
Heute wird es ernst im #Sommerkino26. Bereits mit seinem Spielfilmdebut „Hora proelefsis“, das international unter dem Titel „Homeland“ auf diversen Festivals überzeugen konnte, sezierte der griechische Filmmacher Syllas Tzoumerkas den Zustand der zusammenbrechenden griechischen Gesellschaft und brach das Thema exemplarisch auf ein familiäres Umfeld herunter. Auch in seinem zweiten Langfilm, trefflich mit „A Blast – Ausbruch“ betitelt, ist der katastrophale Zusammenbruch des Gewohnten der Auslöser für den Ausbruchsversuch der weiblichen Hauptfigur.
Maria (Angeliki Papoulia) ist eine passionierte junge Frau, die in ihrem familiären Umfeld gefangen ist. Eigentlich wollte sie studieren, bricht das Studium aber wieder ab. Sie lernt den Matrosen Yannis (Vassilis Doganis) kennen, mit dem sie vor allem eine körperliche Leidenschaft verbindet, und gründet mit dem ständig abwesenden angehenden Kapitän eine Familie. Leicht überfordert mit der Aufgabe des Alleinerziehens sucht Maria wieder die Nähe zur Familie und hilft ihren Eltern mit dem kleinen Krämerladen. Doch die Dinge entwickeln sich nicht zum Guten und auf den Laden der Eltern kommen große Probleme zu.
Während die griechische Wirtschaft kollabiert, tritt die Steuerfahndung auf den Plan und Maria entdeckt, dass ihre im Rollstuhl sitzende Mutter in desaströsem Umfang Steuern hinterzogen hat und damit nun ihre Existenz zu verlieren droht. Die Behörden sind bei Marias Versuch, den Laden der Eltern zu retten ebenso wenig hilfreich wie ihre Eltern selbst und ihre Schwester Gogo (Martia Filini).
Der Tod und die Steuerbehörde
Gogos Mann hat sich außerdem noch den Faschisten angeschlossen, die in Athen zunehmend für soziale Unruhe sorgen. Das ist für den Familienfrieden nicht eben förderlich. Auch Marias Vater zieht sich hilflos in sein Schneckenhaus zurück. Maria wachsen die Probleme über den Kopf und sie greift zu drastischen Maßnahmen.
Das neue griechische Kino („Alpen“, Attenberg“) hat sich international nicht nur inhaltlich sondern auch formal in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Die Charaktere und auch die Geschichten sind oft exzentrisch oder extrem, das wirkt auf erfrischende Weise unorthodox, wenn auch bisweilen etwas überkandidelt. Aber der Impuls, das Medium Film für die eigene Identität neu zu erfinden, ist spürbar und hochenergetisch. Insofern ist Syllas Tzoumerkas ein recht typischer Vertreter des neuen griechischen Kinos.
„A Blast“ beginnt mit einer nächtlichen Autofahrt, während im Radio eine Nachrichtensendung von einem Waldbrand berichtet. Erzählt wird Marias Situation und ihre Geschichte in Rückblenden die chronologisch wild durcheinander gewürfelt werden und so eher dem Bewusstseinsstrom der Hauptfigur entsprechen, als einer stringenten Erzählung. Das erschwert zwar gelegentlich die zeitliche Orientierung, sorgt aber immer wieder für überraschende Einblicke und eine hohe Identifikation mit Marias Getriebenheit.
Eine Gesellschaft in Brand
Der Film ist dramaturgisch wie ein Thriller aufgebaut und erzählt doch vor allem von einer tragischen Familienzerrüttung. Aus dieser heraus Maria versucht, ihr Leben wieder selbst zu bestimmen und zu lenken. Diese Selbstermächtigung führt zu drastischen Maßnahmen und radikalem Denken und Auftreten. Im „A Blast“ zeigt sich das in einer starken Körperlichkeit und wesentlichen physische Komponente, die den Film leitmotivisch durchzieht.
Bisweilen übertreibt es der Film, aber die Wucht und die Wut werden auch eindringliche Weise sichtbar. Die von Angeliki Papoulia („Dogtooth“, „Alpen“) famos gespielte glutäugige Maria trotzt in adrenalintriefender, verschwitzter Verzweiflung allen chaotischen Wendungen und erweist sich ebenso als willensstarke, emanzipierte Frau wie als aggressives Riot Grrrl.
Dabei wird in Syllas Tzoumerkas‘ Tour de Force schnell deutlich, dass es sich in „A Blast“ nicht nur um ein Familiendrama handelt, sondern, dass alle Wendungen und Ereignisse beinahe eins zu eins auf die griechische Gesellschaft übertragbar sind: Durch die enorme Staatsverschuldung im Grunde bankrott, wird die Regierung von der EU zu drastischen Maßnahmen gezwungen, um die Ausgaben zu senken.
Für die Bevölkerung äußert sich das vor allem in eklatanten Kürzungen des Sozialetats, mit all seinen Folgen und gesellschaftlichen Zerrüttungen. Maria steht stellvertretend für eine ganze Generation, der die Eltern nichts als desaströse Schulden und ein ruiniertes Gemeinwesen hinterlassen haben und die ihren Kindern kaum eine Zukunft bieten kann.
„A Blast – Ausbruch“ wird seinem Titel in fast jeder Sekunde gerecht und beeindruckt mit seiner Kompromisslosigkeit. Nicht jede Sequenz ist perfekt aber das gleicht die intensive Präsenz der furiosen Angeliki Papoulia in einer sehr starken Frauenrolle mehr als aus.
7
A Blast – Ausbruch
OT:
Genre: Drama, Thriller
Länge: 83 Minuten, GR, 2015
Regie: Syllas Tzoumerkas
Schauspiel: Angeliki Papoulia, Vassilis Douganis, Martia Filini,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Good Movies, Indigo
Kinostart: 16.04.2015
DVD-VÖ: 12.02.2016
