Das Ende der Enthaltsamkeit:

RZ_DEDE_UMSCHLAG.indDer Trunksüchtige ist um schöngeistige Rechtfertigung seines delirierenden Treibens nie verlegen. Der Hang zum Rausch braucht nicht nur eine Verortung, wie im Falle der Golem Bar in Hamburg, sondern auch ein metaphysisches Konzept. Den braven Bürger und den nüchternen Betrachter wird auch das nicht beeindrucken. Das Unwirtschaftliche, Ineffiziente, gar Asoziale der Sauferei liegt auf der Hand – oder kreucht durch die Gosse. Die Betreiber des Golem haben nun einen kleinen, aber feinen Sammelband in edles Linnen gepresst und auf die „Weltstadt“ und das Weltenrund losgelassen, der sich mit der Selbstermächtigung und der Schönheit des Niedergangs befasst.

Nicht ohne Hintersinn haben die Herausgeber Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey ihr „Ende der Enthaltsamkeit“ in sieben Zirkel unterteilt, Dante Alighieri lüftet tremolierend die Kopfbedeckung. Zirkel, Themenkreise, die sich jeweils – mehr oder minder – mit einem anderen alkoholhaltigen Getränk befassen und formal immer durch Anselm von Wegens im französisch besetzen Hamburg verortete Historie eingeleitet werden. Danach schließen sich dann sie geistigen Elaborate der jeweiligen dem Golem („a place for serious drinking and serious conversation“) zugetanen Spirituosenfreund oder Denker, oder beides, an und huldigen dem Rausch als kultur- und sinnstiftendes Ritual.

„Vielmehr: Ist es nicht der Rausch, der kulturelle Höchstleistungen, kulturellen Fortschritt und dazu die Liebe zuerst ermöglicht und bedingt?“ (Vorwort, S.7)

RZ_DEDE_UMSCHLAG.inddEtliche namhafte oder auch einschlägig bekannte Autoren haben sich in diesem keinen Leseband die Ehre gegeben um dem Niedergang zu huldigen und auf ausdrücklichen Ratschlag der Herausgeber, sollte man vor allem die einzelnen Teile zu würdigen wissen. Die Textsammlung rund um das Thema Trinkkultur ist nicht als Roman konzipiert! Der Kontext, ja die metaphysische Ebene ergibt sich, oder eben nicht, durch den feststellbaren, zunehmenden Grad geistiger Auflösung.

Nebenbei bekommt der geneigte Leser auch noch eine Kulturgeschichte des Alkohols und seiner sozialen Implikationen gereicht, die ziemlich unterhaltsam ist und dem Komplex auch Sozialkritisches und Systemkritisches abzugewinnen weiß. Schön auch immer wieder das hingehauchte Hamburg-Bashing, das sich an der an der Weltoffenheit der Hansestadt und ihrer bourgeoisen Bewohner reibt, ja an ihrer Kulturfähigkeit zweifelt.  Es erstaunt nur auf den ersten Blick, das sich im vierten Zirkel, rund um den Rum,  kein einziger Text über diese Spirituose findet. Die Verfasser haben das abhandeln einzelner Destillate längst hinter sich gelassen und sind zu ganz anderen Ufern unterwegs.

Doch die mittels der Intoxikation bedingte kognitive Umstrukturierung Ihrer Erinnerungen und ihres Wissens kann Sie auch und vor allem, sollten Sie die sich Ihnen bietenden Möglichkeiten nicht zu nutzen wissen, zu geistigen Höhenflügen befähigen, Ihnen Ermöglichen, spirituelle „terra incognita“ zu betreten.  (Pina Otney, S. 229)

Letztlich liest sich „Das Ende der Enthaltsamkeit“ auch als Kollektivexperiment in Sachen Mystizismus, durch die rituelle Berauschung zur Auflösung des selbst und wieder zurück. Nicht umsonst beschließt der scheinbar schnöde Blick des Bartenders die Nabelschau der Trinkenden, bevor noch einmal Goyas „Schlaf der Vernunft“ auseinander genommen wird. Oder auch um mit W.C. Fields den Apostel Paulus zu zitieren:  „Tod wo ist dein Stachel?“

Abschließend finden sich in dem luxuriös in Leinen gebundenen, goldbedruckten, taschenkompatiblen Buch noch einige auserwählte, zielführende Rezepturen, um die Spirituose seiner Wahl aufs Weltmännischste zu verfeinern. Für die Freunde der Selbstermächtigung die eigentliche Legitimation dieses Lesebandes, für mich als kategorischen Purtrinker ein weiterer Beweis meiner Unwürdigkeit.

Fazit: Wäre „Das Ende der Enthaltsamkeit“ nicht so dick, man könnte es in die Kaschemme seiner Wahl schleppen, um am Tresen zur geistigen Erhebung aller Anwesenden daraus zu zitieren. Wahrscheinlicher allerdings wäre, dass das Bierseminar mal wieder verschoben wird.

RZ_DEDE_UMSCHLAG.indAnselm Lenz / Alvaro Rodrigo Piña Otey (Hg.): Das Ende der Enthaltsamkeit
Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs
Schwarzer Leineneinband mit Goldprägung, illustriert und aufwändig gestaltet,
ISBN 978-3-89401-774-3
Verlag: Edition Nautilus, 272, Seiten, gebunden, Originalveröffentlichung

VÖ: 26. Februar 2013

Weiterführende Links:

Ende der Enthaltsamkeit bei Edition Nautilus

Golem Bar Hamburg

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