Rechtzeitig zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs kommt ein monumentales Historiendrama in die die Kinos. In „Nürnberg“ soll ein us-amerikanischer Militärpsychiater die gefangenen Nazi-Größen untersuchen, damit sie vor Gericht gestellt werden können. Rami Malek und Russel Crowe liefern sich in James Vanderbuilts Monumentalfilm ein sehenswertes Duell. Ab dem 7. Mai im Kino.
Was wäre die Filmindustrie ohne ihre wahren Geschichten; oder jene nach wahren Begebenheiten. So auch hier. Der amerikanische Autor Jack El-Hai hat die Geschichte vom Psychiater, der sich dienstlich mit Hermann Göring beschäftigen muss recherchiert und in ein Sachbuch verwandelt.
Auch Görings Shrink hat seine Erlebnisse niedergeschrieben, aber dessen Veröffentlichung war wenig Resonanz vergönnt. Nun also kommt der Psychiater zu späten Filmehren. Wobei gleichfalls anzumerken ist, das mit „Das Urteil von Nürnberg“ mit Spencer Tracy in der fiktionalisierten Rolle des Hauptrichters bereits in den frühen 1960ern ein starbesetztes Justizdrama zu dem Thema gefilmt worden ist, das sich bis heute bildmächtig gehalten hat.
Kurz nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 stellt sich der deutsche Reichsmarschall Hermann Göring (Russel Crowe) den amerikanischen Truppen. Andere Nazi-Befehlshaber werden gefangengenommen und in Nürnberg inhaftiert. Ausgerechnet in der großteils zerstörten Stadt, in der die Nationalsozialisten einst ihre Parteitage abhielten und ihre menschenverachtenden Gesetze verabschiedeten.
Ein anderer Blick auf die Nürnberger Prozesse?
Der Militärpsychologe Douglas Kelley (Rami Malek) hofft eigentlich, schon bald in die Heimat zurückzukehren. Doch dann wird er hinzugezogen, um die gefangenen Nazi-Befehlshaber auf ihre geistige Gesundheit zu untersuchen. Denn die Alliierten haben beschlossen, dass den Befehlshabern der Prozess gemacht werden soll. Während Kelley in Nürnberg die Bekanntschaft Görings macht, bereitet sich in Washington der Richter Jackson (Michael Shannon) vor, den Prozess gegen die Nazis zu führen. Da gibt es nicht nur völkerrechtlich etliches zu beachten.
Kelley gewinnt Görings vertrauen und der intelligente und charmante Befehlshaber gibt scheinbar willig Auskunft und Einblick in Die Abläufe im Reich solange er weiß, dass es seiner Frau und seiner Tochter gut geht. Kelley sorgt persönlich für einen Austausch von Briefen. Und er scheint sich mit Göring anzufreunden. Doch der Prozess rückt näher und die Ankläger pochen auf Kelleys Mithilfe, der sich trotz allem der ärztlichen Schweigepflicht verpflichtet fühlt.
Regisseur James Vanderbuilt verfilmt das Sachbuch nach wahren Begebenheiten in herkömmlicher Erzählstruktur und vertraut darauf, dass seine namhafte Besetzung und die authentisch fotogenen Kulissen genügen Strahlkraft entwickeln um das Publikum über die Filmlänge zu fesseln und zu unterhalten. Das Kalkül geht auf, auch wenn einiges dramaturgisch etwas schlicht verkürzt ist und es Filmelemente gibt, die eher irritieren als zum gelingen beitragen.
Der nette Nazi?
So etwa die attraktive Frau in Rot, die Kelley zu Filmbeginn begegnet. Später taucht sie wieder auf und entpuppt sich als Journalistin, die nun von Kelley Infos will, ihn zuvor aber abgewiesen hatte. Ebenso wird das Verhältnis der alliiierten Siegermächte untereinander schon sehr durch eine amerikanische Brille betrachtet. Sicherlich nicht ganz zu Unrecht, da die Amis im Prozess auch federführend waren. Und dennoch kommen die Russen mal wieder als schlechte Sieger weg.
Am zwiespältigsten ist jedoch ausgerechnet Hermann Göring. Es ist schon eine Gratwanderung den Obernazi vom populären Russel Crowe spielen zu lassen, der charmant, wortgewandt selbstsicher und sympathisch in seiner Zelle sitzt und darauf wartet, dass er vor Gericht gestellt wird. Crowe gibt in der Originalversion auch ganz passabel deutsche Sätze von sich. Hierin liegt weder das, was Hannah Arendt später über Eichmann die Banalität des Bösen genannt hat, noch die Verteufelung eines verblendeten Machtmenschen, sondern genau das, was auch die Neonazis immer wieder so attraktiv macht: ihre einladende scheinbare Harmlosigkeit.
Der Zweite Weltkrieg ist lange genug Vergangenheit und dennoch dient er immer noch für Geschichten, die sich daran und darin erzählen lassen. Das ist einerseits eine ständige Ermahnung, die auch in der aktuellen Weltlage von Wert sein kann, aber andererseits auch eine inzwischen klischeebebilderte Kostümrevue. „Nürnberg“ hat der historisierenden Unterhaltung eine Randnotiz hinzuzufügen, weil die großen Geschichten bereits erzählt wurden. Das ist unterhaltsam, großartig besetzt und irgendwie auch so typisch amerikanisch wie Kaugummi und Zigaretten.
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Nürnberg
OT: Nuremberg
Genre: Historie, Drama
Länge: 148 Minuten, USA, 2026
Regie: James Vanderbuilt
Vorlage: Sachbuch „Der Nazi und der Psychiater“ von Jack El-Hai
Schauspiel: Rafi Malek, Michael Shannon, Grant, Richard E. Russel Crowe,
FSK: ab 12Jahren
Verleih: Weltkino
Kinostart: 07.05.2026





