Nader und Simin: Chronik einer angekündigten Tragödie

Die aktuelle Weltlage schlägt mir nicht erst seit gestern auf den Magen. Daher präsentiert brutstatt.de in loser Folge Filmreviews aus dem Archiv, die sich unter dem Motto #WeltImKrieg beschäftigen. Auch im Iran leben Menschen, die mit Problemen zu kämpfen haben. Das Drama „Nader und Simin“ von 2011 erzählt von einer zerrütteten Familie. Asghar Farhadis vierter Film gewann einen Oscar und hält sich beständig unter IMDBs Top 2025 Das Review erschien zur Home-Entertainment Veröffentlichung .

Das Ehepaar Nader (Peyman Moadi) und Simin (Leila Hatami) hat eine Tochter. Um ihr bessere Zukunftschancen zu gewährleisten, wollte die Familie eigentlich das Land verlassen. Doch Nader weigert sich, weil sein Vater an Alzheimer leidet und er den alten Mann nicht alleine lassen will. Nun lässt sich das Paar scheiden, denn Simin hält nach wie vor an dem Plan fest, ins Ausland zu gehen. Tochter Temeh (Sarina Farhadi) sitzt zwischen den Stühlen und bleibt vorerst beim Vater.

Als Simin auszieht, engagiert Nader Razieh (Sareh Bayat) als Haushaltshilfe und damit sie sich um den Vater kümmert. Doch die schwangere, tief religiöse Frau ist mit der Aufgabe überfordert. Eines Tages kommt Nader nach Hause und findet seinen Vater bewusstlos und ans Bett gefesselt auf dem Boden liegend, von Razih weit und breit keine Spur. Als die Frau wieder auftaucht, wirft der wütende Nader sie aus der Wohnung.

Am nächsten Tag erfährt er, dass Razieh durch den Sturz die Treppe hinunter das Kind verloren hat. Außerdem wusste ihr arbeitsloser Mann nichts davon, dass sie heimlich arbeiten geht. Während Nader sich nun mit einer Anzeige wegen Totschlags konfrontiert sieht, zeigt er seinerseits die Haushaltshilfe an.

Das Land verlassen wegen der Tochter

Die Fronten scheinen unüberbrückbar, gerade zwischen den beiden prinzipienreitenden Ehemännern, während die Frauen versuchen, die Situation pragmatisch zu lösen. Doch bei den Gerichtsverfahren entspinnt sich ein schier undurchdringliches Netz aus Lügen und Beschuldigungen, das unaufhaltbar auf eine Tragödie hinausläuft.

„Nader und Simin“ ist der fünfte Spielfilm des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, der auch das wendungsreiche Drehbuch schrieb, in dem kaum etwas so ist, wie es aussieht. Es ist erstaunlich, wie viel Tiefe und unterschiedliche Themen der Film anspricht, freilich mit der Konsequenz, einiges nur anzureißen und den Zuschauer bisweilen am Starrsinn der Charaktere verzweifeln zu lassen. Es geht nicht nur um die Liebesbeziehung zwischen Simin und Nader, die offensichtlich noch vorhanden ist, sondern auch um die Rolle der Frau in der Gesellschaft des Iran. Es geht nicht nur um eine verzweifelte Mutter, Razieh, die aus wirtschaftlicher Not heimlich arbeiten geht, sondern auch um ein soziales Gefälle zwischen einer Reichen Oberschicht und der armen Bevölkerung.

Das für westliche Zuschauer seltsame, sehr lebhafte gelegentlich willkürliche Gerichtsverfahren wirft nicht gerade ein positives Bild auf die Iranische Justiz und der unterschwellige Konflikt zwischen sehr religiösen Menschen und den eher weltlich ausgerichteten entspinnt sich gerade an der Frage, ob ein Mann einer in den Tschador, das traditionelle über der Kleidung zu tragende schwarze Tuch, gehüllten Frau ansehen kann, ob sie schwanger ist.

Die schwangere Haushaltshilfe

All dies wird in „Nader und Simin –Eine Trennung“ auf einer sehr persönlichen Ebene thematisiert, die es dem Zuschauer leicht macht, einen Einblick in die iranische Gesellschaft zu bekommen und ist dramatisch sehr überzeugend dargestellt, nicht umsonst wurden auf der Berlinale neben dem Film selbst auch die beiden weiblichen und der männliche Hauptdarsteller geehrt. Farhadis Drama verfügt über eine Vielschichtigkeit, wie sie höchst selten ist.

Die Motive und Ängste der Figuren, die sich im Laufe des Films durchaus ändern sind anschaulich und nachvollziehbar. Allerding habe ich auch selten einen Film gesehen, in dem es mir so schwer fiel zu irgendeiner der Figuren eine Beziehung zu entwickeln. Das vielleicht verständliche, scheinbar alternativlose, sich immer weiter in die Tragödie stürzende Verhalten der Charaktere in „Nader und Simin“ hat mich zwar intellektuell gefordert, ab einem gewissen Zeitpunkt (vielleicht eine Handlungswendung zuviel) aber gleichgültig gelassen.

Das iranische Drama „Nader und Simin“ zeigt ausgehend vom Ende einer Ehe ein sehenswertes und detailreiches Abbild des modernen Alltagslebens im Iran und überzeugt mit einer Geschichte, die mit vielen Wendungen die Ängste und Sehnsüchte der Menschen beleuchtet.

Nader und Simin – Eine Trennung
OT: Jodaeiye Nadr az Simin, International: A Separation
Genre: Drama
Länge: 123 Minuten, IR, 2011
Regie: Ashghar Farhadi
Schauspiel: Payman Maadi, Sareh Bayat, Leila Hatmi
FSK:_ ab 12 Jahren
Verleih: Alamode / Alive
Kinostart: 14.07.2011
DVD-VÖ: 27.01.2012

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