Für Renaud Mayeur hat das Chaos definitiv einen ganz eigenen Charme. Und der Mann hat ein seltsames Verhältnis zum Tod: Erst steigt er bei La Muerte ein, als die Band schon fast aus dem letzten Loch röchelt, und dann – viel später – springt er dem sicher geglaubten Tod unerwartet doch von der Schippe. Es scheint, da haut das Timing nicht hin. Glücklicherweise. Solche Existenzkrisen können einen schon mal zurückholen zum Wesentlichen. Dem Leben und der Freude daran, ausgedrückt auf Suicide Highs Debüt-Album „Chaos has its charm“ in rauen protopunkigen, rockigen und rolligen Tönen mit viel Freude an der der freigesetzten Energie.
„Suicide High“ nennt sich nach Internet-Auskünften wohl die Kiffer-Angewohnheit, solange zu inhalieren, bis der Glimmstängel wieder bei einem oder einer angekommen ist. Ich hatte aufgrund der Leidensgeschichte von Renaud den Begriff ausgedeutet als den Höhenflug oder die innere Freiheit, die einsetzt, wenn der Mensch – warum auch immer – mit allen abgeschlossen hat. Nach einer Hirntumordiagnose also ein trefflicher Bandname, um mit alten Kumpels zu rocken, und da stimmt das Timing. Oder wie in „I’m a Miracle“ besungen: Ich bin am Leben. Ich bin ein Wunder. Denn der bösartige Tumor bildet sich zurück.
Hard Rock, Garage Rock, Protopunk aus Belgien also. Da bin ich immer dabei und habe gerade erst second hand zwei empfehlenswerte Mintzkov-Alben ergattert, die mir irgendwie durchgerutscht waren. Belgien ist ein kleines Land, die Musikszene überschaubar und dennoch war Antwerpen Mitte der Neunzigerjahre das neue Seattle und Renaud Mayeur ist auch schon solange Bestandteil der Musikszene im Nachbarland.
Wobei die Zeiten sich geändert haben und es seinerzeit schon schwer war, Musik jener Bands zu ergattern, die nicht auf Major-Labels veröffentlichten. Heute sind Vertriebswege deutlich anders, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wo es „Chaos has its Charm“ zu beziehen gibt, außer via Mail oder beim Label selbst, wo das Album noch nicht gelistet ist. Auch zu den Veröffentlichungsformaten habe ich keine Angabe gefunden.
Dem Tod von der Schippe gesprungen
Aber wen schert alter Ruhm, wenn die Künstler aktuell nicht abliefern? Und genau das tun Suicide High: Sie liefern ab. Auf „Chaos has its Charm“ gibt es in rund 42 Minuten 12 Lieder zu entdecken, die einnehmend und rotzig Heavy-Rocksounds zelebrieren. Man mag das Ganze Protopunk nennen, gewürzt mit allerlei Hardcore, Fuzzblues, Powerpop und Neo-Psychedelica made in Belgien. Denn bei aller Eigenheit, ich höre da in der einen oder anderen Nummer durchaus typische belgische Alternativ-Rocker heraus.
Etwa beim Titelsong, der mit Powerriff eröffnet und dann in einen charismatischen Basslauf mündet. Darüber croont dann Sprechgesang, wie die geneigte Hörerschaft es von dEUS, Daan und Konsorten gewohnt ist. Da fühle ich mich gut aufgehoben in geliebten und vertrauten Sounds. Doch Suicide High kriegen mich direkt vom Albumbeginn weg. Sirenenhafte verzerrte Gitarre, stampfender Rhythmus und statt Liedtext wird der Bandname skandiert. So geht das, wer ein Rapper werden will – oder Rocker.
„Feel The Flame“, bereits vorab als Video/Single ausgekoppelt, legt noch einmal eine Schippe drauf und rockt in hinreißender Detroit-Manier. Nicht umsonst haben Kiss mal „Detroit Rock City“ rausgehauen. Salut an die Stooges und MC 5. Biestiger Rock, der in das fuzzbluesige „I’m a Miracle“ übergeht. „Thousand Years“ bietet dann wieder ein Killerriff auf und zieht das Tempo an.
Nach dem bereits erwähnten Titelsong gibt die Gitarre mit monotonem Groove Exploited-Vibes zum Besten, über denen entfremdeter Sprechgesang ankündigt, dass die Dunkelheit herabsteigt. „Let the People Ride On“ wurde ebenfalls bereits ausgekoppelt und weiß leidlich zu gefallen. Hernach wird’s auf dem Album etwas weniger einnehmend.
Spielfreude mit Freunden
Mit „Devastating Man“ kann ich mich gerade noch anfreunden. Der Song ist gefällig und melodisch im Midtempo gehalten. Mit „Man of Principle“ kann ich ehrlich gesagt wenig anfangen. Der Sound passt überhaupt nicht zum restlichen Album, der AOR-Vibe mit großem Refrain und prallen Gitarren mag mich nicht zu erreichen. Ähnlich verhält es sich mit „Somewhere Else“, das in Vibe und Sound auch aus dem Album herausfällt. Mit seinem auf die Drums reduzierten Dynamikteil, über dem der Gesang groovt, fängt mich das nicht ein. „Nowhere Home“ rockt dann wieder schwer und langsam und führt mich wieder in die Albumspur zurück.
Den atmosphärisch starken Abschluss liefert dann die düstere, reduzierte Akustik-Ballade „The Hard Way“ mit schön viel Hall. Und so endet ein ziemlich gutes Album auf einer melancholischen Note. Da möchte Mensch zum Trost direkt wieder vorne anfangen.
Und zum Abschluss sei noch erwähnt, dass sich mit diesem Album für mich ein persönlicher Kreis schließt, las ich doch, dass Renaud Mayeur den Soundtrack für „Eldorado“ (2008) komponiert. Die charmante Loserkomödie von und mit Bouli Lanners gehört nach wie vor zu meinen Lieblingsfilmen und ich mag fast alles, was Bouli so macht. Und wenn der den Renaud extra gefragt hat, gilt das in meiner kleinen Welt schon was.
Es ist mir eine Freude, musikalisch mal wieder in das belgische Nachbarland zu reisen, um erstaunt festzustellen, dass Rock und Roll international verständlich ist und die Musikszene und der Untergrund da genauso umtriebig sind wie eh und je. „Suicide High“ rocken ganz mitreißend und halten die Flamme am Leben.
8 von 10
Suicide High: Chaos has its Charm
Genre: Heavy Rock, Garage Rock, Alternative Rock
Länge: 42:20, 12 Songs, B, 2026
Interpret: Suicide High
Label: M & O Music
Format: ?
VÖ: 09.10.2026
Suicide High bei M&O Music
Bandcamp von Suicide High (nur zu Promozwecken)
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