Im Paris von 1942 ist das Leben alles andere als einfach. Da legt der Pfeifenraucher Nestor Burma auch einen Haufen Zaster für den Knaster auf den Tresen. Und stolpert dabei fast über eine Leiche und steckt dann mittendrin in Ermittlungen um eine mysteriöse rothaarige Schönheit. Comic-Künstler Emmanuel Moynet hat den Krimi von Nestor Burma bereits 2016 umgesetzt. Nun hat der Verlag Schreiber & Leser dem vergriffenen Titel im Rahmen der Nestor-Burma-Serie eine Neuauflage gegönnt, die auch gleich großformatiger ausfällt.
Vom Image der „Stadt der Liebe und Lebensfreude“ ist die französische Hauptstadt anno 1942 weit entfernt. Paris ist wie ganz Frankreich von den Deutschen besetzt, und das Leben und die Versorgungslagen in der Metropole sind erheblich eingeschränkt. Seit einigen Wochen fliegen die Briten zudem Bombenangriffe auf Paris und in unregelmäßigen Abständen muss sich die Bevölkerung in Luftschutzbunker flüchten.
So auch bei diesem Fliegeralarm, der im März 1942 dem Privatdetektiv Nestor Burma sein teuer gestopftes Pfeifchen verhagelt. Im Bunker herrscht schließlich Rauchverbot. Und direkt zuvor lief Burma eine rothaarige Frau in die Arme, die trotz Fliegeralarm in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist. Der Detektiv ist neugierig. Doch die Frau weiß den Verfolger abzuschütteln, weshalb Burma, gerade ohne Ermittlung, wieder zu dem Haus zurückkehrt, aus dem die Schöne herausstürmte. Und siehe da, in der Nähe des Boulevard Victor ist der Kommissar Faroux schon damit beschäftigt, einen Todesfall zu untersuchen. Burmas Herumschnüffeln wird nicht gerade geschätzt.
Rauchverbot im Luftschutzbunker
Der Detektiv, der nach Kriegsgefangenschaft seine Detektei „Fiat Lux“ gerade erst wieder in ruhigere Fahrwasser gesteuert hat, bleibt professionell interessiert. Doch dann wird es seltsam, als die Agentur einerseits gleichzeitig fünf neue Fälle angetragen bekommt und gleichzeitig ein zwielichtiger Journalist auftaucht.

Burma bittet Sekretärin Helene, Aushilfsdetektive einzustellen, und der windige Chefredakteur und Direktor Emmanuel Chabrot von der Klatsch-Zeitung „Hier und Heute“ droht Burma, er solle seine Nase nicht in die Angelegenheit mit der Leiche stecken und am besten für einige Zeit aus Paris verschwinden. Nestor lehnt freundlich ab. Was den Toten so interessant macht, ist dessen Verstrickung in einen Goldraub, der vor dem Krieg stattgefunden hat, da wurde die Beute bislang nicht gefunden.
Nestor Burma gehört zu den großen Ermittlern des Krimigenres. Ähnlich wie Phillip Marlowe von Raymond Chandler oder Lew Archer von Ross Macdonald gehört Burma aus der Feder von Léo Malet zu den lässigen Vertretern des Hard-boiled Crime Noir. Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Gegenstücken ist Burma ein bisschen anarchischer unterwegs. Malet ist seinem Ermittler Zeit seines Schriftstellerlebens treu geblieben. Hierzulande ist derzeit allerdings kein Burma-Krimi im Handel erhältlich. Außer der „Schwarzen Trilogie“ in der Edition Nautilus bekommt die deutschsprachige Leserschaft Léo Malet seit Jahren nur gebraucht in die Finger.
Ein ungeklärter Goldraub
Oder als Graphic Novel in der Nestor-Burma-Reihe, die beim stilsicheren Krimi-Comic-Verlag Schreiber & Leser zu bekommen ist. Der große französische Comic-Künstler Jacques Tardi hatte begonnen, Burma-Romane zu illustrieren und als Bildgeschichten umzusetzen. Die erste Comic-Erscheinung von Burma in „120, rue de la gare“ gilt heute als Comic-Klassiker. Danach ist „Nestor Burma in der Klemme“ der zweite Burma-Roman. Er entstand 1945 und ist quasi auch ein Zeitzeugnis der Besatzungszeit in Paris.
