Inspector Morse – Staffel 1: Colin Dexters Kultermittler dreht auf

DEAD OF JERICHOSeit 2009 ermittelt der britische TV-Inspektor „Lewis“ mit anhaltendem Erfolg auch im deutschen TV. Das nimmt Edel Motion nun zum Anlass, die in Großbritannien extrem beliebte Vorgängerserie, die 1987 auf Sendung ging, auch hierzulande zu veröffentlichen. „Inspector Morse“ basiert auf den kriminalistischen Rätselfällen aus der Feder des Krimi-Autors Colin Dexter. Erstaunlicher Weise war die TV-Serie hierzulande nie zu sehen, weil man seinerzeit weniger Serienformate von ausländischen Fernsehanstalten einkaufte. Nun aber endlich zur Ermittlungsarbeit von Endeavour Morse und Robert Lewis in Oxford, England.

Die englische Universitätsstadt Oxford ist alles andere als ein beschauliches Städtchen, zumindest was die Rate an Kapitalverbrechen angeht. Während der ältere Polizeibeamte mit dem sinnigen Vornamen Endeavour (wörtlich: Anstrengung, Bemühen) noch im Chor singt, verguckt er sich in eine attraktive Mitsängerin.  Aus der Verabredung wird dann doch nichts, denn Anne Staveley (Gemma Jones) wird tot in ihrer Wohnung im Stadtteil Jericho aufgefunden. Wer keinen Wert auf inhaltliche Vorstellungen der Episoden legt, mag gleich weiter unten im Text weiterlesen.

„Die Toten von Jericho“ (OT: „The Dead of Jericho“)

DEAD OF JERICHOIn „Die Toten von Jericho“ (OT: „The Dead of Jericho“) ist Morse also persönlich betroffen. Glücklicherweise ist er nicht zuständig, sondern der Kollege Bell und dessen Assistent Detective Sergeant Lewis (Kevin Whatley). Das hindert den Junggesellen Morse allerdings nicht, sich in die Ermittlungen einzumischen. Schließlich bekommt Morse den Fall und Bells Assistenten gleich dazu. Bell allerdings wird befördert, quasi weggelobt. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Es gibt Verbindungen zu einem renommierten Hi-Fi-Unternehmen in Oxford und auch Anne Staveley Klavierschüler ist verdächtig. Dann taucht auch noch ein ominöser Erpresserbrief auf.

„Die Stille Welt des Nicholas Quinn“ (OT: „The Silent World of Nicholas Quinn“)

Im zweiten Fall für Morse geht es dann in das akademische Milieu der Universitätsstadt. Erst nach Tagen wird in „Die Stille Welt des Nicholas Quinn“ (OT: „The Silent World of Nicholas Quinn“) dessen Leiche entdeckt. Das sieht alles nach Selbstmord aus. Dem unorthodoxen Morse fällt aber gleich gleich auf, dass es an der Stelle zieht, wo der Tote vom Sessel gerutscht ist. Kein Mensch würde sich freiwillig dahin setzen. Obwohl Nicholas Quinn ein Hörgerät trug, beziehungsweise gerade deshalb, hat er mitbekommen, dass im Prüfungskomitee für ausländische Prüfungen Mauscheleien im Gang sein könnten. Einige Kommissionsmitglieder hatten sich allzu angeregt mit dem Abgesandten aus Al-Jamara unterhalten. Als Morse und Lewis dann auch noch einen höchst privaten Brief des Verstorbenen finden, der ein Akrostichon (Leistenvers) enthält, geraten alle Mitglieder des Prüfungskomitees unter ernsten Verdacht.

Eine Messe für alle Toten“ (OT: „Service of all the Dead“)

SERVICE OF ALL DEADSein dritter Fall „Eine Messe für alle Toten“ (OT: „Service of all the Dead“) führt Morse zu einer Kirchengemeinde,  in der während der Messe ein bestialischer Mord geschehen ist. Der Gemeindevorsteher wurde mit einem Kruzifix zunächst niedergeschlagen und dann erstochen. Der offensichtlichste Verdächtige ist ein Obdachloser, der in der Kirche gesehen wurde. Doch Morse wundert sich, dass die Messe relativ schlecht besucht war. Der Pfarrer klärt dann auf, dass der spezielle Anlass dafür verantwortlich sei, nämlich die Bekehrung des Heiligen Augustinus. Später stellt sich das allerdings als Fehlinformation heraus. Außerdem wird nach der Obduktion klar, dass man den Gemeindevorsteher auch noch vergiftet hat. Aber wer tötet sein Opfer doppelt? Wohl kaum besagter Obdachloser?

„Der Wolvercote-Dorn“ (OT: „The Wolvercote Tongue“)

Anschließende bekommt es Morse mit dem Tod einer amerikanischen Touristin zu tun. Der Arzt, der zufällig vor Ort war, diagnostiziert Herzinfarkt und legt die Leiche erstmal auf dem Bett ab, bevor die Polizei eintrifft. Herzinfarkt mag ja möglich sein, räumt Morse anschließend ein. Allerdings wurde hier auch etwas gestohlen und der Schreck, den Dieb zu überraschen, kann durchaus als Auslöser für den Herzstillstand angesehen werden. „Der Wolvercote-Dorn“ (OT: „The Wolvercote Tongue“) ist ein kostbares Schmuckstück, dass das Museum zu Oxford auch gerne erworben hätte. Und während die Touristengruppe weiter die Sehenswürdigkeiten des ehrenwerten Oxford bestaunt, knabbern Lewis und Morse an seinem eigenartigen Fall.

