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Southpaw: Wirkungstreffer und Tiefschläge

13.04.18 (Film)

Unter den Sportfilmen nehmen jene, in denen geboxt wird, irgendwie noch eine Sonderstellung ein, quasi eine eigene Unterkategorie. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich beim Boxen sinnbildlich eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Damen des Lebens zeigen lässt. Häufig genug in der Filmgeschichte sind Boxfilme auch mit starken Tragödien verknüpft, man denke nicht zuletzt an das deutsche Drama „Herbert“, den Klassiker „Wie ein wilder Stier“ oder aber an „Million Dollar Baby“. In dieser Liga spielt Antonio Fuquas „Southpaw“ zwar nicht ganz mit, aber intensiv und spannend ist das Sportdrama mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle auf jeden Fall.

Ursprünglich spielte Drehbuchautor Kurt Sutter („Sons of Anarchy“) mit der Idee, ein Remake des Boxfilms „The Champ“ zu schreiben. Der Film um einen abgehalfterten Boxer, der seinem Sohn ein besseres Leben bieten will, kam 1931 in die Kinos und bekam bereits 1979 ein Remake. Und wenn man genau hinsieht, schimmert „The Champ“ an der einen oder anderen Stelle auch noch durch „Southpaw“ durch. Allerdings hat Kurt Sutter eine komplett eigene Story geschrieben, die der Titelfigur kaum Zeit zum Durchatmen lässt, so schnell prasseln die Leberhaken des Schicksals auf ihn ein. Aber der Reihe nach, in der englischen Boxsprache bezeichnet „Southpaw“ – wörtlich übersetzt Südpfote – einen Rechtsausleger, also jemanden, der mit der rechten Hand führt und mit der linken schlägt. Aber wem erzähle ich das? Ihr habt doch alle die „Rocky“-Filme gesehen.

Boxer Billy „The Great“ Hope (Jake Gyllenhaal) hat gerade seinen Weltmeistertitel im Halbschwergewicht verteidigt und ist auf dem Karriere-Höhepunkt angekommen. Dafür hat Billy aber etliche schwere Schläge einstecken müssen. Das ist der Grund, warum seine Frau Maureen (Rachel McAdams) ihn drängt, zumindest über ein baldiges Karriereende nachzudenken. Mit bleibenden Schäden würde er es auch seiner kleinen Tochter Leila (Oona Laurence) schwerer machen. Andererseits steht mit Miguel „The Magic“ Escobar (Miguel Gomez) schon der nächste Herausforderer bereit, und Billys Manager Jordan Mains (50 Cent) wittert die Große Kohle und drängt auf einen neuen langfristigen Vertrag mit dem Boxsender HBO.

Dann gerät Billys Welt komplett aus den Fugen, als seine Frau Maureen stirbt, als sich bei einem Event während eines Handgemenges ein Schuss löst. Es dauert nicht lange bis Billy hochverschuldet ist und wieder in den Ring steigt. Doch das geht gründlich in die Hose und Billy wird gesperrt. Der Box-Champ, der in einem Heim in Hell‘s Kitchen aufgewachsen ist, muss seine Villa räumen. Seine Kumpels lassen ihn fast alle im Stich und zu allem Überfluss verliert er auch das Sorgerecht für Leila. Zumindest, bis er dem Gericht nachweisen kann, dass er wieder in der Lage ist, seiner Aufsichtspflicht nachzukommen. In der kleinen Boxbude des alten Boxers und Trainers Tick Wills (Forest Whitaker) versucht Billy, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Es ist vor allem Jake Gyllenhaal („Prisoners“, „Life“), der „Southpaw“ zu einem faszinierenden Ereignis macht. Man merkt seinem Charakter an, dass er aus schlichten Verhältnissen kommt und sich jederzeit bewusst ist, wie sehr sein Erfolg ausschließlich seiner Körperlichkeit geschuldet ist. Es geht nicht nur um den Erwerb von entsprechender Physis durch monatelanges Training, sondern Billy weiß, wie sehr ihn die Maloche im Ring als Menschen definiert. In den Tagen nach dem eröffnenden Kampf schleppt sich der angeschlagene Boxer wie ein alter Mann durch sein Leben, das eigentlich von einem ganz anderen, glamurösen Lifestyle erzählt.

Hinter dieser grandiosen Darstellung, die erstaunlicherweise nicht für diverse Filmpreise in Frage kam, bleiben die anderen Darsteller naturgemäß etwas zurück. ,Aber auch diese drücken „Southpaw“ ihren Stempel auf, selbst wenn Rachel McAdams nur kurz mitwirkt und Forest Whitaker erst in der zweiten Filmhälfte mit lässigen „Ghost Dog“–Weisheiten den lebenserfahrenen Mentor gibt.

Regisseur Antoine Fuqua („Training Day“, „Die glorreichen Sieben (2016)“) weiß, wie wichtig in einem Boxfilm die Körperlichkeit und die Action im Ring sind, daher räumt er den Prügeleien einen entsprechenden Raum ein, der von Kameramann Maurio Fiore („Avatar“, „Real Steel“) ziemlich direkt intensiv und auch erschütternd eingefangen wird. Fiore hatte vor „Southpaw“ bereits vier Filmen mit Antoine Fuqua gedreht, ist ein Meister seines Faches und überrascht auch mit Kameraeinstellungen, die wirken, als stünde der Zuschauer selbst als Boxer im Ring.

Die Dramaturgie des Comebacks allerdings ist bekannt und wird auch nicht in Frage gestellt. Drehbuchautor Kurt Sutter weitet das Motiv der zweiten Chance vielmehr auf fast alle Bereiche im Leben des Ex-Champions Billy Hope aus. Nur die Liebe seines Lebens lässt sich nicht von den Toten zurückholen. Sutter, der als Mastermind hinter der Biker-Serie „Sons of Anarchy“ steht, weiß, wie Drama funktioniert und kann das auch höchst ansprechend in Drehbücher umsetzen.

Aber „Southpaw“ wirkt ein bisschen überladen, fast so, als hätte man eigentlich genug Geschichte für eine kleine Miniserie und müsste nun alles in einem einzigen Film unterbringen. Allein die in ihrer Gesamtheit durchexerzierten Aspekte von Billy Hopes totalem Niedergang hätten eine eigene Serie gefüllt und wirken im Spielfilmformat daher etwas aufzählungsartig abgearbeitet. Der Kämpfer muss im Minutentakt Tiefschläge einstecken, und ist doch allein durch den Tod seiner geliebten Frau schon mehr als angezählt.

Das Boxerdrama „Southpaw“ ist großes physisches Kino, das von einem überraschenden und überzeugenden Jake Gyllenhaal lebt. Die Geschichte ist etwas überfrachtet, kann aber mit feinem Soundtrack glänzen. Was aber auch egal wäre, da Gyllenhaal derart präsent ist, dass dahinter alles zurücksteht.

Movie Rating: ★★★★★★★½☆☆ 

Southpaw
OT: Southpaw
Genre:
Länge:
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Kurt Sutter
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Rita Ora, Forrest Whittaker,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Tobis /WVG
Kinostart: 20.08.2015
DVD- & BD-VÖ: 08.01.2016

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