Nachdem Tardis 2000 seinen vorerst letzten „Nestor Burma“ zeichnete hat die Edition Casterman 2010 die Comicreihe mit den Illustratoren Emmanuel Moynot und Nicolas Barral („Stress um die Strapse„) fortgesetzt, die jeweils für Szenario (im Stil Malets) und Zeichnungen (im Stil Tardis) zuständig sind. Hierzulande bei Schreiber & Leser verlegt. Übrigens hat Tardi 2025 Burma eine originale Weihnachtstory gegönnt, die ebenfalls bei Schreiber & Leser veröffentlicht wurde. Und inzwischen hat sich Moynot auf die Autorenschaft verlegt und überlässt dem Zeichner François Ravard die Bebilderung der Geschichten wie bei „Ratten im Mäuseberg“.
In der vorliegenden Neuausgabe von „Nestor Burma in der Klemme“ zeichnet Moynot frei nach Tardi-Vorbild, interpretiert die Ligne Claire aber doch eher frei. Da gibt es schon Schattierungen, Schraffuren und atmosphärische Panels, die an expressionistische Radierungen erinnern. Insgesamt mag Moynots Stil etwas flapsiger oder lässiger wirken, auf jeden Fall weniger klassisch als bei Tardi. Das gibt „Nestor Burma in der Klemme“ eine eigene Note. Die muss nicht jedem gefallen, sie ist aber in Bezug auf die Erzählung stimmig und Bebilderung stimmig.
Pfeifenraucher unter sich
Es ist nun nicht so, dass die Ermittlung zu den packendsten von Nestor Burma gehört. Aber um ehrlich zu sein, sind die Fälle des Nestor Burma vielleicht auch immer etwas weniger wichtig und stringent als in einem Tatort-Krimi, stattdessen fangen die Geschichten einen Zeitgeist ein, die Atmosphäre der Orte und die Stimmung der Menschen. Und Nestor Burma schmaucht seine Pfeife und blickt auf das Treiben, das sich Leben nennt.
Noch ein Wort zu dem Originaltitel „Nestor Burma contre C.Q.F.D.“, der sich in der Geschichte gar nicht erschließt. Im französischen Original ist C.Q.F.C. jene Zeitung „Hier und Heute“, deren Direktor Burma aus der Stadt haben will. Das mag auch ein Fingerzeig sein, dass die Adaption als Graphic Novel sich (absolut legitim und gewünscht) durchaus künstlerische Freiheit bei der Umsetzung des Romans nimmt, denn hier ist der Journalist gerade mal eine Randnotiz.
„Nestor Burma in der Klemme“ zeigt den Detektiv in seinen frühen Jahren und in seiner Heimatstadt, die unter einem bedrückenden Ausnahmezustand leidet. Ein Szenario, in dem sich auch „Der dritte Mann“ durchschlawinert hätte und in dem es leicht ist, frühere Verbrechen in Vergessenheit geraten zu lassen. Allein, es ist nicht alles Gold, was glänzt, und manchmal muss ein guter Tabak wohl als Seelentröster reichen.
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Malet/Moynot: Nestor Burma in der Klemme
OT: Nestor Burma – Contre C.Q.F.D., Casterman, 2016
Genre: Graphic Novel, Krimi
Szenario & Illustration: Emmanuel Moynot
Vorlage: Gleichnamiger Roman von Léo Malet (1945)
Übersetzung: Resl Rebiersch
ISBN: 978-3-96582-241-2
Verlag: Schreiber & Leser, Hardcover, 72 Seiten
VÖ: 11.08.2026
Nestor Burma in der Klemme bei Schreiber & Leser
Leo Malet in der französischen Wikipedia (der deutsche Eintrag ist leider wenig lesenswert)