Die deutsche Edition bei Edel Motion

SERVICE OF ALL DEADSoviel also zu den Inhalten der vier hier veröffentlichten Kriminalfälle und bevor es um die Qualitäten der Serie geht, noch einige Bemerkungen über die Mankos dieser Edition. So löblich es von Edel Motion auch ist, diesen britischen Who-Dunnit?-Klassiker endlich auch hierzulande zu veröffentlichen, so achtlos ist die DVD-Box ausgefallen. Abgesehen von der abstrusen Angabe, man hätte es mit einem 16:9 Bildformat zu tun, was aufgrund des Produktionsjahres 1987 eher unwahrscheinlich ist und sich bei Betrachtung dann auch als unrichtig erweist, sind die hierzulande nie im TV erschienenen Kriminalfälle nicht synchronisiert, sondern lediglich mit Untertiteln versehen worden.

Das stört mich als Liebhaber von originalsprachlichen Filmen weniger. Zweifelhaft ist aber, ob die avisierte Zielgruppe, nämlich jene vornehmlich älteren Fernsehzuschauer, die sich bei „Lewis“ so wohlfühlen, diese ungewohnte Sprachfassung anzunehmen bereit sind. Eventuell hätte sich eine Synchronfassung eher rentiert, als die Veröffentlichung in dieser Form. Auch Extras sind wie so häufig bei der Edel-Veröffentlichung von TV-Formaten nicht enthalten. Alles in allem ist das ein wenig lieblos.

Colin Dexters Ermittler hat auch im TV Charakter

SILENT WORLD OF NICHOLAS QUINN„Morse“ hingegen hat Charme und Witz und Zeitkolorit. Die ersten vier Fälle gehen alle auf gleichnamige Originalromane von Colin Dexter zurück, allerdings nicht deren ursprüngliche Reihenfolge. Der „Wolvercote-Dorn“ heißt in der Romanfassung „The Jewel that was ours“. Die Folge gehört streng genommen auch nicht mehr zur ersten Staffel der TV-Serie, sondern ist der erste Fall der zweiten Saison. Bei der damaligen Ausstrahlung ging das allerdings nahtlos ineinander über.

Abgesehen von den herrlich vertrackten Kriminalrätseln lebt die Serie ganz von Charisma des 2002 verstorbenen Charakterdarstellers John Thaw, der dem eigenwilligen, distinguierten Ermittler viel Leben einhaucht. Die Krimi-Rätsel starten jeweils mit einer recht epischen Eröffnungsszene und enden quasi mit einem Lokaltermin, bei dem aus dem Pool der Verdächtigen der wahre Täter extrahiert wird, Der Junggeselle, Musikliebhaber und Jaguar-Fahrer Morse mag sich die Mageninhalte der Opfer nicht en détail anschauen. Der Aufenthalt im Pub gehört, wie später auch bei seinen Nachfolger und derzeitigen Assistenten Lewis, definitiv zu den wichtigsten Ermittlungspraktiken. Morses Jaguar hat übrigens eine eigene Webseite. 

Das Original und der Zahn der Zeit

Aus heutiger Sicht und bei der Gewöhnung an aufwändig produzierte TV-Serien mag „Inspektor Morse“ ein wenig antiquiert und betulich gefilmt wirken. Es hat aber auch seine eigene Faszination, Leute in Telefonzellen rennen zu sehen oder das Funkgerät in Morses Jaguar direkt neben dem Tapedeck vorzufinden. Die damalige Atmosphäre der Universitätsstadt Oxford saugt das Publikum förmlich ein.  Erstaunlich oder nicht, zumindest im Krimi-Serienformat hat sich die Atmosphäre Oxfords kaum verändert hat. Wesentlich sind die souverän adaptierten Drehbücher, und die wissen zu überzeugen. Wie erfolgreich die Serie, die über 33 Folgen bis 2000 lief, in Großbritannien war, zeigt sich nicht nur an der Nachfolgeserie „Lewis“.  Diese wurde tatsächlich mit dem „Morse“-Originalschauspieler Kevin Whatley besetzt.  Außerdem huldigt die 2013 gestarteten Serie „Endeavour“ dem Original. „Der junge Inspektor Morse“ mit Shaun Evans in der Hauptrolle beschäftigt sich mit den Fällen des jungen Polizisten und  erreicht  gleichfalls hohe Einschaltquoten.

Mit der ersten Staffel der britischen Krimi-Serie „Inspektor Morse“ hat Edel ein kriminalistisches Kleinod veröffentlicht, das etwas mehr editorische Würdigung durchaus verdient hätte.

Serien-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Cover_Inspector_Morse_1Inspector Morse – Staffel 1
Genre: Krimi, Serie,
Länge: je 100 Minuten, GB, 1987
Drehbuch: Nach Romanen von Colin Dexter
Darsteller: John Thaw, Kevin Whatley,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Edel Motion
DVD-VÖ: 11.09.2014

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