Ivanhoe: Der Vater aller Mittelalterspiele

Die Geschichte um den heimkehrenden Kreuzritter „Ivanhoe“ gilt als einer der einflussreichsten Romane von Sir Walter Scott und weil die Story Abenteuer, Historie und Romanze geschickt verbindet, gibt es auch zahlreiche Verfilmungen des Stoffes. Die BBC-Mini-Serie „Ivanhoe“ von 1997 zählt zu den besseren und ist 2011 auch bei uns als DVD-Premiere auf Deutsch erschienen.

Als der schottische Autor Sir Walter Scott 1819 den historischen Roman „Ivanhoe“ veröffentlichte, traf er mit der Mischung aus historischem Abenteuer, gesellschaftlichen Großkonfliken der damaligen Zeit und den tragischen Romanzen einen Nerv der Leserschaft und löste im angelsächsischen Sprachraum einen Boom für Mittelalterromane aus; „Ivanhoe“ hat quasi ein literarisches Genre begründet. Kein Wunder, dass die beliebte Rittergeschichte immer wieder als Inspiration für Verfilmungen herhalten darf. Wer weiß, wann wieder eine Hollywood-Verfilmung auf der Kinoleinwand zu erwarten ist?

Im 12. Jahrhundert ist England eine gespaltene Nation: Der eigentliche König Richard Löwenherz (Rory Edwards) ist jahrelang mit den Kreuzzügen beschäftigt und wird bei seiner Rückkehr aus Palästina in Österreich gefangen gehalten. In der Zwischenzeit regiert Johann Ohneland, Prinz John (Ralph Brown), das Königreich und hat Besseres zu tun, als das Lösegeld für seinen Bruder Richard zu beschaffen. Doch dem Land geht es nicht gut: Zwischen den Angelsachsen und dem normannischen Adel gibt es tiefe Feindschaft, die arme Bevölkerung hungert und Prinz John stellt unverhohlen Machtansprüche.

Der Kreuzritter Wilfred von Ivanhoe (Steve Waddington) kehrt inkognito nach England zurück. Ihm haftet der Makel an, dass er König Richard verraten haben soll. So gibt sich Ivanhoe auch nicht zu erkennen, bis er das Gut seines Vaters (James Cosmo) erreicht. Dort findet gerade die Verlobung von Lady Rowena (Victoria Smurfit) mit einem angelsächsischen Prinzen statt. Rowena und Ivanhoe lieben sich schon seit Kindheitstagen. Um seinen Ruf wiederherzustellen muss Ivanhoe allerdings zunächst den normannischen Kreuzritter Brian De Bois-Guilbet (Ciarán Hines) dazu bringen, die Wahrheit sagen.

Nachdem Ivanhoe dem jüdischen Geldverleiher Isaac von York das Leben gerettet hat, stellt dieser dem Kreuzritter eine Rüstung und ein Pferd zur Verfügung, damit Ivanhoe an einen Ritterturnier teilnehmen kann. Dort taucht ein mysteriöser schwarzer Ritter auf, nachdem es im Nahkampf zwischen Sachsen und Normannen zu einem Gemetzel kommt und Ivanhoe schwer verwundet wird. Der schwarze Ritter ist König Richard, der aus der Gefangenschaft entkommen ist und nun seinen Thron zurückerobern will. Unerkannt streift er durch die nordenglischen Wälder und trifft dort auf eine Horde Gesetzloser unter der Führung eines Robin von Locksley (Adan Gillet).

Währenddessen spitzt sich der Konflikt zwischen normannischem Adel und den Sachsen immer weiter zu und auch Isaak von York (David Horovich) und seine schöne Tochter Rebecca (Susan Lynch) geraten zwischen die Fronten. Während sich Rebecca in Ivanhoe verliebt, hat auch De Bois–Guilbert ein Auge auf die heidnische Schönheit geworfen. Mit fatalen Folgen: Der Großmeister des Templerordens (Christopher Lee), verurteilt Rebecca als Hexe.

Die 1997 entstandene britische TV-Adapttion des Klassikers setzt auf eine werkgetreue Umsetzung und in den 300 Minuten, wird das mittelalterliche England in all seinen Schattierungen entfaltet. Die desolate Stimmung und auch der nach den Kreuzzügen aufkeimende Antisemitismus werden gekonnt in die Handlung verwoben. Das Drehbuch von Debora Cook wird von Regisseur Stuart Orme ansprechend und mit viel Schwertgeschwinge und viel tragischer Romantik inszeniert. Sowohl Cook als auch Orme sind erfahrene TV-Hasen und wissen das Format der Mini-Serie gekonnt auszunutzen.

Kostüme und Schauplätze sind überzeugend, bodenständig realistisch und keineswegs überkandidelt. Anders als beispielsweise in der dreifach Oscar-nominierte Hollywood-Variante von 1952 setzt man nicht mehr auf Glanz und Pomp, sondern auf einen erdigeren Realismus, der nicht nur dem Budget geschuldet ist, sondern auch eine inzwischen veränderten Sichtweise auf die Verfilmung mittelalterlicher Stoffe beweist.

Schauspielerisch kann die Mini-Serie einige Hochkaräter aufweisen, die heutzutage durchaus namhafte Schauspieler sind. Durchweg ist die Besetzung überzeugend und beweist einmal mehr, dass es in England Unmengen großartiger Darsteller gibt. Es überrascht nicht, dass gerade die tragischen und schurkischen Figuren mehr reiz besitzen, als die klaren Helden. Das wusste wohl auch schon Sir Walter Scott, sonst hätte er seinen ritterlichen Ivanhoe nicht schon so früh auf die Bretter geschickt, während sich sein Gegenspieler De Bois-Guilbert als tragischer Liebender outet.

Die Mini-Serie „Ivanhoe“ überzeugt mit Zeitkolorit und großartigen Darstellern, dass die Story an sich aus heutiger Sicht so ihre Klischeemomente hat, kann man der Verfilmung nicht ankreiden. Nur gegen Ende wird es sprachlich dann doch etwas zu neumodisch flapsig, aber das mag an der Übersetzung liegen. Dass der legendäre Robin Hood in „Ivanhoe“ als Nebenfigur auftritt ist von Sir Walter Scott durchaus gewollt und hat übrigens in der Folge sehr zum heute verbreiteten Bild des Mythos beigetragen.

Wer spektakuläre Action, aufwendige Effekte oder opulente Kostümschlachten sucht, der ist hier falsch. Wer aber auf dramatisch überzeugende und szenisch authentische mittelalterliche Verfilmungen Wert legt, liegt mit der BBC-Min-Serie „Ivanhoe“ goldrichtig.

Serien-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Ivanhoe
OT: Ivanhoe
Genre: TV-Serie, Historisches, Drama
Länge: ca. 300 Minuten, UK, USA, 1997
Regie: Stuart Orme
Darsteller: Steve Waddington, Victoria Smurfit, Susan Lynch, Ciaran Hinds, Christopher Lee,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Ascot Elite, BBC,
DVD-VÖ: 06.12.2011

Copyright der Bilder: BBC

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