authentizität bieten. André Taymans war es von Beginn an wichtig, dass die Schauplätze realistisch rüberkommen.

Viele Settings wurde besucht und sind von eigenen Recherchen geprägt. Egal, ob das das an Frank Lloyd Wrights Architektur erinnernde Haus des Astronauten in „Moon River“, die actionreiche Brückensequenz in New York und die sommerlichen Ski-Lifte in „Kontrakt- 48-A“ oder das hinterwäldlerische amerikanische Kleinstadtmilieu und das brodelnde karibische Nachtleben in Havanna, in allen spüren die Leser, dass da jemand das Flair der Locations wahrlich eingefangen hat.

Der erste Sammelband von „Caroline Baldwin“ legt hierzulande einen Klassiker des Kriminal-Comics wieder auf. Freunde der Ligne Claire und des klassischen französischen Krimis sollten sich „Caroline Baldwin“ auf jeden Fall merken. Die eigenwillige Privatermittlerin gehört mittlerweile zu den großen Detektiv-Figuren des Genres.

Comic-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Caroline Baldwin: Sammelband 1
OT: Caroline Baldwin Integrale vol. 1, Editions Paquet, 2017
Genre: Comic, Krimi,
Autor & Zeichner: André Taymans
Kolorist: Bruno Wesel
Übersetzung: Harald Sachse, Omür Gül,
ISBN: 978-3965820470
Verlag: Schreiber & Leser, Hardcover, 240 Seiten
VÖ: 06.01.2021

Inhalt: „Moon River“, „Kontrakt 48-A“, „Der Tote im Pool“, „Showdown in Havanna“.

Andrè Taymans Webseite (französisch)

Caroline Baldwin bei Schreiber & Leser

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