Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung

Den zynischeren Kinozuschauer:innen fällt an dieser Stelle der Tocotronic-Song „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ ein, ältere und linksliberalere werden sich an ihre bewegten Jahre des Heranwachsens erinnern und eher jugendliche Zuschauer:innen mögen gebannt auf längst vergangenen Zeiten blicken. Dabei ist Tobias Frindts Dokumentarfilm über die Geschichte der Jugendzentren in Deutschland alles andere als nostalgisch oder rückwärts gewandt – im Gegenteil: die sehr lebendige Doku blickt auf einen auch heute noch wichtigen und aktuellen Aspekt der Jugendkultur.

Wenn sich die Interviewpartner in „Freie Räume“ an ihre aktiven Zeiten erinnern und an die Geschichte der Jugendzentrumsbewegung, so ist die Selbstermächtigung der Jugend zu Beginn der 1970er Jahre eine direkte Folge der Studentenbewegung von 1968. Der gesellschaftliche Impuls sich gegen die restriktive, spießige und normierte Nachkriegsgesellschaft zu stellen und seine eigene individuelle Freiheit in Lebensform und Ausdruck einzufordern, hat sich aus den Hörsälen auch auf die Jugendlichen übertragen. Zunächst in den Städten, später aber auch in den ländlichen Gemeinden begannen die Jugendlichen einen selbstverwalteten, autonomen Raum für sich zu beanspruchen, in dem die Kids sich eben ausprobieren konnten.

Selbstredend geben Erwachsene, politische Entscheidungsträger und Machthabende nicht einfach so Räume, Finanzmittel und Aufsichtspflichten her, aber der gesellschaftliche Druck wurde – regional unterschiedlich – so groß, dass die Kommunalpolitik sich mit der Jugend befassen musste. Nachdem einmal dargestellt wurde, wie die Selbstverwaltung durch diverse Fachschaften, Gremien, Delegierte und einen Trägerverein als juristische Person funktionieren soll und kann, hatten die Erwachsenen kaum Gegenargumente. Vor allem, wenn man die Jugendzentren wie auch die bislang betriebenen Jugendhäuser direkt aus dem Jugendschutzgesetz herleiten kann, wie Heiner Geißler in einer TV-Sequenz so schön darlegt.

Doch die damaligen Aktivisten erinnern sich, dass nicht alles Gold war, was glänzte; dass bei aller Ausstattung und fantasievollen Selbsterprobung nicht alle Zentren funktionierten. Vor allem jene, die sich darauf eingelassen hatten, mit einen einmaligen Budget Räume und Häuser flott zu machen und nicht in einen dauerhaften Dialog mit der Kommunalverwaltung traten, waren schnell am Ende – vor allem der Finanzmittel für den laufenden Betrieb.

Aber genug von den Anfängen der Jugendzentrumsbewegung, die in der Doku von Tobias Frindt zwar den meisten Platz einnehmen, aber beileibe keinen Endpunkt darstellen. Zwar hatte die Bewegung als landesweites, gut vernetztes Geflecht von kommunalen Jugendzentren ihren Höhepunkt in den Jahren von 1971 bis 1974, aber später gab es andere Impulse, die der Jugendzentrumsbewegung wieder spürbaren Aufschwung gaben. Als sehr einflussreich können die Hausbesetzer-Szene zu Beginn der 1980er Jahre angesehen werden und die zunehmende musikalische Punk- und Hardcore-Szene der zweiten und dritten Welle in den 1990ern. Viele der Bands, die sich auch als politisch links und antifaschistisch verstanden und verstehen haben ihre DIY-Ursprünge in einem Jugendzentrum, da hier Instrumente, Proberäume, Auftrittsmöglichkeiten und Publikum verfügbar waren.

Heute haben sich die Jugendzentren sehr stark diversifiziert, während das Alternative Jugendzentrum in der ostdeutschen Kleinstadt Leisnig vor allem ein Schutzraum gegen nationale Tendenzen und Bedrohungen ist, haben im Saarland in vielen Gemeinden die Jugendzentren die Pflege und Wahrung dörflicher Traditionen auf ihre Fahnen geschrieben und leisten einen anderen unschätzbaren kulturellen Beitrag. Insgesamt zeigt „Freie Räume“ eine äußerst lebendige Szene.

Regisseur und Dokumentarfilmer Tobias Frindt begann seine Doku ursprünglich als Abschlussarbeit und das Jugendzentrum in seiner Studienstadt Mannheim, was Zuschauer:innen dem Film, auch noch anmerken. Doch schnell wurde klar, dass da eine breitere Betrachtung und ein größerer Themenkreis sichtbar wurde und Frindt weitete seine umfassenden Recherchen aus und schuf so in monatelanger Kleinarbeit und aufopferungsvoller Recherche ein bundesweites und zeitgeschichtlich-historisches Bild eines immer noch hoch spannenden kulturellen Phänomens.

dabei war das grundlegende, 2015 erschienenen Buch „Freizeit ohne Kontrollen“ von David Templin, der auch im der Doku zu Wort kommt, sicher mehr als hilfreich. Nun kommt der sehenswerte Dokumentarfilm im Vertrieb von Drop-out Cinema auch in die Kinos. Sehens- und lesenswertes Infomaterial findet sich darüber hinaus auf der Film-Homepage, heute sagt man scheinbar Landing Page. Ich kann die zusätzlichen Infos und Interviews nur empfehlen.

„Freie Räume“ zeigt ein umfassendes und sehr lebendiges Bild der Jugendzentren als Rückzugs- und Erprobungshort ganzer Generationen junger Leute in Deutschland. Der Film gibt keinen Lagebericht, zeigt aber Tendenzen und Entwicklungen der Jugendkultur im Lauf der Jahre. Dabei kommen haufenweise gesellschaftliche Fragen aufs Tableau, die nachwirken. Und so ist „Freie Räume“ nicht nur zeitgeschichtlich interessant, sondern ein gewichtiges Argument, in der Politik und im Gesellschaftlichen Leben die Zukunft nicht zu vernachlässigen – die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Jugend.

Film-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung
OT: Freie Räume – Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung
Genre: Dokumentarfilm, Gesellschaft,
Länge: 102 Minuten, D, 2019
Regie: Tobias Frindt
Mitwirkende: Silke Brockmann, Barbara Straube, Bernd Köhler, David Templin
FSK: nicht geprüft,
Vertrieb: Drop-out Cinema
Kinostart: 24.09.2020

Film-Homepage mit Kinofinder sowie zusätzlichem Info- & Videomaterial

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