Nu je, Glens viertes Album „It Was A Bright Cold Day In April“ ist auch schon seit einigen Wochen veröffentlicht. Und das experimentelle meditiative Instrumentalquartett macht eigentlich da weiter, wo „I Can See No Evil“ aufgehört hat. Mensch kann das Post Rock nennen, aber allein der Rock-Begriff verschwimmt, wenn Musiker:innen damit beschäftigt sind Liedstrukturen aufzubrechen. Insofern einfach mal reinhören, es groovt ganz gehörig.
Das Album-Cover zu „It Was A Bright Cold Day in April“ zeigt einen farbintensiven Sonnenuntergang, davor am Horizont einen Sendemast und ein Kind beim Drachen steigen lassen. Im Innenbereich des Gatefold-Vinyls dann eine ähnliche Abendstimmung mit mehr Leuten und dem Abdruck von fünf Gedichten, die den jeweiligen Songs zugeordnet sind. Nicht, dass bei Glen auf einmal vokal performt würde (abgesehen von Hintergrundstimmen), doch es gibt Impressionen und Assoziationen zu den jeweiligen Songs.
Auf dem vierten Album der Band um das Gitarren-Duo Eleni Ampelakiotou und Wilhelm Stegmeier sind fünf Songs von jeweils mehr als 7 Minuten Länge zu finden. Es gibt mit „Zugzwang“ und „Il Ricordo“ noch zwei Bonus-Titel. Die hätte man zu Zeiten als Single-Auskoppelungen noch en Vogue waren auf die B-Seiten gepackt. Nun kommen sie als digitale Ergänzung (Downloads sind beim Vinyl mit dabei) oder als CD-Bonus daher.
Beide Lieder sind im Glen-Kosmos zugänglich und haben ihren Charme, ebenso wie es sinnvoll ist, sie nicht in das Album-Konzept zu integrieren. Auch ist der Sound hörbar anders. Und so groovt „Zugzwang“ fast alternative rockig im Midtempo bevor jazzige Gitarrenläufe dazukommen. „Il Recordo“ kreist um eine melancholische Melodie und bleibt direkt im Ohr hängen. Soviel also zur Zugabe. Nun zum Hauptwerk.
…the chimes of my hammers pulse in your veins…
Glen verstehen sich als Band, auch wenn der Kern aus den beiden Gitarren besteht. Tatsächlich waren Bassist Roland Feinäugle und Schlagzeuger Achim Färber bereits auf dem vorangegangenen Album mit von der Partie. Aber das Quartett, das hinreißend kompakt zusammenspielt wird auch von Gastmusikern begleitet. Hier ein distanziertes Saxofon, dort eine Siebziger Hammond-Orgel.
Der Album-Titel „It Was a Clear Bright Day in April“ ist der Eröffnungssatz von George Orwells totalitärer Dystopie „1984“, der weitergeht mit „und dann schlugen die Uhren Dreizehn.“ So ist auch der letzte Album-Song betitelt, der die Hörerschaft mit einem Klangschalen-Ton wieder in die reale Welt entlässt. In der Zwischenzeit loten Glen in gut 45 Minuten aus, was geschieht, wenn das Böse, um das es auf dem vorangegangenen Album ging, sich Zugang zu Macht verschafft und Gesellschaft formt, verformt und deformiert und unfrei macht.
„Frenzy“ kommt mit einer kriechenden kleinen Gitarrenfigur daher, die sich dann wie ein Insekt in die Soundwall frisst. Da wird eine bedrohliche Stimmung hörbar und eine aufheulende Gitarre während sich das Insekt im nervösen Beat versteckt. Das ist ebenso hypnotisch wie beklemmend und knarzt sich seinen Weg durch die siebenminütige Gleichförmigkeit, die im der Lautstärke variiert und in der zweiten Liedhälfte etwas dissonant proggig eine Orgel ergänzt. Das Gedicht zur Raserei erzählt von den Glockenschlägen eines Hammers, die durch die Straßen hallen. Was für ein schillernder Auftakt und eine großartige Video/SingelAuskopplung.
…walking through the busy shopping mall…
„Lotusesser“ beschwört im Gedicht die ewige Stunde und die drängende Sehnsucht, während musikalisch ein stetig fließender ruhiger Strom heraufbeschworen wird. Gitarrenfiguren wie sie Glen gerne improvisieren schwimmen auf dem Groove. Ein wunderbares charismatisches Auf-und Abschwellen. „Brute Force“ beginnt mit einen distanzierten Saxofon und sich aufbauendem Becken-Zischen bevor nach 90 Sekunden ein hektischer Gitarrenfunk den Song übernimmt. Das hat durchaus etwas von der nervösen Energie die Critters Buggin’ Mitte der Neunziger in Seattle aufs Parkett brachten. Für den einen oder die andere mag das zuviel Bleep und Klong sein und zuviel Saxofon-Gefiepe, aber ich mag die Energie dabei. Das Gedicht dazu erzählt von einem Mann, der mit erhobenen Händen durch eine Einkaufszentrum geht.
Mit rund 14 Minuten ist „Sublime“ der längste Song auf dem Album und möglicherweise das Herzstück der Angelegenheit. In dem zugehörigen Gedicht fragt sich Denis, warum Gott als Vater sich eher um seine Äpfel sorgt als um seine Kinder. Denis meint den Philosophen Denis Diderot, die Frage mag berechtigt sein, aber die erste Hälfte von „Sublime“ kreiert mit minimalistischem Ansatz atonale Atmosphäre.
…weave their melodies through the air…
Da ist dann auf Konserve auch mal früher gut als live. Die Gitarre entscheidet sich erst quälend spät für ein Leitmotiv, während der perkussive Klangraum erkundet wird. Erst ab Minute 7 bekommen die musikalischen Motive eine Richtung und einen treibenden Drang, der sich letztlich zu einer Gitarrenwand aufbaut.
Abschließend stimmt eine Klangschale Kirchenglocken gleich zum Gebet ein und eine meditative Atmosphäre baut sich auf. Stimmungsvoll unterlegt mit Field Recordings und möglicherweise auch orientalischen Einsprengseln in der Assoziation. Immerhin geht es darum, dass alles miteinander verbunden ist und Elemente der Natur mit einander in Kontakt stehen.
Und so endet eine faszinierende Klangreise und ein instrumentaler Trip irgendwo zwischen Post Rock und Jazz, zwischen Neo-Kraut und Avantgarde oder einfach instrumental für offen Ohren.
Mir will scheinen, dass sich Glen als Band als Kollektiv und als Künster:innen weiterentwickelt haben, ohne ihre Trademarks, ihre Sounds und ihre wunderbaren Gitarren unterwegs auf der Strecke gelassen zu haben. „It Was A Bright Cold Day in April“ ist durchaus fordernde Musik, aber wenn die E-Gitarren liebende Hörerschaft erstmal Zugang gefunden hat sind Glen eine extrem lohnenswerte Kontaktaufnahme.
Glen – It Was A Bright Cold Day In April
Genre: Experimental Rock,
Länge: 5 Songs 45 Minuten (+ 2 Bonus, 12 Minuten), D, 2026
Interpret: Glen
Label: Kapitän Platte
Vertrieb:Cargo Records
Fortmat: Vinyl, Digital, CD,
VÖ: 20.02.2026
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