Daniel Druskat: Schuld aus der Vergangenheit

In der Reihe „DDR-TV-Archiv“ hat Studio Hamburg Entertainment, die die Rechte erworben haben, einen weiteren „Fernsehroman“ von Helmut Sakowski wiederveröffentlicht. „Daniel Druskat“ beschäftigt sich wie auch „Wege übers Land“ mit der Aufbauphase der DDR auf dem Lande. Dieser dritte „Fernsehroman“ von Sakowski erschien 1976 und erweist sich als nicht durchgängig sehenswert gealtert.

Die Dorfbewohner sind schon überrascht, dass Daniel Druskat (Hilmar Thate), der Vorsitzende der LPG in Altenstein, unerwartet verhaftet wird. Die fast erwachsene Tochter Anja kann sich darauf keinen Reim machen und besucht den Bürgermeister des Nachbnarortes Horbeck. Max Stephan (Manfred Krug) ist zwar ein alter Freund von Druskat, aber zwischen den Männern herrscht auch eine starke Rivalität. Gerade erst neulich haben sich Max und Daniel gestritten.

Handlung von „Daniel Druskat“

Als Anja keine Anhaltspunkte für die Vergehen ihres Vaters erfährt, wendet sie sich an die Schankfrau Anna (Erika Pelikowsky), die den Vater schon seit dessen Jugend kennt. Doch auch in ihrer Erinnerung scheint sich Druskat nicht schuldig gemacht zu haben.

Währenddessen sitzt der abgeführte LPG-Vorsitzende bei seinem Parteisekretär und ehemaligen Mentor Gustav Gomolla (Norbert Christian), der gegen Ende des zweiten Weltkriegs als befreiter KZ-Häftling auf den jungen Daniel traf. Nun müssen beide die damalige Zeit wieder aufleben lassen. Auch Max Stephan und seine Frau Hilde (Ursula Karusseit) fragen sich, inwiefern das, was Druskat zur Last gelegt wird, auch ihr Verschulden sein mag.

Das DDR TV-Archiv

Bei brutstatt.de sind bereits einige Titel aus dem DDR-TV-Archiv vorgestellt worden. Zuletzt „Ernst Thälmann“. Doch es sind vor allem die Serienformate, die dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Beispielsweise „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ oder auch „Wege übers Land“ erzählen deutsche Geschichte seit der Nazizeit aus einem Blickwinkel der sich deutlich von dem unterscheidet, was in Westdeutschland zu sehen war. Angesichts der sozialistischen Ausrichtung dieses neuen Deutschlands ist das wenig verwunderlich. es wurde aber in der Bundesrepublik oft nur mit propagandistischen „Geschmäckle“ wahrgenommen.

Heute, Jahrzehnte nach dem Mauerfall und dem Ende des Kommunismus scheint diese Perspektive auf die jüngere deutsche Geschichte vom Erdboden verschwunden zu sein. Doch „Wege übers Land“ (1968) hat gezeigt, dass diese Art der filmischen Chronik durchaus unterhaltsam und belehrend sein kann. Autor Hellmut Sakowski hat anschließend noch zwei weitere Fernsehroman verfasst. „Die Verschworenen“ (1971) und eben „Daniel Druskat“ (1976). „Daniel Druskat“ stellt allerdings einen Sonderfall dar, weil Sakowski die Geschichte als Prosa-Erzählung begann, dann zwischenzeitlich ein Drehbuch schrieb und letztlich beide zeitgleich fertig gestellt wurden. Mehr dazu und auch zu den Dreharbeiten in der enthaltenen Doku „Wir machen einen Fernsehfilm“.

Das Serienformat

Wie auch bei „Wege übers Land“ gehen die Macher mit der Serienzeit sehr frei um, gerade so wie es die einzelnen Teile dramaturgisch benötigen und weniger so starr formatiert wie dies heute und bei populären Formaten auch damals schon üblich war. Insgesamt kommt „Daniel Druskat“ auf gute sieben Stunden Spielzeit, verteilt auf fünf Episoden.

Diese haben jeweils einen anderen Blickwinkel der Erinnerung, quasi eine andere Erzählstimme, und eine andere Zeit zum Gegenstand. Teil 1, die Erinnerungen von Max und Hilde dauert 93 Minuten. Teil 2, die Erinnerung der Schankschwestern Anna und Ida, die sich mit der Zeit des Kriegs beschäftigen, dauern 102 Minuten. Teil 3, Daniels Erinnerungen, ebenfalls 100 Minuten. Und die abschließenden beiden Teile, in denen die Geschichte aufgelöst wird, sind 63 und 75 Minuten lang.

