Tove: Wer tröstet Toffel?

Die finnische Künstlerin und Autorin Tove Jansson wurde mit ihren Trollfiguren „Die Mumins“ (englisch Moomins) weltberühmt. Doch der Erfolg kam nicht auf der Stelle. Die filmische Künstlerbiografie „Tove“ von Regisseurin Zaida Bergroth zeigt die Künstlerin vor allem in einer Zeit, als sie mit ihrem Künstlerdasein und ihren Beziehungen hadert. Wer viel über die Mumins erfahren möchte, ist in „Tove“ falsch, wer sich der vielseitigen und vielschichtigen Künstlerin nähern möchte, hat dazu nun die Gelegenheit: ab dem 24. März 2022 im Kino.

Es ist nicht leicht, sich als Kind erfolgreicher Eltern zu behaupten. Tove Jansson (Alma Pöysti) ist selbst bildende Künstlerin im finnischen Helsinki, aber weder bekommt sie staatliche Stipendien um ihre Kunst zu finanzieren, noch bekommt sie die Anerkennung der Künstlerkolleg:innen. Ihr Vater ist ein erfolgreicher Bildhauer, dessen Mentoren-Gehabe Tove immer wieder ablehnt, und auch ihre Mutter, zu der sie ein inniges Verhältnis hat, ist eine erfolgreiche Grafikerin.

In den letzten Monaten des zweiten Weltkrieges sucht sich Tove ein eigenes Heim. Sie zieht in eine große ungeheizte Altbauwohnung, repariert die Elektrik selbst, so dass ihr Freund später einen Schlag bekommt, als er das Licht anstellen will. Nicht immer schafft es Tove, die Miete rechtzeitig zu bezahlen. Ein Gemälde als Wette auf den zukünftigen Erfolg will ihre rüstige Vermieterin nicht akzeptieren.

Bei einer Party der Künstlerkolonie in Finnlands Hauptstadt lernt Tove den verheirateten sozialistischen Abgeordneten Arto Wirtanen (Shanti Roney) kennen. Arto führt eine eher freie Ehe und Tove beginnt eine Beziehung mit Arto. Der Politiker ist auch, der sie überredet ein Kinderbuch mit ihren Zeichnungen zu veröffentlichen. Doch der Erfolg bleibt aus. Später kommt Arto mit der Idee wöchentlicher Mumin-Comics in einer sozialistischen Zeitung daher. Das hilft der zweifelnden Künstlerin sich durchzuschlagen.

„Zuhause haben wir Mitleid mit den Menschen, die keine Künstler sind.“ (Tove zu Kurt Bandler)

Als die Theaterregisseurin Vivica Bandler (Krista Kosonen) bei einer Ausstellung auf Tove aufmerksam wird, verschafft sie der Künstlerin zunächst einen kleinen Auftrag. Später dann bahnt sich zwischen den beiden Frauen eine Romanze an, die auch immer wieder ihre Probleme hat, unabhängig von Zeitgeist und herrschenden „Guten Sitten“. So wandelt Tove mal mutig mal traurig durch das Mumintal ihrer künstlerischen Selbstfindung und die Kometen emotionaler Ausnahmezustände.

Regisseurin Zaida Bergroth legt ihre Künstlerbiografie sehr konventionell an. Der Wille, den Menschen hinter der bekannte Erfolgsautorin und –zeichnerin zu zeigen, ist offensichtlich. Schauspielerin Alma Pöysti trägt den Film mit ihren fragenden Augen ebenso wie mit den kleinen Gesten und verträumten Tanzeinlagen.

Das ist schon erstaunlich, weil Tove Jansson bekanntermaßen einen Hang zur Schwermut hatte, und die Filmfigur auch durchaus introvertiert rüberkommt. Normalerweise und eingedenk der finnischen Grundverschlossenheit reicht es nicht, mit ruhigem Agieren vor der Kamera zu bestehen. Bei „Tove“ aber schon. Hat sich das Publikum erst einmal eingesehen, lässt sich in Almas Gesicht sehr viel Tove ablesen.

Abgesehen von der eigenwillig charismatischen Hauptfigur fällt vor allen die Lichtqualität auf, die durchaus speziell ist. Das grobkörnige (andernorts war von 16mm zu lesen) und das künstlich Beleuchtete mag den langen finnischen Winter ebenso darstellen wie das bisweilen zwielichtig ausgeleuchtete Innenleben der Künstlerin. Ich gestehe, das durchaus eigene Beleuchtungskonzept in „Tove“ gehört für mich nicht zu den Qualitäten des Films.

„Ich liebe dich.“ „Ich liebe Paris.“ (Tove und Vivica)

Eventuell wäre es auch etwas abwechslungsreicher gewesen, nicht nur die beiden – sicherlich prägenden – Beziehungen von Tove in den Mittelpunkt des Films zu stellen. Es entsteht in dieser Dreieckskonstellation eine Beziehungsdynamik, die einerseits nicht so herausragend dramatisch ist, wie sie eventuell angedacht war, und andererseits bisweilen unverständlich flüchtig bleibt. Das ist viel Bemühen der Charaktere, die jeweils anderen nicht zu verletzen. Immer wieder jedoch ist die Art der Bindung ein Thema, das dann doch zu Unvereinbarkeit führt. Allein, dass hier bisexuell agiert wird, bedeutet nicht zwangsweise, dass es interessanter ist, wie die Beziehungen sich entwickeln.

Sehenswert, wenn auch nicht sonderlich überraschend, ist vor allem die Suche der Tove Jansson. Die Suche nach ihrer Stimme in der Kunst, ihrem Mittel des Ausdrucks. Als moderner Comic-Fan und jemand der auch die literarische Qualität von Kinderbüchern zu schätzen weiß, ist es schon irritierend, dass sich Tove Jansson so lange als Malerin quält, während ihr Karikaturen und Zeichnungen so flott, zielsicher und originell von der Hand zu gehen scheinen. Das sagt auch viel über den Zeitgeist und zeigt wie sehr ein Mensch sich mit den eigenen Talenten aussöhnen muss. Der Titel des Reviews „Wer tröstet Toffel“ ist übrigens der von Tove Janssons zweitem Bilderbuchvon 1960, das zwar im Mumintal spielt, in dem aber keine Mumins vorkommen.

Als biografisches Künstlerporträt fokussiert sich „Tove“ auf die suchenden Jahre der eher erfolglosen Malerin Tove Jansson und die beiden prägenden Beziehungen in dieser Lebensphase. Das ist nicht immer hochinteressant, aber Hauptdarstellerin Alma Pöysti wuppt auch die Biederkeit der Bohème-Darstellung und sorgt für einen sehenswerten Blick auf die „Muminmutter“.

Film-Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Tove
OT: Tove
Genre: Biopic, Drama,
Länge: 100 Minuten, FIN/S, 2020
Regie: Zaida Bergroth,
Darsteller:innen: Alma Pöysti, Shanti Roney, Krista Kosonen
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Edition Salzgeber
Kinostart: 24.03.2022

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