New Mutants: Pyjamaparty mit Dämonenbär

Wie bei jeder neuen Superhelden-Verfilmung weiß ich wieder nicht wo mir der Kopf steht, es gäbe so unendlich viele Aspekte vorzutragen und zu diskutieren, die dann aber doch alle zu weit führen würden und so geradezu danach schreiben, kanalisiert und fokussiert zu werden. Im Falle der seit drei Jahren überfälligen „New Mutants“ kommt dann auch noch Business-Konfusion dazu, die es nicht einfacher machen, sich dem Film zu nähern. Also atmen, sammeln und da anfangen, wo es immer anfängt: Ja, ich mag Superhelden. Und Ich freue mich auf den Film, seit er angekündigt wurde. Ich wurde gut unterhalten. Warum, ist eine gute Frage.

Die junge Cheyenne Indianerin Danielle Moonstone (Blu Hunt) hat Traumatisches erlebt: Das gesamte Reservat wurden von einem Tornado vernichtet und ihre Eltern getötet. Danielle ist die einzige Überlebende und findet sich in einem Hospital wieder. Die Ärztin Doktor Reyes (Alice Braga) erklärt der verstörten Sechzehnjährigen, dass sie in der Einrichtung nur zum Selbstschutz eingesperrt wäre. Danielle verfüge über spezielle Fähigkeiten, die sie selbst noch gar nicht erfasst habe. Um diese Mutanten-Kräfte zu untersuchen und kontrollierbar zu machen, sei Danielle in dem Hospital.

Genau wie ihre Mitpatienten, die alle spezielle Fähigkeiten haben und dies nicht nur auf dramatische Weise herausfanden, sondern dabei auch andere Menschen gefährdet haben. Doch nicht alle sind von Doktor Reyes Therapieansatz und den Gesprächskreisen begeistert. Während sich Danielle schnell mit Rahne Sinclair (Maisie Williams), die sich in einen Wolf verwandeln kann, anfreundet, steht ihr Illyana Rasputin (Anya Taylor-Joy), die fast nur mit ihrer Drachenhandpuppe spricht, offen feindselig gegenüber. Die beiden Jungs in der Gruppe haben genug mit sich selbst zu tun: Roberto da Costa (Henry Zaga) neigt dazu tödliche Hitze zu entwickeln, wenn sein Puls steigt, und Sam Guthrie (Charlie Heaton) kann die kinetische Energie nicht zügeln, die ihn wie eine Kanonenkugel durch die Gegend schleudert.

„Weißt du eigentlich, dass Baby-Klapperschlangen viel gefährlicher sind als ausgewachsene? Sie können die Giftmenge ihrer Bisse nicht kontrollieren.“ (Dr. Reyes)

Obwohl Danielle daran interessiert ist, zu verstehen, was mit ihr passiert, häufen sich die Momente, in denen sie sich eingesperrt fühlt. Ganz so, als wären die jungen Leute nicht in einem Hospital, sondern in einem Gefängnis. Die Stimmung in der Gruppe spitzt sich zu, weil einige Patienten finstere, bedrohliche Alpträume bekommen und Doktor Reyes diese nicht ernst nimmt.

Der Film „New Mutants“ von Regisseur Josh Boone basiert auf dem bahnbrechenden Comic-Storybogen „Höllenbiest“, der 1984 von Autor Chris Claremont und Zeichner Bill Sienkiewicz über die US-Ausgaben 18-21 der Comic-Serie „New Mutants“ entwickelt und realisiert wurde. Mehr dazu in der Comic-Review. Nur soviel: Vor allem das experimentelle, teilweise abstrakte Artwork hat dazu geführt, dass die Story Kult-Status hat, aber auch die tiefenpsychologischen Story-Aspekte waren seinerzeit für einen Teenie-Comic überraschend und gewagt. Der Film bleibt überraschend nah an der Vorlage.

„Atmen. Kontrollieren. Kontrollieren. …und Kontrollieren.“ (Dr. Reyes)

Und jetzt fangen meine Probleme an: Ich bin und bleibe ein alter Comic-Nerd, der sich während des Films, der definitiv seine Längen und Schwächen hat, immer wieder in den analytischen Abgleich mit der Vorlage begeben kann und daraus Freude, ja Begeisterung ziehen kann. Es bleibt aber ein Fakt, dass „The New Mutants“ weniger ein Superhelden-Film ist, als ein Horror-Streifen für Teenies, die zufällig übersinnliche Fähigkeiten haben. Darin, also mit der fantastisch überhöhten Coming of Age Thematik, fügt sich „The New Mutants“ nahtlos in die X-Men Mythologie ein.

So atmosphärisch und düster die Umsetzung als Anstalts-Horror „zwischen „Breakfast Club“ und „Einer Flog übers Kuckucksnest““(Zitat Stacy Snider Fox CEO) ist, gerade in der Einführung seiner Charaktere offenbart New Mutants“ Schwächen. Danielle Moonstone ist eindeutig das emotionale Zentrum des Films und ihre traumatischen Erfahrungen und das zwangsweise Einleben in einen neue Gruppe und Umgebung sind emotional stimmig und überzeugend in Szene gesetzt. Darauf lassen sich etliche Grusel-Effekte einsetzen.

