Huss – Verbrechen am Fjord – Staffel 1: Mütter und Morde

Die Polizeianwärterin Katarina Huss tritt bei der Polizei von Göteborg in große Fußstapfen. Ihre Mutter, Irene Huss, ist bei der Kripo eine Legende und immer noch im Dienst. Mit der schwedisch-deutschen Koproduktion „Huss – Verbrechen am Fjord“ setzen die Macher die erfolgreiche TV-Serie „Irene Huss, Kripo Göteborg“ nach Romanen und Motiven von Helene Tursten in der nächsten Generation fort und reichen den Staffelstab von der Mutter an die Tochter. Alte Fans sollten ebenso auf ihre Kosten kommen wie neue Zuschauer:innen.

Am Anfang ein Geständnis, für das ich hoffentlich nicht in den Knast komme. Die Art von Krimi-Serie, die „Huss – Verbrechen am Fjord“ in der ersten Staffel bedient, zählt nicht unbedingt zu meinen Favoriten. „Huss“ ist zwar schwedisch, nach Motiven und Figuren von Göteborgs Krimi-Instanz Helene Tursten, aber eben kein Nordic Noir. Es geht in „Huss“ auf spektakuläre Weise um den Polizeialltag, eine realistische, oftmals harte Sozialstudie, weniger darum, vertrackte Fälle zu lösen, oder eine tiefgründige Charakterstudie zu erstellen.

Mit der Ermittlerin Irene Huss hat die schwedische Krimi-Autorin Helene Tursten eine Ermittler-Ikone geschaffen, die in Turstens Heimatstadt Göteborg an der schwedischen Westküste ermittelt. Schon immer hat die Doppelbelastung als Polizistin und Mutter das Wirken von Irene Huss geprägt. Nun in „Huss – Verbrechen am Fjord“ ist sie in die Chefetage der Polizei von Schwedens zweitgrößter Stadt aufgestiegen. Irene ist nicht gerade froh darüber, dass ihre Tochter Katarina Huss (Karin Franz Körlof) ausgerechnet in Göteborg ihre Ausbildung beendet.

Katarina ergeht es hinsichtlich ihrer Mutter ebenso, aber als Anwärterin hat frau wenig Wahlmöglichkeiten. So findet sich Kati zusammen mit zwei Kolleginnen bei der Streifenpolizei wieder. Die Truppe um Johan Jannson (Anders Berg) arbeitet schon seit Jahren zusammenzuarbeiten, doch Katis Mutter hält Jannson seit den Krawallen von 2001 für ein psychologisches Wrack, das nicht unbedingt ein vorbildlicher Vorgesetzter ist.

Im Jahr 2001 fand der EU-Gipfel in Göteborg statt und es fanden sich zig-Tausend Demonstranten ein. Es kam ähnlich wie beim G8-Gipfel im Selben Jahr in Genua und auch beim G20-Gipfel in Hamburg im Jahr 2017 zu massiven Ausschreitungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Ordnungsmacht.

In der Rahmenhandlung von „Huss“ wurde ein Polizist aus Jannsons Team seinerzeit von einem Pflasterstein am Kopf getroffen und liegt seither im Koma. Die Ermittlungen in der Sache wurden jüngst wieder aufgenommen und jede Doppelfolge beginnt mit der Zeugenaussage eines Polizisten, der damals beteiligt war. Anschließend setzt die jeweilige Episodenhandlung ein. Zur Episodeneinteilung noch eine Bemerkung. In Schweden lief die erste Staffel von „Huss“ als zehnteilige Serie mit jeweils 45 Minuten Episodenlänge. Jeweils zwei Episoden ergeben eine zusammenhängende Ermittlung, die für das ZDF zu einer spielfilmlangen Folge zusammengefasst wird, wie das beim ZDF Sonntagskrimi schon lange üblich ist. Die DVD-Box enthält die Folgen in der originalen Einteilung, ich stelle hier die fünf Fälle vor, wie sie im ZDF ausgestrahlt wurden.

