Die Wohnung: Großmutter und der Nazi in Palästina

Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg beschäftigen. Heute mit der Doku „Die Wohnung“ von 2011 und einer seltsamen Annäherung an eine traumatische Vergangenheit. ich hatte den Film bereits 2012 als eine der besten Dokus des Jahres kurz vorgestellt. Hier nun das ganze Review zum damaligen Kinostart, auch weil mit „Nürnberg und „Palästina 36“ gerade zwei aktuelle Kinofilme zu den Themen laufen.

Als der israelische Dokumentarfilmer Arnon Goldfinger nach dem Tod seiner Großmutter deren Wohnung entrümpelt, stößt er auf alte Nazi-Propaganda und stutzt. Als er beginnt zu recherchieren, stößt er auf ein irritierendes Kapitel der Familiengeschichte: Die Freundschaft seiner Großeltern mit einem Nazi-Funktionär.

Gerda Tuchler, die Großmutter Arnon Goldsteins, stirbt mit 98 Jahren. Ihre Jerusalemer Wohnung muss entrümpelt werden und die Familie trifft sich, um sich an die Arbeit zu machen. Mit einem Termin ist das nicht getan, und während Goldfingers Mutter sich mit Akribie, aber ohne großes Interesse durch die zahllosen Papiere und Briefe arbeitet, stößt der Regisseur auf alte Zeitungsberichte über die Reise eines Nazi-Offiziers nach Palästina; und zwar auf deutsche Zeitungsberichte aus dem Dritten Reich.

Darin wird berichtet, wie der Nationalsozialist und Chefideologe Gerold von Mildenstein Palästina besucht, um sich vor Ort ein Bild der Zionistischen Bestrebungen nach einem Judenstaat zu machen. Begleitet wird er dabei von Kurt Tuchler, Goldfingers Großvater und einem deutschen Juden.

Großvaters reise nach Palästina

Erstaunt und verwirrt befragt Arnon seine Mutter nach dieser Reise, aber die weiß davon nichts. Ihre Mutter hatte nie mit ihr über die Zeit in Deutschland gesprochen. Also beginnt der Regisseur eine familiäre Spurensuche, die ihn zu einigen israelischen Geschichtsexperten führt, die die Reise des Nazis bestätigen. Neugierig durchforstet Goldfinger die Briefe seiner Großmutter und findet heraus, dass die Großeltern, die auch nach dem Krieg regelmäßig ihre deutsche Heimat besucht haben, dort offenbar auch die von Mildensteins besucht haben und mit der Familie enge freundschaftliche Bande pflegten. Die Spurensuche führt Arnon Goldfinger und seine Mutter nach Deutschland, zu der Tochter von Mildensteins und zu den eigenen, in Deutschland lebenden Verwandten.

„Die Wohnung“ erzählt eine wahrhaft erstaunliche deutsch-jüdische Geschichte, die man nicht glauben wollte, gäbe es dafür nicht so viele Belege. Die Frage, die den Regisseur umtreibt, geht weit über das Verständnis der eigenen Familiengeschichte hinaus: Wie kann es sein, dass zwischen einem überzeugten Nazi und einem Juden eine Freundschaft bestand?

Doch das eigentlich Erstaunliche an dem Dokumentarfilm „Die Wohnung“ ist nicht allein diese Frage, sondern die unaufgeregte Gelassenheit, die in der Nacherzählung dieser Spurensuche zu Tage tritt. Zwar wühlen die Erkenntnisse den Regisseur auf, doch der Film kommt ohne jede Verurteilung der Hinterbliebenen aus. Mit großer Sensibilität nähert sich der forschende Arnon den noch lebenden Familienmitgliedern, immer besorgt darum, wie sie die Erkenntnisse aufnehmen würden.

Spurensuche in Deutschland

Erstaunt reagiert er auf das zur Schau gestellte Desinteresse seiner Mutter, die an den alten Geschichten nicht rühren möchte, und sich dann aber doch auf die Reise nach Deutschland einlässt. Ebenso überraschend ist für den Regisseur die Nachkriegskarriere des Gerold von Mildenstein, der schließlich einer der führenden Ideologen war, und das Bild, das dessen Tochter von ihrem Vater bewahrt hat. Doch statt die Menschen mit der dokumentierten Wahrheit und dem Ausmaß der Verstrickung direkt zu konfrontieren, versucht Arnon Goldfinger behutsam und mit Taktgefühl, den Menschen die Möglichkeit zu geben, die Erkenntnis selbst zu finden.

Filmisch ist „Die Wohnung“ nicht sonderlich filigran gearbeitet und erinnert gelegentlich an ein Homevideo, das die Familie bei irgendetwas filmt – eben beim Entrümpeln und auf Deutschlandurlaub. Doch man möchte meinen, auch die gewöhnliche Filmform ist absichtlich so gewählt, um dem Inhalt seinen Schrecken zu nehmen. Dass der begleitende Kommentar des Regisseurs im Deutschen von Axel Milberg (Borowski im Kiel-“Tatort“) gesprochen wird, ist eine wahre Freude. Nuanciert und mit großer Sensibilität bringt er die Gedanken und Verwirrungen des Regisseurs und Enkels zum Ausdruck und man merkt dem Schauspieler die große Erfahrung als Hörbuchsprecher an.

„Die Wohnung“ erzählt von einer schier unglaublichen Freundschaft zwischen einem Juden und einem Nazi, von einer familiären Spurensuche und von der Möglichkeit der Aussöhnung mit der eigenen Geschichte, darin liegt die große Kraft des wunderbaren Films.

Die Wohnung
OT: The Flat
Genre: Doku, Historisches
Länge: 97 Minuten, ISR, 2011
Regie: Arnon Goldfinger
FSK: ab 0 Jahren, Info-Programm ohne Altersbeschränkung,
Vertrieb: Edition Salzgeber
Kinostart: 14.06.2012
DVD-VÖ: 12.11.2012

Die Wohnung bei Edition Salzgeber

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