Allerdings bleiben die Mitpatienten, die letztlich ja ein Team bilden sollen, vergleichsweise blass. Hier krankt der Film etwas an seiner Prämisse, sich von anderen Superhelden-Filmen zu unterscheiden. Unterschwellig können die jungen Heldinnen in „New Mutants“ und die indigenen Aspekte der Hauptfigur auch als Reflektion über das gegenwärtige Amerika gelesen werden. Ein politischer Film ist „New Mutants“ aber definitv nicht.

Der andere Aspekt, der eventuell auf einem Missverständnis beruht, ist die psychologische Dimension des Grauens und des Horrors, die beide weit über das Maß hinausgehen, was in einem Grusel-Film für junge Erwachsene so üblich ist. anders als beispielsweise „Ouija“ oder Unkown User“ thematisiert „New Mutants“ das Böse nicht als jenseitige Bedrohung, sondern als diesseitig und traumatisch. Während ihre Mitpatienten Ausgrenzung, Verfolgung und Missbrauch ertragen mussten, schleppt Danielle Moonstone ihre Dämonen sehr physisch mit sich herum. Das sind starke Argumente für diesen im Grunde sehenswerten Film, der abgesehen von Maisie Williams („Game of Thrones“) ohne große Namen auskommt.

„Was weiß ich schon. Vielleicht hätten wir beide springen sollen.“ (Rahne)

Leider aber wird das Film-Vergnügen überschattet von diversen Verschiebungen, die bereits begannen, bevor Disney die 20th Century Fox übernommen hat. Das „New Mutants“-Projekt begann 2015, sollte damals 2017 in die Kinos kommen, dann wurden Produktion und Filmstart verschoben. Es gab Gerüchte und Absichten, den Film in Nachdrehs zu überarbeiten und dann waren die Neuen Mutanten den anderen Superhelden-Kinostarts als Konkurrenz im Weg. Letztlich beschloss Disney den Film im April 2020 in die Kinos zu bringen, als die Corona-Pandemie den Starttermin weiter nach hinten verschob. Genug Zeit also für jedermann, den Film schon vorab mies zu machen und schlecht zu reden.

Apropos Disney: Nachdem der Unterhaltungskonzern, der die Marvel-Filmrechte besitzt, beschlossen hat, dass die „New Mutants“ zukünftig kein Teil des Marvel Cinematic Universe werden sollen, ließ man auch von der Idee ab, weiteres Geld in diese Projekt zu stecken. Nach übereinstimmenden Verlautbarungen diverser Produktionsbeteiligter, kommt der Film nun so in die Kinos, wie er von Regisseur Josh Boone und Mitautor Knate Lee beabsichtig und gedreht worden ist. Folglich gibt es auch keine Abspann-Szene zu verpassen.

Das beinhaltet auch ein konvertiertes 3D Kino-Erlebnis, das der Presse nicht gezeigt wurde. So dass darüber auch keine Aussagen gemacht werden können. Insgesamt wirkte die Projektion relativ düster im Sinne von ungenügend ausgeleuchtet, was bei nachträglich konvertiertem Bildmaterial häufig vorkommt. Die Effekte konnten sich zwar durchaus sehen lassen, sorgten aber auch nicht für ein Aha-Erlebnis. Und ehrlich gesagt geht es mir bei Comic-Verfilmungen auch eher um eine funktionierende Story als um Special Effekte.

Was bleibt, ist eine ambitionierte Superhelden-Comic-Verfilmung, die sich vom Rest des Genres unterscheidet und doch in die X-Men-Reihe hineinpasst. Über weite Strecken unterhält „New Mutants“ trotz Schwächen spannend und gruselig, muss sich etwa hinter „X-Men: Apokalypse“ nicht verstecken. Zuschauer:innen kommen auf ihre Kosten, sofern sie nicht vergessen, dass her nicht die fröhlichen Avengers-Stars am Werk sind, sondern verwirrte Teenies auf der Suche nach einem Platz in der Welt.

Film-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

„New Mutants“
OT: New Mutants“
Genre: Superhelden, Fantasy, Horror, Science-Fiction
Länge: 94 Minuten, USA, 2019
Regie: Josh Boone
Darsteller: Blu Hunt, Maisie Williams, Alice Braga,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Disney
Kinostart: 10.09.2020

Copyright der Film-Stills by Disney

Der Kinobetrieb in Deutschland läuft langsam und mit Auflagen wieder an; und doch ist vieles anders als vor der Corona-Pandemie. Ob die Kinos eures Vertrauens tatsächlich wieder bespielt werden, und ob die Filme auch bundesweit zum offiziellen Veröffentlichungstermin starten, lässt sich momentan nicht gewiss sagen.

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