Erste Arbeitstage

In „Bewährungsproben“ werden die drei Rookies, so nennt man unerfahrenen Neulinge bei den Amerikaners, gleich ins kalte Wasser geworfen. Die Razzia bei einem Fussballspiel in einem von Göteborgs Problembezirken, wird für Kati Huss zu einer Feuerprobe. Sie missachtet den Befehl, die Leute auf dem Sportplatz im Zaum zu halten und beobachtet einen scheinbaren Waffendeal. Huss verfolgt die Leute, doch es ist keine Waffe zu finden.
Kati Huss muss sich nun mangelnde Disziplin und Teamfähigkeit vorwerfen lassen. Doch die ehrgeizige Polizistin glaubt sich im Recht und als sie einen Tag später einen Mordtatort bewacht, beschließt sie, dem Kriminalermittler Darius Kiani (Kado Razzazi) ihren Verdacht mitzuteilen, um in dessen Team aufgenommen zu werden. Das Klappt zwar, aber bei der Streifenpolizei macht Kati sich damit keine Freunde.

Die Bildwelten von „Huss“ fangen den Göteborger Polizeialltag mit hartem kargen Licht und körnigen Bildern ein, um so beinahe dokumentarisch realistisch zu wirken. Das ist an sich stimmig, zieht sich aber nicht auf der Ebene der Charakterentwicklung durch. Denn ehrlich gesagt, bestätigt Kati Huss alle Vorurteile, die die Streifenbullen gegenüber der Huss-Tochter haben: eigenbrötlerisch, ehrgeizig, unbelehrbar, mit derart ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, das es fast selbstgerecht wirkt. Mir persönlich war diese Charakterisierung und das Etablieren der Figuren etwas zu plakativ und zu offensiv. Aber es ist wirkungsvoll und die Story kommt schnell auf den Punkt. Die Ermittlungen ziehen dann noch ihre Bahnen. (6/10)

Solidarität und Korpsgeist

Kati Huss hat es dann doch nicht geschafft, bei den Kriminalermittlern aufgenommen zu werden. In „Vergeltung“ fühlt sich Kati persönlich betroffen, als sie das Opfer häuslicher Gewalt bei sich aufnimmt, damit es gegen den Ehemann aussagt. Doch dann kommt der Schläger frei, holt seine folgsame Frau aus Katis Wohnung und lässt Kati zurück, die die Welt nicht mehr versteht. Doch dann wird der Schlager tot aufgefunden, nachdem sich die Streife den Kerl nochmal vorgenommen hat.

Auch „Vergeltung“ ist etwas zu plakativ geraten, was wohl der möglichst klaren (und bisweilen überzeichneten) Charakterisierung der Hauptfigur geschuldet ist. Das ist durchaus unterhaltsam, bedient dann aber doch noch diverse Klischees. Ist es wirklich eine gute Idee, sich mit dem Kriminalermittlereinzulassen, der einen protegiert. Wer hier eine Suche nach dem Vaterersatz wittert, geht womöglich zu weit. „Vergeltung“ ist solide Kriminal-Arbeit. (6/10)

Mitgefangen…

Wie aus dem Nichts geraten Kati Huss und ihr Kollege Robert in tödliche Gefahr. Erst ist es in „Geiselnahme“ nur eine Routineüberprüfung auf der Suche nach entflohenen gewalttätigen Räubern, dann werden Robert und Kati selbst zu Geiseln eines häuslichen Überfalls. Die Täter scheinen zum Äußersten entschlossen und bei der gefangenen Familie offenbaren sich Erschütterungen und Panik. Die Polizei kommt zum Verhandeln, auch Iren Huss ist vor Ort, doch die Situation scheint sich nicht deeskalieren zu lassen. Vor allen die enge des Schauplatzes und des knappen zeitlichen Rahmens macht „Geiselnahme“ ziemlich spannend. (6/10)

Raver‘ night out

In „Neue Freunde“ ist Kati Huss von überstandenen Traumata nichts anzumerken. Die Streifenpolizei von den Kriminalern zur Überwachung eines erwarteten Drogendeals angefordert. Doch bei dem Rave fliegen die verdeckten Ermittler auf, bevor es zu einer Verhaftung kommt. Bei der Besprechung am kommenden Tag, kritisiert Kati die offensichtlich erkennbaren Kollegen und bietet sich selbst für den Undercover-Einsatz in der Raver-Szene an, sie wäre schließlich im selben Alter. Doch der erste Kontakt zu einer möglichen Zielperson geht gründlich schief. Kati gibt nicht auf, muss sich aber gleichzeitig gegen das wachsende Misstrauen ihrer Streifenkollegen wehren.

