Stein der Geduld: Dahinvegtieren

Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg beschäftigen. Heute „Der Stein der Geduld“ mit Golshifteh Farahani. Der Text entstand zum Kino-Start 2013. Der aus Afghanistan stammende Schriftsteller und Filmmacher Atiq Rahimi verfilmt seinen hochgelobten Roman „Stein der Geduld“ gleich selbst und hat mit der wunderbaren Golshifteh Farahani eine großartige Hauptdarstellerin dabei. Eine Parabel über Starrsinn, Religion und Geduld.

Inmitten des afghanischen Krieges ist die namenlose Stadt inzwischen fast vollständig zerstört. Viele der Bewohner sind fortgegangen, weil die Kämpfe zwischen den rivalisierenden religiösen Gruppen noch andauern. Eine der wenigen, die noch in diesem Teil der Stadt leben ist die namenlose junge Frau (Golshifteh Farahani), deren Mann bei den Kämpfen von einer Kugel im Genick getroffen wurde und seither reglos wie ein Stein vor sich hin vegetiert.

Trotz der Gefahr für ihr Leben und ihre Tochter darf die Frau ihrem Gatten nicht von der Seite weichen. Irgendwann gelingt es ihr, die Tochter bei ihrer Tante in Sicherheit zu bringen. Doch obwohl die Frau ihren Mann nicht liebt und dieser sie nie auch nur freundlich behandelt hat, kümmert sie sich um den fast Leblosen. Und sie beginnt ihm zu erzählen, von ihrem Leben, ihren Gefühlen und ihren Nöten.

Der heute in Frankreich lebende Autor Atiq Rahimi hat seine anrührende Geschichte nach einer Fabel aus dem Koran konzipiert, in der jemand einem Stein solange seine Geheimnisse anvertraut, bis dieser Stein der Geduld zerspringt, dann sind auch die Sünden vergeben. Anders hier, im von Krieg verwüsteten Afghanistan. Es scheint keine Erlösung für die Frau zu geben.

Warten auf Erlösung

Die gelegentlichen Besuche des Iman wehrt sie mit dem Hinweis ab, sie sei gerade unrein. Mit fatalistischer Entschlossenheit und auch ohne Alternative in einer von strengen religiösen Sitten geprägten Gesellschaft bleibt der Frau nichts anderes, als mit ihrem versteinerten Mann zu verweilen. Die Rolle der Frau im fundamentalistischen Islam wird hier mehr als nur hinterfragt, sondern offen und poetisch kritisiert.

Doch keine Bange, „Stein der Geduld“ ist kein zermürbendes Kammerspiel, sondern ein lebendiger Film. In dem sorgen die Schrecken und Überraschungen des Kriegs immer wieder für Gefahr und unerwartete Begegnungen, die das Ausharren der Frau schwierig machen. Der Film verzichtet weitgehend auf irgendwelche Schnörkel und ist sehr gradlinig inszeniert. Der Focus liegt ganz auf der Hauptfigur, die sich im Filmverlauf immer weiter öffnet und ihrem Gatten, von dem sie nicht einmal weiß, ob er sie hört, immer weiter provoziert. Die Intensität ergibt sich ganz allein aus der Situation des Films und so ist es kein Wunder das Golshifteh Farahani („Huhn mit Pflaume“) für diese Rolle auch schon mehrfach für Preise nominiert war.

Die Literaturverfilmung „Stein der Geduld“ überzeugt vor allem durch eine großartige Hautdarstellerin und führt einem die Absurdität des Krieges in Afghanistan, ja eigentlich jeden Krieges, lebendig und zugleich auch poetisch vor Augen.

7/10

Der Stein der Geduld
OT: Syngué Sabour. 
Genre: Drama
Länge: 102 Minuten, F/D, 2012
Regie: Atiq Rahimi
Vorlage: Gleichnamiger Roman von Atiq Rahimi
Schauspiel: Golshifteh Farahani
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Rapid Eye Movies, Alive
Kinostart: 10.10.2013
DVD-VÖ: 14.03.2014

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