Dao: Der Kreis des Lebens

Der französische Filmmacher Alain Gomis nimmt das Publikum mit auf eine dreistündige Familienreise die eingerahmt wird von zwei Feierlichkeiten. Das ist keineswegs Kino im herkömmlichen Sinne, sondern eine experimentelle Aufstellung die mit verschiedenen Ebenen spielt und so eine ganz eigene Filmerfahrung erschafft. Zu sehen ab dem 4. Juni 2026 im Kino.

Da sitzt eine Frau vor der Kamera, die scheinbar bei einem Filmcasting vorspricht: Eher widerwillig und irgendwie auch zweifelnd. Als dann eine zweite jüngere Frau dazu kommt, sollen die beiden miteinander in Kontakt kommen. Im Film später werden sie Mutter Gloria (Katy Correa) und erwachsene Tochter Nour (D’ Johé Kuadio) sein. Beide leben in Paris, die Familie kommt aber aus Guinea Bissau. Die Tochter wird in heiraten doch zuvor gehen Mutter und Tochter nach Afrika, ins Heimatdorf der Familie um einen Vorfahren zu verabschieden, der verstorben ist.

Der Filmmacher Alain Gomis nimmt sich das sinnstiftende „Dao“ des chinesischen Daoismus (oder Taoismus) als Motto um seine filmische Familienaufstellung in zeitlichen und anderen Sprüngen zu erzählen. „Dao“ meint so etwas wie den rechten Weg der Lebensführung und auch den philosophischen (oder religiösen) Kreislauf des Lebens. Leben und Tod, Abschied und Wiederkehr, Einheit mit sich selbst und mit dem Kosmos. Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Was bleibt, wenn Familien über Kontinente hinweg auseinandergerissen wurden?

In Gomis („F´elicité“, „Play & Rewind“) dreistündigem Film treten Laien und Schauspieler auf und bewegen sich sowohl in gescripteten Szenen als auch in der echten afrikanischen Dorfgemeinschaft. So ist das Publikum zunächst damit beschäftigt überhaupt herauszufinden, auf welcher Filmebene es sich gerade befindet. Mutter und Tochter, beide Laiendarstellerinnen, sind mit der Hochzeit der Jüngeren beschäftigt, die Mutter ist nicht nur begeistert. Und dennoch begleitet die Braut ihre Mutter beim Besuch der alten Heimat, dem Abschied von den Ahnen.

Bisweilen mutet „Dao“ an wie eine Doku, die sich mit der afrikanischen Abstammung seiner Protagonisten beschäftigt. Mit der Konfrontation und Wiederbegegnung mit der eigenen Herkunft und dem kolonialen Erbe und dessen Auswirkungen. Dann wieder mutet der Spielfilm an wie eine französische Ensemblekomödie, die ein Familienfest – die Hochzeit – zum Anlass nimmt, um kleine persönliche Episoden und große Emotionen zu erzählen.

Es kommt der visuellen Vision zu gute, dass kaum hierzulande bekannte Darsteller in „Dao“ zu sehen sind. Abgesehen von Samir Guesmi („Der Effekt des Wassers“, „Camille – Verliebt nochmal“), der ein vielbeschäftigter Darsteller ist, sind kaum bekannte Gesichter zu beobachten. Tatsächlich aber gelingt dem Film das Kunststück das Publikum nach und nach von den eigenen Orientierungsversuchen in dieser Filmwelt abzubringen. Letztlich verschwimmen Realität und Fiktion und werden zu einer erzählerischen Einheit, der eine glaubhafte und empathische Sicht auf das Leben innewohnt.

Mit „Dao“ ist dem französischen Filmmacher Alain Gomis ein außergewöhnlicher Film gelungen. Das lebensnahe Familiendrama afrikanischstämmiger Franzosen ist ebenso fordernd wie eindringlich und kommt mit dem beinahe dokumentarischen Look sehr bodenständig rüber. Dabei wird hier munter zwischen Betrachtungsebenen gewechselt, so dass dem Publikum flott der Kopf gewaschen wird. Das kann durchaus dazu führen, das die eigene Welt ein wenig bunter wird.

8 von 10

Dao
OT: Dao
Genre: Drama, Experimentalfilm, Hybrid
Länge: 184 Minuten, F/GNB/SN, 2026
Regie: Alain Gomis
Schauspiel: Katy Correa, Samir Guesmi, D’ Johé Kuadio
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Luftkind, Films That Matter
Kinostart: 04.,06.2026

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