Im Herzen der See: Wal, da bläst er

Glaubt man der Film-Werbung, so erzählt Ron Howards „Im Herzen der See“ das reale Schicksal jenes Walfangschiffes, das den Schriftsteller Herman Melville zu seinem epischen Roman „Moby Dick“ inspiriert haben soll. Literaturgeschichtlich ist das allerdings nur die halbe Wahrheit, aber hier geht es ja um Filme. Regisseur und Oscar-Gewinner Ron Howard inszeniert die tragische Seemannsgeschichte als episches, heldenhaftes Abenteuer. Letztlich will „Im Herzen der See“ zu viel auf einmal, aber als Seemannsgarn funktioniert das Abenteuer, das 2015 in die Kinos kam.

Im Jahr 1850 trifft der ambitionierte junge Schriftsteller Herman Melville (Ben Wishaw) auf der Walfanginsel Nantucket vor der Küste von Massachussets ein. Er trifft den letzten Überlebenden des verunglückten Walfangschiffes „Essex“. Nur widerwillig redet der alte Tom Nickerson (Brendan Gleeson) über die fatale letzte Fahrt des Schiffs.

Als unerfahrener Schiffsjunge heuert Tom (Tom Holland) 1819 auf dem Walfänger Essex an. Dem jungen Kapitän George Pollard (Benjamin Walker) wird von der Reederei der erfahrenen erste Maat Owen Chase (Chris Hemsworth) zur Seite gestellt, damit die Waljagd der Essex auch erfolgreich ist. Doch es dauert nicht lange, bis es zwischen dem Offizier und dem Kapitän zu starken Differenzen kommt.

Als Pollard sein Schiff voll aufgetakelt in einen Sturm segeln lässt, um die Mannschaft zu taufen, entgeht das Schiff nur knapp einer Katastrophe. Für Pollard Grund genug, umzukehren und sich des erfahrenen Rivalen zu entledigen. Doch Chase überzeugt den Kapitän weiterzusegeln. Lieber später mit reicher Jagdbeute heimkehren als jetzt mit leerem Schiff.

Im Herz der Finsternis

Unterwegs trifft die Essex allerdings nur auf wenige Wale. Nach drei Monaten auf See wird an der chilenischen Küste berichtet, weit westlich im Pazifik gebe es noch reiche Walgründen, die aber von einem angriffslustigen Pottwal verteidigt würden. Die Essex nimmt die beschwerliche Reise in Angriff – mit fatalen Folgen.

Inhaltlich bezieht sich „Im Herzen der See“ auf das gleichnamige Sachbuch von Nathaniel Philbrick, das anlässlich des Filmstarts Anfang November auch hierzulande veröffentlicht wurde. Das in den USA aber schon seit Jahren auf dem Markt ist. Für die beinahe akribische Drehbuchumsetzung sorgte Charles Leavitt („Blood Diamond“, Seventh Son“). Inklusive der qualvollen 3500 Kilometer langen Fahrt in den kleinen, kaum hochseetüchtigen Fangbooten, während der es auch zu Kannibalismus kam. Aus der tragischen Überlebensgeschichte wird ein klassisches Seeabenteuer.

In dessen Mittelpunkt steht der heldenhafte und seeerfahrene erste Maat Owen Chase, der von Chris Hemsworth draufgängerisch und ein bisschen nahe am Klischee verkörpert wird. Sein Konflikt mit dem jungen unerfahrenen Kapitän aus gutem Hause bildet in der ersten Hälfte den dramatischen Kern der Geschichte. Die Story wurde mit viel CGI und 3D aufwändig umgesetzt. Man hätte sich vielleicht einen weniger weichgezeichneten Look gewünscht. Vor allem die Walfängerinsel Nantucket sieht doch sehr nach einer Fantasykulisse aus, aber für die Waljagd und vor allem die Unterwasserszenen der Wale ist die Optik stimmig.

Machtkampf auf hoher See

Weniger gelungen ist die Rahmenhandlung um den aufstrebenden Schriftsteller Herman Melville, der hier nicht nur einen aufregenden Stoffe für eine epische Erzählung sucht, sondern auch die Wahrheit zu Tage fördert, die von der Reederei jahrzehntelang unter den Tisch gekehrt wurde. Man hatte das Schiffsunglück aus wirtschaftlichen Gründen auf simples Auf Grund Laufen verharmlost.

Aus dramaturgischen Gründen trifft der Schreiber auf den alt und verbittert gewordenen Schiffsjungen. Belegt ist das nicht, auch wenn Nickerson seine Erlebnisse im Jahr 1870 niederschrieb. Vielmehr ist Melville selbst auf einem Walfänger gefahren, auf dem auch der Sohn von Owen Chase angeheuert hatte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Melville von der Essex und Chase hatte darüber bereits kurz nach der Tragödie einen Bericht geschrieben. Zudem vermittelt „Im Herzen der See“ den unrichtigen Eindruck, der Vorfall sei Melvilles einzige Inspiration gewesen.

Der Chronist einer Katastrophe

Das würde nicht weiter ins Gewicht fallen und ließe sich als dramaturgische Zuspitzung abtun, wenn „Im Herzen der See“ sich auf die Überlebensgeschichte beschränkt hätte. Aber gerade während der Jagd auf den riesigen Pottwal vermischen sich Realität und „Moby Dick“-Fiktion. Der weiße Wal wird in klassischer Moby Dick Manier als geradezu hinterhältige, rachsüchtige Bestie inszeniert. Etwas mehr ungerichtete Naturgewalt wäre an dieser Stelle stimmiger gewesen. So aber entsteht auch der Eindruck, dass „Im Herzen der See“ im Grunde versucht, „Moby Dick“ neu und anders zu erzählen. Diesem Anspruch wird der Film zu keinen Zeitpunkt gerecht.

Sehr anschaulich und eindrücklich hingegen wird dargestellt, welchen Stellenwert die Walfang-Industrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte. Walöl, zu dem die riesigen Meeressäuger noch an Bord der Fangschiffe eingekocht wurden, war der erste verfügbare flüssige Brennstoff. Der weltweite Bedarf war enorm und zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Walbestände bereits überfischt. Mitte des Jahrhunderts begannen die ersten Erdölfunde den Wirtschaftszweig Walfang überflüssig zu machen.

Ron Howards „Im Herzen der See“ übernimmt sich mit den literarischen Aspekten der wahren und tragischen Geschichte des Walfangschiffes Essex, sorgt aber optisch und inhaltlich für ein gelungenes Hollywood-Seeabenteuer mit Starbesetzung. Kann mensch gucken.

Bewertung: 3 von 5.

Im Herzen der See
OT: In The Heart oft he Sea
Genre: Drama, Abenteuer
Länge: 122 Minuten, USA, 2015
Regie: Ron Howard
Vorlage: Gleichnamiges Sachbuch von Nathaniel Philbrick
Schauspiel: Chris Hemsworth, Ben Wishaw, Cilian Murphy, Benjamin Walker
FSK:ab 12 Jahren
Vertrieb: Warner, Universal
Kinostart: 03.12.2015
DVD- & BD-VÖ: 07.04.2015

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