The Painted Bird: Irrwege durch das rohe Land

„Der bemalte Vogel“ ist ein durch und durch kontroverser Film. Das war auch schon die literarische Vorlage. In der Geschichte eines Jungen in Zeiten des Krieges werden Auswüchse an Barbarei, Brutalität und Verrohung dargestellt, die menschliche Abgründe ausloten. Es stellt sich die Frage, warum so etwas gesehen oder gelesen werden sollte? Eine plausible Antwort wäre, um zu bezeugen und nie zu vergessen, zu welchen Gräueltaten der Mensch fähig ist. Und dennoch will es wohlüberlegt sein, sich diesen zurecht nicht jugendfreien Bildern auszusetzen.

Ein namenloser Junge wächst auf einem Bauernhof im Nirgendwo bei einer alten Frau auf. Eines Tages stirbt die Alte und der Junge erschrickt bei ihrem Anblick derart, dass ihm die Petroleumlampe herunterfällt und das Haus in Brand steckt.

Für den heimatlosen Jungen beginnt nun eine Irrfahrt der Leiden, die mit den Schlägen und Tritten der Dorfbewohner beginnt, welche ihn als Teufelsbrut aus der Siedlung treiben. Nachdem der Junge eine zeitlang von einer alten Hexe ausgenutzt wird, läuft er fort und wird Handlanger eines eifersüchtigen Müllers. Auch hier gibt es nichts als Leid und Gewalt.

Die Handlung

Der Vogelfänger Lekh scheint da freundlicher zu sein und bringt dem Jungen bei wie man Vögel jagt. In der namensgebenden Szene des Films bemalt Lekh einem Vogel die Flügel und lässt ihn frei, nur um zu beobachten, wie der bemalte Vogel von seinen Artgenossen als Fremdling zu Tode gepickt wird. Die Zeit bei dem Vogelfänger endet jäh, als dessen einfältige Gefährtin totgeprügelt wird.

Später dann wird der Junge von Soldaten aufgelesen und soll erschossen werden. Er entkommt, nur um zunächst Messdiener zu werden und später an einen einsamen Bauern zu geraten, der ihn missbraucht. Er kann fliehen und lernt die kaum erwachsene Bauerstocher Labina kennen. Anschließend gerät der Junge wieder in die Hand von Soldaten.

Die Verfilmung

„The Painted Bird“ ist ein episches Filmprojekt und Regisseur Václav Marhoul arbeitete Jahre lang an der Umsetzung. Und dennoch ist der herausragend inszenierte Film im Aufbau undramatisch schlicht und inhaltlich kaum zu ertragen. Dazu später mehr.

Allein die Beschaffung der Filmrechte hat Jahre gedauert und es folgten etliche Drehbuchvarianten bis schließlich die Darsteller gefunden waren und die Dreharbeiten beginnen konnten. Darüber gibt in der nun veröffentlichten Special Edition von „The Painted Bird“ nicht nur das lesenswerte Booklet Auskunft, sondern auch die beiden Filme, die als Bonusmaterial auf einer gesonderten DVD beigefügt sind.

Zum einen handelt es sich um die „Meisterklasse“, die Marhoul anlässlich des Go East Filmfestivals 2020 pandemiebedingt als Videokonferenz abgehalten hat. Das ist bisweilen etwas sperrig zu gucken, aber durchaus informativ. Der tschechische Filmmacher stellt sich Fragen und erläutert seinen Arbeitsprozess und diverse Aspekte der Filmentstehung.

Das Bonus-Material der Special Edition

Aufschlussreicher und auch unterhaltsamer anzuschauen ist die „Making of-Doku“, die als Filmtagebuch des jungen Hauptdarstellers Petr Kótlar aufgebaut ist. Der junge Mann, der keine weiteren schauspielerischen Ambitionen zeigt und lieber Parkour-Athlet werden will, fungiert als Erzähler. Das hat den Mehrwert, dass nicht nur Dreharbeiten, Rehearsals und Location-Suche dokumentiert werden, sondern auch noch klar zur Geltung kommt, dass der Hauptdarsteller während der Arbeiten am Film gut bereut und vor den Brutalitäten geschützt wurde. In gewisser Weise sorgt das nach Sichtung von „The Painted Bird“ für willkommene Erleichterung.

Erleichterung ist willkommen, weil „The Painted Bird“ sowohl als Buch als auch als Film menschliche Barbarei, Verrohung und Bestialität zeigt, ohne dass es einen Ausweg gäbe. Die Tour der Leiden geht für den wortkargen Jungen, der sich spät im Film an seinen Namen erinnert, immer und immer weiter. Dabei beschränkt sich die Grausamkeit keineswegs nur auf Dinge, die dem Jungen angetan werden, sondern zieht sich durch alle Situationen und Gesellschaftsanordnungen. Es wirkt beinahe wie eine Aneinanderreihung von Extremen, wie sie in Aldous Huxleys „Brave New World“ zur Gehirnwäsche zusammengestellt werden könnte.

