Verflucht normal: Verdammt guter Tee

Den meisten Leuten ist das Tourette-Syndrom wahrscheinlich nur in Verbindung mit derber Flucherei und anzüglichen Beleidigungen bekannt, dabei ist das nur ein mögliches Symptom der Spektrum-Krankheit, an der auch John Davidson leidet. Dessen Lebens- und Leidensgeschichte wurde verfilmt. Wie sehr Aufklärung Not tut, beweist ausgerechnet eine Preisverleihung an den Film, bei der Davidson eine Beleidigung entfleuchte, die in den aufgeregten Social Media für Wellen gesorgt hat. Zu sehen ist „Verflucht normal“ nun auch im klassischen Home-Entertainment.

Der Film beginnt mit der Ordensverleihung für John Davidson im Jahr 2019. Dabei beleidigt der Tourette-Aktivist erst einmal im Vorbeigehen die Queen, die damit souveräner umzugehen weiß als die Anwesenden bei der Bafta-Preisverleihung. Und der Schotte John Davidson hat im Laufe seiner Krankheit genug Abreibungen bekommen, weil Leute sich beleidigt fühlten. Dabei sind die verbalen Entgleisungen reflexhaft und unkontrollierbar wie auch alle anderen Tics, die mit dem Tourette-Syndrom auftreten können. Immer wieder leiden Betroffene auch an ADHS, was die ganze Angelegenheit noch schwieriger zu ertragen macht.

Für John (Scott Ellis Watson) beginnt die Leidensgeschichte mit 12 Jahren, der freundliche Junge trägt Zeitungen aus und soll demnächst auf die höhere Schule wechseln. Sein Vater hat Hoffnungen, dass für John als Fußballtorwart eine Profikarriere möglich wäre. Doch ausgerechnet als der Talentscout vorbeiguckt, leidet John unter seltsamen Zuckungen. In der Schule wird er ebenfalls auffällig und für seine Beleidigungen gezüchtigt.

Haloperidol für Schizos

Irgendwann verbannt auch die Mutter Heather Davidson (Shirley Henderson) ihren spuckenden und zuckenden Sohn vom Esstisch. Fortan muss John beim Essen den Kamin anstarren. Bald verlässt der Vater die Familie. Die Mutter ist mit Johns Benehmen überfordert.

Mit Anfang 20 wohnt John (Robert Aramayo) immer noch bei seiner Mutter, der sein Verhalten immer noch unangenehm ist. Zu tun hat John auch nichts, als seiner Mutter zu helfen. Als er einen alten Schulfreund wiedertrifft, der einige Zeit im Ausland war, lernt er auch dessen Mutter Dottie Achenbach (Maxine Peake) kennen. Bei der psychiatrischen Krankenschwester wurde gerade Krebs diagnostiziert. Sie beschließt, John zu unterstützen, und lässt ihn bei der Familie wohnen. Für John beginnt eine neue Art von Normalität und er bekommt sogar einen Job als Hausmeistergehilfe im Community Center der Stadt.

Neustart im Bürgerzentrum

John Davidson erlangte bereits früh einen gewissen Grad an Bekanntheit, als er im Kindesalter in einer BBC-Doku zu sehen war. Es folgten einige weitere Dokus und John ist weiterhin als Aufklärer über die Tourette-Krankheit aktiv. Regisseur Kirk Jones („Lang lebe Ned Devine“, „Everybody’s Fine“) ist für diesen Film ein erhebliches Risiko eingegangen, weil Studios das Drehbuch ablehnten mit der Begründung, es werde zu viel geflucht, sodass Jones den Film selbst finanziert hat.

„Verflucht normal“, der im Original doppeldeutig „I Swear“ heißt, was sowohl ich fluche als auch ich schwöre bedeutet, inszeniert die biografische Geschichte als Drama mit tragischen und launigen Momenten. Dabei kommen der Humor und die Leichtigkeit erst später im Film stärker zum Tragen, als nämlich John lernt, besser und gelassener mit seiner Krankheit umzugehen.

Tourette ist als Nervenkleiden praktisch nicht heilbar und die medikamentöse Behandlung der Tics bedingt oft auch eine Ruhigstellung der Persönlichkeit. Am Ende des Films scheint eine experimentelle Behandlung auf andere Art Linderung zu verschaffen. Und dennoch ist es nicht immer leicht, die Tics, Beleidigungen und Flüche schlicht zu ignorieren. Für John und andere Betroffene bleibt die Scham über das eigenartige Verhalten ebenso schwierig wie das Leben mit den Zwangsstörungen und Symptomen des Tourette-Syndroms.

Hauptdarsteller Robert Aramayo („Palästina 36“, „Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“) gelingt es in faszinierender Weise, John Davidson zu verkörpern, und die sehenswerte Performance krönt ein ebenso sehenswertes wie aufklärerisches Drama. „Verflucht normal“ gelingt damit Beachtliches.

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Verflucht normal
OT: I Swear
Genre: Biografie, Drama
Länge: 120 Minuten, UK, 2025
Regie: Kirk Jones
Schauspiel: Robert Aramayo, Shirley Henderson, Scott Ellis Watson, Maxine Peake
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Wild Bunch / Leonine
Kinostart: 28.05.2026
Digital-VÖ: 11.09.2026
DVD- & BD-VÖ: 11.09.2026

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