Last Bølt Ceremony – delir.ium: Album Review

Das Dortmunder Progrock-Trio Last Bølt Ceremony meldet sich mit dem zweiten Album zurück. „delir.ium“ macht einiges anders als der Vorgänger. Die Band hat ihren Sound verfeinert und das Musizieren auf dem zweiten Album wirkt bei allen stilistischen Einflüssen und Ausfahrten deutlich homogener als auf „Neuzeit“. Also hinein ins delir.ium.

Das Auge ist ja mit und ehrlicherweise habe ich zunächst gedacht, mich erwartet eine wie auch immer geartete Heavy-Metal- oder Post-Hardcore-Band. Das liegt einerseits am Cover, das in düsterem Blau gehalten ist und eine Schädelaufnahme zeigt. Passend dazu gibt’s noch den skandinavischen Querstrich im o von Bolt und einen abstrusen Punkt im Titel delir.ium. Also alles ein bisschen anders als herkömmlich.

Dann setzt das Album ein, auf dem in rund 36 Minuten sechs Songs zu hören sind, und eine klare, helle Gitarre zerlegt Akkorde in harmonische Einzeltöne („demora“), die sich luftig in die Höhe schwingen, wie die geneigte Hörerschaft das aus der Hochphase des Progressive Rock in den 1970ern kennt, inklusive der entsprechenden Songdynamik. Zur Songmitte wird’s ab Minute 3 etwas grooviger und der Song steigert sich in einen melodiösen zweiten Teil. Da ist wenig Delirium, eher Tagtraum und Aufbruch nach Ruhepause.

Auch der nächste Song „Raging River“ beginnt ähnlich melodisch im mittleren Tempobereich, doch nach etwa 90 Sekunden setzt schweres Riffing ein und es kommt auch Gesang dazu. So treibt es bis gegen Ende, nur um dann noch einen Abschlussteil ranzuhängen, der auch ein eigener Song sein könnte. Das soll wohl dem Flussverlauf folgen.

Wie auch immer. „Drones“ beginnt mit einem Soundsturm, der sich wieder setzt, und die Gitarre kommt etwas rockiger daher. Es wird leidlich gegroovt und bis zur Minute 5 fein gerifft. Dann ziehen Last Bølt Ceremony die Zügel an und es geht ab. Der Bandname mag anspielen auf die altnordischen blót-Riten, über die man wenig weiß, aber es bleibt zu hoffen, dass es für das Dortmunder Trio noch einige Zeremonien zu feiern gibt.

„Drones vereint wohl am meisten alle Musikstile.“

So langsam habe ich das Prinzip verstanden und so geht es auch weiter. Last Bølt Ceremony kommen aus dem Progrock und befeuern ihre Musik mit fetten Stoner-Riffs und sphärischen Instrumentalausflügen. Es wird auch gesungen und die Songstrukturen entwickeln sich auf „delir.ium“ aus einem soliden Midtempo, in dem die Gitarre melodisch vorfühlt, wie die Stimmung gerade ist. Der Ansatz mag solide gejammt sein, aber die einzelnen Teile der Lieder sind definitiv nachhinein komponiert und aufeinander abgestimmt.

Last Bølt Ceremony spielen seit 2022 oder ’23 zusammen und haben im November ’24 ihr Debütalbum „Neuzeit“ veröffentlicht. Dafür gab es scheinbar gutes Feedback. Zu Vergleichszwecken habe ich ebenfalls ein Ohr riskiert und stelle fest, dass das Debüt noch deutlich ungezügelter und überbordender ausgefallen war. Kurze Songs, lange Songs, stilistisch eher ein Sammelsurium als eine ausgewogene Melange an Liedern.

„delir.ium“ möchte man zunächst fast ankreiden, dass die Songs bei allen unterschiedlichen Parts zu homogen ausgefallen sind. Nach mehreren Durchläufen stellt sich allerdings heraus, dass die Band einfach ihren eigenen Sound und ihre Trademarks gefunden zu haben scheint. Das macht schon sehr viel Spaß und immer wieder große Freude, wenn Last Bølt Ceremony überraschend aus dem melodischen Prog-Gerüst ausbrechen. Gerade das Heavy-Riffing wirkt da sehr kontrastreich und effektiv.

Tatsächlich ist „delir.ium“ sehr stilsicher und gut produziert ausgefallen. Für die Aufnahme ist die Band selbst zuständig. Nur mit dem Getöse und den Nebengeräuschen im abschließenden „Purple Poppy“ werde ich nicht recht warm. Für mich klingt das zu verwaschen, zu undefiniert und verschliffen. Dabei hat der Song mit seinem Refrain und dem Aufbau eine charmante Eingängigkeit.

Vielleicht werden Last Bølt Ceremony ihrem selbstbehaupteten Anspruch „Loud Music for Good People“ mit „delir.ium“ nur zum Teil gerecht, denn gerade in den melodischen Teilen entfaltet das Album eine große Klarheit und Schönheit. Aber Abrocken geht immer.

7 von 10

Last Bølt Ceremony – delir.ium
Genre: Prog Rock
Länge: 36 Minuten, 6 Songs, D, 2026
Interpret: Last Bølt Ceremony
Label: Paranoia Productions
Vertrieb: Cargo Records
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 09.10.2026

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