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Familiye: Die verlorene Ehre in der Spandauer Lynarstraße

11.09.18 (Film)

Genrekino ist schon längst aus der cinematorgrafischen Schmuddelecke heraus. Die deutsche Filmlandschaft tut sich allerdings immer noch schwer damit, ausgesprochene Genre-Kost zu produzieren. Zumeist müssen die Horror-, Action- und Gangsterfilme daher mit mehr oder minder geringem Budget auskommen. Dabei macht gerade das den Unterschied, wenn man sich in einem so speziellen Filmsegment bewegt. Das Berliner Gangster-Drama „Familiye“ ist eine der wenigen deutschen Independent-Produktionen und behilft sich angesichts schmaler Kassen mit einem stylischen Schwarz-Weiß-Look. Jetzt auf DVD- und Blu-ray für’s Home entertainment erschienen. Das Leben im Berliner Kiez in Spandau ist nicht gerade beschaulich. Der Ton ist rau, die Hoheitsgebiete aufgeteilt und die Machtverhältnisse auf der Straße sind klar. Für Miko (Arnel Taci) wird es gerade ein bisschen eng. Seit sein großer Bruder Danail (Kubilay Sarikaya) vor fünf Jahren eingefahren ist, hat Miko sein Leben schleifen lassen. Nicht nur, dass er schlecht auf seinen anderen Bruder Muhammed, der am Down-Syndrom leidet, Acht gibt, Miko hat in seiner Glücksspielsucht auch etliche Zehntausend Euro Schulden angehäuft und die werden fällig.

Muhammeds Betreuer vom Sozialamt ist eigentlich ein netter Kerl, aber weil Miko die ganzen Anträge nicht abgegeben hat, soll Muhammad nun ins Pflegeheim verfrachtet werden. Zu allem Überfluss freundet sich Muhammed noch mit der entlaufenden Psychiatrie-Patientin Sila (Violetta Schurawlow) an, die sich im Hausflur versteckt hält und bringt sie mit in die Wohnung.

In dieses Chaos hinein wird Danial aus dem Gefängnis entlassen und bemüht sich, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Er, der ehemalige Geldeintreiber, übernimmt Mikos Schulden und versucht seinen jüngsten Bruder ein Vorbild vorzuleben, in dem er sich Arbeit sucht und Konflikten aus dem Weg geht. Das ist nicht einfach, denn auch die beiden korrupten Polizisten im Kiez haben Danial auf dem Kieker.

„Familiye“ ist ein ebenso klassischer wie erfrischen der Gangster-Film, der in seiner Berliner Milieustudie durchaus etliche Parallelen mit der hochgelobten TV-Serie „Vier Blocks“ hat. Auch Özgür Yildirimas „Chiko“ (2008) wird gelegentlich als Referenzgröße erwähnt, auch weil das eine weitere Verbindung zu Produzent Moritz Bleibtreu ist. Der spricht im Interview, das als Bonus in der Home-Entertainment-Ausgabe des Films enthalten ist, etwa eine halbe Stunde ausführlich und unterhaltsam über Filme und Kino in Deutschland.

Aber zurück zu „Familiye“. Im Gegensatz zu „vier Blocks“ werkelten die beiden Regisseure Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya, der auch „Danial“ spielt, beinahe zehn Jahre herum, um „Familiye“ überhaupt auf die Beine zu stellen. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen und fällt dabei überzeugender aus als etwa die Gaunerballade „Harms“ (2014).

Die Geschichte der drei Brüder kommt sehr authentisch und mit viel Streetcredibility rüber. Die Filmemacher verarbeiten auch eigene Erfahrungen und Muhammad ist tatsächlich der Bruder des zweiten Regisseurs Sedat Kirtan. In seiner Fokussierung auf den Familienzusammenhalt und auf die Werte, die damit einhergehen, hat das Gangster-Drama dann auch seine stärksten, weil intimsten Momente.

Selbstredend ist auch das noch Testosteron –gesteuert und wo die Worte fehlen, wird in Keilereien diskutiert. In seiner Schilderung des Klein-und Großkriminellen Milieus wirkt „Familiye“ manchmal nahe am Klischee, aber es ist bekannt, dass Klischees sich ja auch nicht grundlos herausbilden. Dramaturgisch schießt die Story mit einigen Elementen etwas über das Ziel hinaus. Beispielsweisesoll der Jugendliche Off-Erzähler sicher auch stellvertretend für die in diesem Kiez aufgewachsenen Regisseure stehen, um ihren Blickwinkel zu demonstrieren, aber die martialische gaunertrivialen Sprüche des Erzählers sind dann doch arg pathetisch. Der Vergleich des Lebens mit einer Pokerpartie wirkt etwas aufgesetzt. Aber auch die Übertreibung gehört zum Genrefilm dazu, ebenso wie korrupte Bullen.

Schwieriger wird es, wenn man sich nach dem dramaturgischen Sinn der – gut gespielten -Figur Silla fragt. Deren Anwesenheit im Leben der Brüder ist so etwas wie Wahlfamilie, bekommt aber keine wirkliche Bindung zu den Brüdern und verschwindet ebenso krass und abrupt wieder aus der Geschichte. Eine Randnotiz von der Straße? Oder nur Erfüllung einer fiktiven Frauenquote?

Letztlich hat „Familie“ noch einige Ecken und Kanten und auch ein paar Längen, aber das Debüt der Regisseure Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya bereichert die deutsche Filmlandschaft um einen gelungenen, sehenswerten Film und reiht sich in die ambitionierten deutschen Genre-Ausflüge ein. Wer sich von dem aufgepumpten Gemacker nicht abschrecken lässt, bekommt ein stilisches Movie zu sehen.

Movie Rating: ★★★★★★☆☆☆☆ 

Familiye
Genre: Drama, Thriller,
Länge: 102 Minuten, S/W, D., 2018
Regie: Sedat Kirtan, Kubilay Sarikaya
Darsteller: Kubilay Sarikaya, Arnel Tachi, Muhammad Kirtan, Violetta Schurawlow
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Koryphäen Film
Kinostart: 03.05.2018
DVD- & BD-VÖ: 31.08.2018

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