Sicher, man muss dem Publikum etwas bieten, aber die Art und Weise wie die Anwärterin die Chefetage davon überzeugt, undercover ermitteln zu können, ist schon etwas blauäugig, oder aber von Seiten der Chefetage sehr erfolgsirre. Für eine Serie, die auch mit realistischen Anspruch an Setting, Szene und Polizeiarbeit punkten will, scheint mir das nicht gerade glaubwürdig und da alle schon wissen, dass dem Strippenzieher die Polizistin schon bei der Razzia aufgefallen ist, ist der Showdown absehbar. „Neue Freunde“ ist der schwächste Fall der ersten Staffel. (5/10)

Gipfel-Krawalle

Apropos Showdown, in „Der vierte Mann“ kommt endlich auch die Rahmenhandlung, die über die gesamte Staffel aufgebaut wurde, zu ihrer Auflösung. Es gab bei den Krawallen einen Streifenkollegen, der aussagte, er sei im fraglichen Moment nicht vor Ort gewesen. Anschließend hat der Polizist irgendwann den Dienst quittiert. Nun aber taucht jener vierte Mann bei der Beerdigung des Koma-Patienten auf und sorgt bei Johan und Robert für erhebliche Aufregung.

Kati Huss, der die Unausgeglichenheit in der Truppe schon lange unerträglich ist, wird Zeugin, als Robert nachts von einem Auto überfahren wird. Nun versucht die junge Polizistin allein hinter die Wahrheit zu kommen, die ihre Kollegen scheinbar so mörderisch belastet. „Der vierte Mann“ rundet die letzten Ausbildungsmonate der engagierten Polizeiaspirantin Kati Huss souverän ab, löst die Rahmenhandlung auf und begrüßt Kati mit einem Jobangebot als Ermittlerin bei der Kriminalabteilung der Polizei von Göteburg. So wie einst ihre Mutter, Irene Huss.

Mutter und Tochter

Soviel also zur ersten Staffel von „Huss – Verbrechen am Fjord“. Ursprünglich wollten die Produzenten die ersten Dienstjahre von Irene Huss in der Serie verwerten. Doch dann entschied man sich anders als bei „Der junge Wallander“ oder „Der junge Inspektor Morse“ für einen Generationswechsel. Der ist durchaus sinnvoll und eröffnet mehr Möglichkeiten, weil zeitlich aktueller agiert werden kann und die Figur nicht auf eine bereits bekannte, weil schon geschriebene beziehungsweisegefilmte Zukunft zusteuern muss.

Die Besetzung in „Huss –Verbrechen am Fjord“ hat keinerlei Überschneidung mit der vorangegangenen Serie. Die Schauspieler:innen agieren jedoch sehenswert und selbst wenn die eine oder andere Figur etwas plakativ oder offensichtlich gezeichnet ist, überzeugt die schauspielerische Leistung immer. Insgesamt ist „Huss“ eine gelungene Fortführung beliebter schwedischer Krimi-Motive und Figuren, die durchaus eine eigene Note hat.

Huss –Verbrechen am Fjord“ zeichnet in der ersten Staffel das Bild eine ambitionierten und leidenschaftlichen jungen Polizistin, deren Berufseinstieg von familiären Banden und dem Argwohn der eingeschworenen Kollegen erschwert wird. Kati Huss schießt regelmäßig über das Ziel hinaus, kann aber meistens Ergebnisse liefern und kommt damit durch. Krimifans bekommen eine toughe Figur in einem hyperrealistischen Polizeialltag geboten das Genre nicht neu erfindet, aber ordentlich Spannung erzeugt.

Serien-Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Huss – Verbrechen am Fjord – Staffel 1
OT: Huss
Genre: TV-Serie, Krimi,
Länge: ca. 442 Minuten (5 x 90 Min bzw, 10 x 45min), S/D, 2020
Idee: Jörgen Bergmark et al, nach Figuren von Helene Tursten
Regie: Annika Appelin, Jörgen Bergmark,
Darsteller:innen: Karin Franz Körlof, Kaisa Ernst, Kardo Razzazi, Anders Berg,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Edel Motion, ZDF Enterprises
DVD-VÖ: 04.06.2021

Huss beim ZDF

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: