Neulich in der Nachmittagsvorstellung

In der Reihe mit ausgegrabenen Kommentaren stellte ich jüngst fest, wie sehr mir doch die Sozialkontakte fehlen, die Konzerte und die Kinoerlebnisse. Hier nun Gedanken zu einem zwölf Jahre zurückliegenden Besuch eines Kinderfilms: Wie die Pflicht es so wollte, fand sich der Autor neulich in der Nachmittagsvorstellung eines animierten Kinderfilms wieder und fühlte sich recht gut unterhalten.

Das erstaunlichste war allerdings nicht der Film, sondern die Reaktionen des jungen Publikums: Anders als der erwachsene Kinozuschauer, der ungerührt und schweigsam genießt, gehen die Jungs und Mädchen richtig mit. Da geht ein Raunen durchs Publikum, da wird gegackert und gegluckst, erschrocken aufgeschrien oder begeistert geklatscht, lauthals kommentiert und mitgefiebert. Wenn es gar zu bedrohlich oder zu traurig wird, wird das Begleitpersonal in Anspruch genommen, um die Welt wieder gerade zu rücken.

Das sollte mal ein Erwachsener in der Abendvorstellung versuchen! Die Reaktionen der anderen Zuschauer sind fast sicher vorauszuahnen: missbilligende Blicke, entnervte Kommentare, Androhung körperlicher Züchtigung. Warum eigentlich?

Das erinnert mich an Hardrock- und Punkkonzerte, bei denen sich vor der Bühne eine Meute Bewegungswütiger zum Abbau der Aggressionen einfindet. Im hinteren Teil des Saals stehen die herum, denen es eher um Hören und Sehen geht. Doch es gibt einen Übergangsbereich, wo letztere in ihrem Konzertgenuss von den Tanzenden gestört werden. Das birgt Konfliktpotential, obwohl die Anliegen beider Konzertgänger berechtigt sind. Anders als im Kino werden die Bewegungswütigen im Konzert aber mehrheitlich geduldet, ja sogar erwartet, denn sie sind mitverantwortlich für die Stimmung, die ein gelungenes Konzert ausmacht.

Die ausgelassene Kinobegeisterung der Inder bei Bollywood-Filmen ist bekannt. Falls man zufällig da hinein gerät, wird das Kinoerlebnis im Nachhinein oft als begeisternd und mitreißend erlebt – aufgrund der unbeschwerten, kindlichen Begeisterung. Erstaunlicherweise wird das überschwängliche Verhalten nicht als störend empfunden, genau wie in der Kindervorstellung. Mir hat es richtig Spaß gemacht, wenn die kleinen Leute mitfiebern, und ich erinnere mich, dass mir das schon einmal so ging, als ich “Space Jam” in einem Kinosaal voller Kids gesehen habe. Das Spektakel war fast so schön wie der Film – und es ist ansteckend.

Irgendwann während des Aufwachsens scheinen dem modernen Menschen Naivität und Freunde abhandengekommen, stattdessen gibt man sich beherrscht und pragmatisch. Kino ist eine Steilvorlage, um wieder emotional zu sein. Wenn Sie also demnächst im Lichtspielhaus ihres Vertrauens jemanden schluchzen, laut lachen oder verschreckt aufschreien hören, seinen Sie nachsichtig oder machen Sie mit.

Viel Spaß im Kino. (Wenn es denn wieder aufmacht).

Bis dahin: #BleibtGesund aka #StayHome aka #WirBleibenzuhause

[ursprünglich veröffentlicht als Ansichten am Donnerstag, 27.03.2008]

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