Der Ort bestimmt die Geschichte, die zu erzählen ist. Die handelt dann wieder von Personen und auch von den Läufen der deutschen Geschichte. Regisseur Volker Schlöndorff hatte schon immer ein Händchen und ein Faible für Literaturverfilmungen. Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ spielt in einem Haus am Scharmützelsee. Nomen est omen, ab 15. Oktober im Kino.
Da ist diese Stimme aus dem Off, die schon mal erzählt, worum es überhaupt geht in der Geschichte von diesem Grundstück am See, das dem Bauern gehörte, dessen schwangere Tochter enterbt wurde, weshalb der Architekt hier ein Haus bauen konnte, das hat dann später die Schriftstellerin bezogen, deren Enkelin die Geschichte erzählt. An diesen Sätzen merkt das Publikum sogleich, das könnte ein lesenswertes Buch sein.
Und dann ist da der namenlose Gärtner, der durch die Geschichte hindurch gleichermaßen alt, aber alterslos steht und sich um die Anlagen kümmert, hier am Scharmützelsee. Der tatsächlich so heißt, aber im Zusammenhang auch ein bisschen ein sprechender Name ist. Alle Figuren haben eher Typenbezeichnungen. Die Tochter des Bauern, die Besucherin, der Tuchfabrikant und eben Ilse, aber vielleicht ist auch das eine Typenbezeichnung.
„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See.
Nicht von ungefähr ist „Heimsuchung“ in etlichen Bundesländern Pflichtlektüre. Autorin Jenny Erpenbeck wurde vor einigen Jahren als erste Deutsche mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Nicht für „Heimsuchung“, sondern ein aktuelles Werk. Heimsuchung meint laut Lexikon ohnehin schon zweierlei und beides hat wenig mit der vorgestellten Bedeutung zu tun, sich ein Heim zu suchen. Hier an diesem Ort zu dieser (und zu jeder) Zeit. Nein, Heimsuchung bezeichnet eine Plage, ein schweres großes Unglück oder auch eine Haussuchung, also jenen unschönen Besuch der Ordnungsmacht in den eigenen, sicher geglaubten vier Wänden, zum Zwecke der Beweissuche – beispielsweise.
Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Den Roman „Heimsuchung“ hat der Rezensent nun auf seiner Leseliste; wegen der Erzählsätze im Film. Den Film hingegen hat der Rezensent als durchaus interessant, sehr gut und mit renommierten Akteur:innen besetzt und wohlfeil in zeitkolorierenden Kostümen ausgestattete Reise durch die jüngere, etwa 100-jährige Geschichte Deutschlands gesehen und betrachtet. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster kletterte und im See baden ging.
Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön.
Das war schon anrührend, wie die Bauerntochter ins Wasser ging und dann die Frau des Architekten kurz darauf und doch in anderer Zeit zum Baden ging und hinauskraulte, minutenlang, die Kamera im Nacken. So, dass das Publikum fürchten musste, die Frau geht unter oder kommt nicht zurück. War dann aber doch nicht so. Vieles andere in „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, also dem Film, war dann aber doch so, wie es immer ist, wenn im öffentlich-rechtlichen Eventkino gemacht wird oder was im Unterhaltungsformat mit kurz zuckendem erhobenem Zeigefinger aufgearbeitet oder dem Vergessen entrissen werden soll.
Alle komm’n vorbei, ich brauch nie rauszugehen.“ (Peter Fox)
Das sieht so konform aus, wie die Narrative sich ähneln. Im Fall der Heimsuchung war es sicher schwierig, die – so wurde erwähnt – zeitlich sprunghafte Erzählung in eine chronologische zu verfrachten. Warum eigentlich? Ah, es soll ja niemand nicht alles verstehen im geschichtsversessenen Fernsehland. Doch es tut dem Regisseur auch unrecht, das so auf Fördergeld genormte Erzählhaltungen zu reduzieren, denn „Heimsuchung“ hat durchaus etwas Sehenswertes zu erzählen und das trotz der fein ausgestatteten Geschichte.
Es gab da auch noch diesen amerikanischen Versuch, einen Ort als Erzählung zu inszenieren. „Here“ von Robert Zemeckis mit Robin Wright und Tom Hanks, der immerhin Jahrhunderte, gar Jahrtausende umspannte, aber alles Leben in den fixen Kamerablick pressen musste. Das war dann auch arg gewollt. „Heimsuchung“ ist keineswegs gewollt, es ist gekonnt, aber eben auch wenig wagemutig erzählt mit jeder Betonung auf die Leute und die Handlung.
Man mag sich vielleicht auch eher freuen, dass Volker Schlöndorff, der so gerne und auch so gut Literatur verfilmt, nach Heinrich Böll und Günter Grass und Wolfgang Kohlhaase nur Jenny Erpenbeck verfilmt. Kann mensch machen, kann mensch gucken, sollte mensch lesen.
6 von 10 Sternen
Heimsuchung
OT: Heimsuchung
Genre: Drama
Länge: 118 Minuten, D/F, 2026
Regie: Volker Schlöndorff
Vorlage: Gleichnamiger Roman von Jenny Erpenbeck
Schauspiel: Susanne Wolff, Lars Eidinger, Wiegand Witting, Martina Gedeck
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 15.10.2026