Die Schönheit der Bilder

Verstörend ist dabei zunächst, wie herausragend schön „The Painted Bird“ gefilmt worden ist. Vaclav Marhoul hat sich bewusst entschieden, den Film in 35mm Cinemascope auf tatsächlichem Celluloid zu drehen. Die epische Weite der Bilder gehört auf eine Leinwand und ist bereits auf Blu-ray eine Verschwendung an das Publikum, die einem ein schlechtes Gewissen bereitet.

Zwei weitere künstlerische Entscheidungen sind wesentlich für die Ästhetik von „The Painted Bird“: erstens wurde der Film in Schwarz-Weiß gedreht, was ihm erstaunlicherweise eine tiefere Ebene der Wahrhaftigkeit und der filmischen Klarheit verschafft. Vielleicht hätten Farben abgelenkt, vielleicht wäre die Beispielhaftigkeit der Ereignisse geschrumpft…

Zweitens wurde der Film nicht in Englisch gedreht, obwohl das Buch in Englisch geschrieben ist. Die Ereignisse in „The Painted Bird“ tragen sich während des Zweiten Weltkrieges in Osteuropa zu. Daher hat sich der Regisseur entschieden, dass Sprache wesentlich für die Region der Handlung und für die Verortung ist. Daher wurde eine Art „Interslawisch“ als Filmsprache verwendet. Die Kunstsprache soll verhindern, dass etwaige Anwürfe einer vermeintlichen Volksgruppenfeindlichkeit vom unmenschlichen Inhalt ablenken. Die Blu-ray enthält auch eine deutsche Synchronspur, aber da ohnehin kaum geredet wird, sollten sich Zuschauer:innen die Mühe machen, den Film im Original zu sehen.

Die Grausamkeit des Menschen

Es wird bewusst offengelassen, ob der Junge jüdische Abstammung oder ein „Zigeuner“ ist. Auf jeden Fall taugt er als rassistisches Opfer und als universeller Sündenbock für alle Kriegsparteien und Gesellschaftsgruppen. Und bei aller Brutalität und sadistischer Gewalttätigkeit, lässt sich das Böse in „The Painted Bird“ weder eingrenzen noch verorten. Vielleicht ist das die niederschmetternde Erkenntnis auf dem verstörenden und anstrengenden Film. Das Schlechte bricht sich Bahn, sobald es nicht in Schach gehalten wird. Einfach weil es kann.

Der aus Polen stammende Autor Jerry Kosinski schrieb „The Painted Bird“ 1965 in englischer Sprache, nachdem er 1957 immigriert war. Zunächst behauptete Kosinski, die Erlebnisse im Roman seien autobiografisch, später musste er diese Behauptung zurücknehmen. Und war nicht nur deswegen diversen Anfeindungen und Kritiken ausgesetzt. In Polen wurde der Roman erst im neuen Jahrtausend veröffentlicht, weil dem Roman immer wieder vorgeworfen wurde, er sei polenfeindlich. Hierzulande erschien erst 2011 eine deutsche Übersetzung im Arche Verlag.

Die literarische Vorlage

Es gibt in der Literatur- und Filmgeschichte immer wieder Werke, die weit mehr als unbequem sind, die zu Recht als kaum auszuhalten gelten. Eben weil sie derart abgründig sind, dass es emotional und psychologisch kaum zu ertragen ist. Das mag gelten für den russischen Kriegsfilm „Komm und sieh“ der aufgrund der jungen Hauptfigur Parallelen zu „The Painted Bird“ aufweist, das mag beispielsweise auch gelten für Eli Wiesels autobiografisches Zeugnis „Die Nacht“ und für Alfred Hitchcocks dokumentarische Aufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern. Ereignisse die niemand sehen will, die doch geschehen sind und die bezeugt werden sollten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Die Szenen in „The Painted Bird“ sind so wahrhaftig, weil sie realistisch sind. Weil jeder, der Nachrichten verfolgt, weiß wozu die Bestie Mensch im Stande ist. Darum ist „The Painted Bird“ ein wichtiger, ein großartiger Film. Aber, wer sich diesen brutalen Bildern nicht aussetzen will, hat mein vollstes Verständnis. Erkenntnis lässt sich auch auf anderem Wege erlangen. Zeugnis nicht.

Film-Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)
Editions-Wertung: 10 out of 10 stars (10 / 10)

The Painted Bird
OT: The Painted Bird
Genre: Kriegsfilm, Horror, Drama
Länge: 169 Minuten, CZ, 2019
Regie: Václav Marhoul
Vorlage: „The Painted Bird“ von Jerzy Kosinski
Darsteller:innen: Petr Kótlar, Stellan Skarsgard, Udo Kier, Jitka Cvancarová
FSK: ohne Altersfreigabe
Vertrieb: Bildstörung, Drop out cinema
Kinostart: 09.09.2021
BD-VÖ: 06.05.2022 (Special Edition)

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