Bisweilen dauert es ein bisschen, bis Filme auch hierzulande ankommen. So bei der amerikanischen Independent-Dramödie „Bob Trevino Likes It“. Die hat 2024 nicht nur beim Sundance Filmfestival das Publikum beeindruckt, sondern auch auf anderen Festivals. Und so bringt Meteor Film den Indie-Hit über eine eigenwillige Freundschaft am 22. Oktober auch hierzulande in die Kinos.
Seine Therapeutin zu weinen zu bringen, muss mensch erst einmal schaffen. Lily Trevino (Barbie Ferreira) gelingt das direkt in der ersten Sitzung – und direkt hat die junge Frau ein schlechtes Gewissen. So wie auch immer ihrem Vater gegenüber. Denn Robert Trevino (French Stewart) lässt seine Tochter bei jeder Gelegenheit spüren, wie dankbar sie ihm sein muss.
Dabei ist Bob, der jetzt Robert genannt werden will, weil die Damen das respektabler finden, eher damit beschäftigt, im Seniorenwohnsitz eine neue Partnerin zu finden, als sich für seine Tochter zu interessieren. Als Statistin für ein Date darf Lily dennoch herhalten, um Robert sympathischer erscheinen zu lassen, als der narzisstische Geizkragen tatsächlich ist.
Die Kosten einer Kindheit
Leider haut das Date nicht hin, Robert gibt Lily die Schuld und beendet den Kontakt. Verzweifelt bemüht sich Lily, die als Alltagshelferin für die im Rollstuhl sitzende Daphne arbeitet, um den Vater. Dann findet sie bei Facebook ein Bob-Trevino-Profil und hat statt des Vaters auf einmal Kontakt zu einem unbekannten Bob Trevino (John Leguizamo), der in einer anderen Stadt bei einem Bauunternehmer arbeitet und die Freundschaftsanfrage aus einer Laune heraus beantwortet hat.

Obwohl Bob und seine Frau ihre eigenen Päckchen zu tragen haben, freundet er sich mit der unglücklichen jungen Lily an. Die sieht in dem freundlichen, zugewandten Handwerker bald eine Ersatzvaterfigur. Und der neue Bob liked alle von Lilys Facebook-Posts, auch wenn es sonst niemand tut.
Ich kannte in meiner Kindheit auch mal einen Bob Trevino, der war ein Arbeitskollege meines Vaters, der allerdings nach ein paar Jahren in Deutschland mit seiner Familie wieder in die Vereinigten Staaten zurückgezogen ist. Doch der Name, der wohl so viel bedeutet wie „drei Weine“, ist eigentlich nebensächlich. Es geht in „Bob Trevino Likes It“ um eine eigenwillige Wahlfamilie, weil die eigene einen vernachlässigt.
Das ist in der launigen Dramödie durchaus herzergreifend und anrührend thematisiert, und es dauert nicht lange, bis sich das Publikum mit dem ungleichen Paar identifizieren kann und Anteil nimmt an beider Alltag und Sorgen. Die Szene bei der Therapeutin, die auch gerade erst ihre Ausbildung angefangen hat, mag ein Hinweis auf die Art bittersüßen Humors sein, der „Bob Trevino Likes It“ auszeichnet.
Die Sammelalben eines Lebens
Dabei ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Lilys richtiger Vater beispielsweise ist derart überzogen eindimensional dargestellt, dass er beinahe zur Farce verkommt. Lilys Einsamkeit ist schon recht überspitzt zur Schau gestellt, und die Sorgen von Bob und seiner Frau spiegeln in gewisser Weise Lilys Ängste, Nöte und Befindlichkeiten. Doch der von John Leguizamo dargestellte Bob ist ein mitfühlender und freundlicher Mensch und geht mit seinen eigenen Problemen anders um als Lily, die Problembewältigung nie gelernt hat, weil ihr alleinerziehender Vater vor allem mit sich selbst beschäftigt war und ist. Das Mädchen hat nie gelernt, sich zurechtzufinden. Das ist auf solide weise parallelmontiert.
Filmemacherin Tracy Laymon verarbeitet in dem herzergreifenden Film auch eigene Erlebnisse. Nach einem Unfall freundete sie sich via Facebook mit einem Fremden an, der denselben Familiennamen hatte. Daraus entspann sich die Idee für diesen Film, der gegen Ende noch mit aufwühlenden Wendungen überrascht und ergreift.
Es ist vor allem die tolle Chemie zwischen John Leguizamo („Summer of Sam“, „Die Odyssee“) und Barbie Ferreira (TV-Serie „Euphoria“), die diese kleine Indie-Perle so sehenswert macht. In der Unaufgeregtheit alltäglichen Lebens sind es die kleinen Dinge, die Aufmerksamkeit füreinander, die den Unterschied machen zwischen einem weitgehend glücklichen und einem unglücklichen Leben. Und jede:r braucht schließlich das Rüstzeug, um mit dem Leben klarzukommen. Das ist schon sehr sehenswert.
7 von 10 Pömpeln
Bob Trevino Likes It
OT: Bob Trevino Likes It
Genre: Drama, Komödie
Länge: 101 Minuten, USA, 2024
Regie: Tracie Larmon
Schauspiel: Barbie Ferreira, John Leguizamo
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Meteor Films
Kinostart: 22.10.2026




