It’s Never Over, Jeff Buckley: Freudengesänge

Das Musikalbum „Grace“ von 1994 gehört zu den großartigsten Rock-Alben überhaupt. Musiker und Sänger Jeff Buckley hat sich damit sozusagen unsterblich gemacht, auch wenn seine irdische Existenz nur von kurzer Dauer war. Die Dokumentarfilmerin Amy Berg hat eine Doku über den Ausnahmesänger zusammengestellt, die nun am 9. April 2026 auch in die Kinos kommt.

Jeff Buckley soll als Kind auf die Lautsprecherboxen seines Stiefvaters geklettert sein, während dieser Led Zeppelin hörte. Das Vibrieren der Bassfrequenzen mag ein prägender Einfluss gewesen sein, um Musiker zu werden. Später dann hatte der Led Zeppelin Fan Jeff Buckley bei einem Festival die Gelegenheit Page & Plant live zu sehen – und wieder klettert er die Soundanlage hinauf, um die Musik auch körperlich zu spüren.

Die Filmmacherin Amy Berg hat bereits eine höchst sehenswerte Musikdoku über Janis Joplin vorgelegt. Auch „Janis – Little Blue Girl“ stützt sich auf haufenweise Archivmaterial einer bereits Verstorbenen und reichert die Erzählung des Lebens und der Karriere um aktuellen Befragungen von Zeitzeugen an. Amy Berg ist versiert im Zusammenstellen von Archivmaterial, was ihr im Fall von „Deliver us From Evil“ über den Missbrauchsskandal des katholischen Geistlichen Father O’Grady eine Oscarnominierung einbrachte und bei den Dokus „West of Memphis“ und „This is Personal“ durchaus politische Themen aufgriff.

„Ich wäre gerne Nina Simone“

Der mit 31 Jahren verstorbene Musiker Jeff Buckley gilt als sensibel und empathisch und definierte seinerzeit vielleicht einen neuen Männertypus. Möglicherweise ist es sinnvoll Jeff Buckley nicht durch die Nerdbrille der Rockfans zu erfassen, sondern durch einen weiblichen Blick zu ertasten. Während die Doku, nachdem der Gegenstand der Betrachtung etabliert ist, weitgehend chronologisch verläuft, sind die hauptsächlichen Zeitzeugen über Jeff Buckleys leben die Frauen in seinem Leben.

Zunächst seine Mutter Mary Guibert, die nach einen kurzen Techtelmechtel mit Jeffs Vater Tim Buckley, schwanger wurde und Jeff ohne den berühmten Folksänger als Vater aufzog. Zu Tim Buckley hatte Jeff zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis. Anschließend trifft der junge Musiker in New York die heutige Künstlerin Rebecca Moore, mit der er während prägender Jahre liiert ist. Und Joanne Wasser, seine letzte Lebensgefährtin, gibt Auskunft über Jeffs spätere Jahre. Zusätzlich kommen noch weitere Leute zu Wort, wie Musiker Ben Harper und Freund und Mitmusiker Michael Tighe.

„Was ich von meinem Vater geerbt habe? Leute, die sich an ihn erinnern. Nächste Frage.

Dokus aus Archivmaterial haben immer wieder neuralgische Momente, in denen das Interesse der Zuschauer:innen auf die Probe gestellt wird. Das Bildmaterial ist oftmals nicht sonderlich bildschirm-oder leinwandtauglich und häufig auch eher kurz, so dass auch „It’s Never Over, Jeff Buckley“ eine editorische Mammutaufgabe ist. Je nachdem, wie sehr das Publikum bereit ist zu folgen, ergibt sich daraus eine stimmige und faszinierende Erzählung.

Da ist das Faszinosum des hochtalentierten Künstlers, der auf tragische Weise viel zu jung auf eine ähnliche Art ertrinkt wie das auch bei seinem berühmten Vater der Fall war. Und da ist die schillernde Hypothese, was Jeff der Welt an großartiger Musik noch hätte offenbaren können. Einen Einblick mag das posthum erschienene zweite Album bieten. Auch das Posthum erschienene Live-Album von der „Grace“-Tour zeigt einen neugierigen, versierten Musiker, der schlicht und einfach gerne gespielt und musiziert hat. Wer den pakistanischen Folk-Musiker Nusrat Ali Khan als seinen persönlichen Elvis bezeichnet, ist auf etwas anderes aus, als auf schnellen Rockstar-Ruhm. Sicherlich war der schnelle und überraschende Erfolg von „Grace“ aber auch ein Thema, das dem jungen Musiker zu schaffen machte.

In der Doku zeigt sich tatsächlich eine sehr demüte Einstellung zur Musik und zur Kunst. Jeff ist sich sehr wohl bewusst, dass sein Markenzeichen, die Oktaven umspannende Stimme, etwas ist, was in der Familie vererbt wird. Ebenso ist er sich bewusst war, dass er mit einem wunderbares Album bereits so viel ausgedrückt hatte, dass es schwierig wird, weitere Musik zu komponieren.

Es bleibt fraglich, ob „It’s Never Over, Jeff Buckley“ interessierten Rockfans einen Mehrwert bieten kann, denn die vermeintlichen Fakten sind bekannt und in der Fachpresse ellenlang ausgerollt. Doch einer jüngeren Generation kann die schillernde Doku eine großartigen Künstler sicherlich auf faszinierende Weise näherbringen. Und wer sich mit dem Filmaufbau anfreunden kann, wird zumindest das Album „Grace“ wieder aus dem Musikregal ziehen, wenn es nicht ohnehin regelmäßig auf heavy rotation läuft.

It’s Never Over, Jeff Buckley
OT: It’s Never Over, Jeff Buckley
Genre: Doku, Musik, Biografie
Länge: 106 Minuten, USA, 2025
Regie: Amy Berg
Mitwirkende: Jeff Buckley (Archiv), Joanne Wasser, Rebecca Moore, Mary Guibert,
FSK: nicht geprüft
Verleih: Piece of Magic Entertainment
Kinostart: 09.04.2026

Jeff Buckley Homepage

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