„Daniel Druskat“ beschäftigt sich – wie bereits „Wege übers Land“ – mit den oftmals vernachlässigten Nöten und Problemen der Landbevölkerung im Mecklenburgischen. Die beiden (fiktiven) Dörfer sind benachbart und haben doch so ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen. In Horbeck, wo nun der Stephan Bürgermeister ist, prosperiert alles. Die Gemeinde entwickelt sich und hat Wohlstand. Das liegt an den besseren Bodenverhältnissen, aber auch daran, dass es der Bürgermeister mit dem Sozuialismus nicht so parteigenau nimmt und auch schon mal die Arbeitsbrigade anlässlich eines Staatsbesuch als Bautrupp für ein Schwimmbad am See missbraucht.

Anders Altmark, dessen Wirtschaftsland großteils versumpft ist und den Bauern einiges an Mühe und Geduld abverlangt. Hinzu kommt ein Mangel an Arbeitsgerät und Material. Da wundert es wenig, dass sich Druskat und Stephan in die Wolle kriegen. Doch die Rivalität hat auch andere Gründe und dabei spielt die Liebe eine große Rolle. Letztlich sind es aber andere Ereignisse, die Daniel Druskat zu verantworten hat.

„Daniel Druskat“ unvorteilhaft gealtert

Der 1976 entstandenen Mehrteiler wurde von Regisseur Lothar Bellag in Farbe gedreht und wirkt doch deutlich altbackener als die Schwarzweiß-Inszenierung von „Wege übers Land“. Das liegt auch daran, dass sich die Seh- und Drehgewohnheiten international inzwischen verändert hatten. Seit Robert Altmann Anfang der 1970er das Stimmgewirr als Stilmittel „erfand“, wurde in Inszenierungen –überspitzt gesagt- nicht mehr darauf gewartet, dass ein Monolog abgeschlossen ist, bevor der nächste einsetzt. In „Daniel Druskat“ aber schon noch. Die Serienästhetik wirkt, als hinke sie dem internationalen Vergleich einige Jahre hinterher.

Ein weiterer dramaturgischer Knackpunkt, der zwar im Roman funktionieren mag, aber der Serie viel von ihrer Unmittelbarkeit nimmt, ist die Erzählperspektive der Rückschau. Das wirkt weniger dynamisch und erlaubt – leider – zugleich eine Einordnung und einen sozialistischen Kommentar des seinerzeit Geschehenen. So scheint mir zumindest der Anteil sozialistischer Floskeln und Weltverbesserungsparolen deutlich höher als etwa eine Dekade zuvor.

Manfred Krugs letzte DDR–Rolle

Demgegenüber agiert Manfred Krug als freiheitlicher Sozialist alles andere als kadertreu. Bisweilen kommt in den Dialogen sogar ein Ausreise zur Sprache. Zuschauer:innen mögen das nun nicht überbewerten. Denn obwohl Manfred Krug nur ein Jahr später ausgebürgert wurde, mag sich das hier noch nicht manifestieren. Krug hatte sich zur Causa Wolf Biermann regimekritisch geäußert hat und wurde daraufhin zur Unperson, was eine massive Beschneidung seiner Arbeitsmöglichkeiten zur Folge hatte. Filme in denen Krug noch mitspielte kamen erst Jahre nach seiner Ausbürgerung ins Fernsehen. Daher bleibt „Daniel Druskat“ eine seiner letzten Rollen als Schauspieler in der DDR.

Vielleicht war die Erwartung nachdem immer noch sehenswerten „Wege übers Land“ schlicht zu hoch, doch „Daniel Druskat“ ist bei weitem nicht so charmant gealtert wie der erste Fernsehroman von Sakowski. Das hat wenig mit der guten Besetzung zu tun als mit der Erzählperspektive der Rückschau, der Ausweitung der Propaganda-Zone der altbackenen Inszenierung. Und dennoch hat „Daniel Druskat“ auch sehenswerte Momente und Passagen zu bieten, die mehr sind als ein kulturelles Zeitdokument.

Serien-Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Daniel Druskat
OT: Daniel Druskat
Genre: TV-Serie,
Länge. 433 Minuten, 1976, DDR,
Regie: Lothar Bellag
Vorlage & Drehbuch: „Daniel Druskat“ vom Helmut Sakowski
Darsteller:innen: Hilmar Thate, Angelica Domröse, Ursula Karusseit, Manfred Krug
FSK: ab 6 Jahren
Vertrieb: Studio Hamburg Entertainment, DDR-TV-Archiv
Erstausstrahlung: 1976
DVD-VÖ: 2010
Wieder-VÖ: 245.03.2022

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