Hirten: Nur Schafe brauchen einen Anführer

Aussteigen. Den ganzen Mist hinter sich lassen. Etwas komplett anders machen. Sein eigener Herr oder seine eigene Herrin sein. Die zivilisatorischen Anforderungen des modernen Lebens hinter sich zu lassen, ist schon seit Generationen eine verlockende Vorstellung eines alternativen Lebens. In dem kanadischen Drama „Hirten“ lässt ein kanadischer Werbetexter den Bürostress hinter sich und will in Südfrankreich Schafhirte werden. Der Film von Regisseurin Sophie Deraspe startet am 10. September in den Kinos.

Im Taumel erwacht Mathyas (Félix-Antoine Duval) im sommerlichen Arles. Die lichtdurchflutete Stadt lässt den Werbetexter aus Montreal durchatmen. Er ist abgehauen aus dem Job und seinem großstädtischen Leben und in der Provence gelandet. Nachdem Mathyas seinem Ex-Chef noch befreit auf die Mailbox labert, macht er sich bereit für ein Leben ohne Plan. Was er wirklich tun will, weiß der junge Mann noch nicht, aber erst einmal leben und dann ein Buch darüber schreiben.

Als dann eine Herde Schafe durch die Stadt getrieben wird, findet Mathyas die Idee, Schäfer zu sein, einladend. Er fragt in der Kneipe der Schafzüchter nach Arbeit und bei der Behörde nach einer Arbeitserlaubnis. Die junge Beamtin Élise (Solène Rigot) findet Mathyas‘ Weg inspirierend und hilft bei der Bürokratie.

Tatsächlich gibt einer der Schafzüchter dem Kanadier eine Chance, schickt ihn aber schnell wieder weg, weil beim Almauftrieb niemand Zeit hat, einen Unerfahrenen einzuarbeiten. Schließlich landet Mathyas bei einem alten Schafzüchter und dessen auch nicht mehr jungen marokkanischen Hirten. Die harte Arbeit und der raue Umgang fordern einiges von Mathyas, doch er lernt auch etliches. Als Élise ihn besuchen kommt, eskalieren die Ereignisse und die beiden verlassen den Hof. Gemeinsam werden sie kurz darauf von einer aufgeschlossenen Schafzüchterin angestellt und endlich kommt Mathyas auch mit einer Herde Schafe auf die Bergweiden.

Pastoralismus im 21. Jahrhundert

Selten genug bekommt das Publikum hierzulande kanadische Filme zu sehen. So verwundert es auch nicht, dass „Hirten“ bereits der siebente Spielfilm von Regisseurin Sophie Deraspe ist, aber der erste, der offiziell in den Kinos hierzulande läuft. „Hirten“ beruht auf dem biografisch geprägten Roman „D’où viens-tu, berger?“ („Woher kommst du, Hirte?“) von Mathyas Lefebure, der auch am Drehbuch mitarbeitete. Auf Deutsch ist das Buch bislang nicht verlegt.

In „Hirten“ gibt es immer wieder derbe Kontraste. Jenen zwischen dem vermeintlichen Schäfer-Idyll und dem harten, archaischen Arbeitsalltag, dem zwischen überwältigenden Berglandschaften und Naturgewalten auf Berggipfeln. Dem Frieden der Herde und der Gefahr durch Raubtiere. Mathyas – und auch Élise – geben sich dem bisweilen mit naiver Freude, bisweilen mit analytischer Distanz hin. Das ist durchaus interessant zu beobachten.

Tatsächlich irritierte der Filmanfang mich ziemlich, da es wirkte, als hätte der Aussteiger bereits einen „Verwertungsplan“ für sein Abenteuer im Kopf. Ich schreibe einfach ein Buch darüber. Letztlich ist es für den realen Mathyas, der eine Dekade als Hirte gelebt hat, auch so gekommen. Doch als Ausgangspunkt für ein alternatives Leben fernab der Wohlstandsgesellschaft schien und scheint mir das ein etwas überheblicher Ansatz.

Einblick in ein schlichtes Leben

Es verwundert auch nicht, dass die Erzählung bisweilen arg schwelgerisch und auch mal pathetisch daherkommt. Doch dann wird der Überschwang wieder gebrochen und von der Realität eingeholt. Mathyas blieb für mich eine zwiespältige Figur. Die aus einem Schäferroman entsprungene Romanze mit Élise ist nicht immer überzeugend.

Doch die Landschaft wird in „Hirten“ auf ihre Art zu einem eigenen Hauptcharakter des Hirtendaseins. Und da findet das biografisch geprägte Drama ausgesprochen eindrückliche Motive und Settings, die den Film absolut heben und so schon den Gang ins Kino wert sind.

Die Regisseurin hat versucht, die Story in ein so realistisches Setting wie möglich einzubinden und dem jahreszeitlichen Rhythmus der Schafzucht und des Herdentriebs zu folgen. Das stellte eine logistische Herausforderung dar, doch das filmische Ergebnis ist es wert. Ob der Traum vom Aussteigen über das Filmende hinaus nachhallt, muss wohl jede:r für sich selbst entscheiden.

Das kanadische Drama „Hirten“ folgt dem halbwegs biografischen Aussteigertraum eines kanadischen Werbetexters, der in der Provence Schafhirte wird. Das ist keineswegs so idyllisch, wie mensch hoffen würde, und zum Teil arg ernüchternd. Wer sich neben der atemberaubenden Landschaft für exzentrische Lebensexperimente interessiert, sollte „Hirten“ eine Chance geben.

6/10

Hirten – mit 827 Schafen in der Provence
OT: Bergers
Genre: Drama, Biografie
Länge: 113 Minuten, CDN/F, 2024
Regie: Sophie Deraspe
Schauspiel: Félix-Antoine Duval, Younes Boucif, Solène Rigot
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 10.09.2026

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