Bodyguard – Staffel 1: Gefährdungslage unklar

Die britische Thriller-Serie „Bodyguard“ kommt mit vielen Vorschusslorbeeren daher. Die jüngst als ZDF Sonntagskrimi ausgestrahlte Mini-Serie um einen Personenschützer gewann etliche Preise, darunter einen Golden Globe für Hauptdarsteller Richard Madden, der sein „Game of Thrones“ Image als Robb Stark nun endgültig hinter sich gelassen hat. „Bodyguard“ fesselt mit großer Spannung und atemlosem Wendungsreichtum. Die von ITV für die BBC produzierte Serie erscheint nun als DVD und Blu-ray für das klassische Home-Entertainment bei Pandastorm Pictures.

So schnell wird ein Mann zum Helden: als David Budd (Richard Madden) seine Tochter wieder zurück zu seiner getrennt lebenden Frau bringt, vereitelt er ein islamistisches Selbstmordattentat. Budd meistert die Situation erstaunlich souverän und wird kurz darauf befördert. Der Kriegsveteran arbeitet als Personenschützer bei einer Polizeieinheit und wird nun der Bewachung einer Ministerin zugeteilt.

Anders als bei dem zufällig vereitelten Zug-Attentat ist die Gefährdungslage der Ministerin unklar. Sicher, islamistischer Terror ist in Großbritannien immer ein Thema, aber die ehrgeizige Politikerin macht sich mit ihrer Innenpolitischen Haltung, dem Geheimdienst mehr Polizeibefugnisse zu übergeben ebenso Feinde wie mit ihrer kaum verhohlenen Machtgier und ihrem Angriff auf den Parteivorsitz und damit den Posten der Premierministerin.

Ausgerechnet die kühle, kalkulierende Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) soll Budd nun beschützen. Das ist zwar ein Aufstieg, aber die Ministerin hat es nicht so mit Davids bevormundenden Sicherheitsprüfungen. Und dann wäre da noch ihre Einstellung zu den Kampfeinsätzen britischer Soldaten, die viele von Budds Kameraden in den Tod und die Kriegsneurose geschickt haben. Ein ehemaliger Kamerad, der jetzt eine pazifistische Aktivistengruppe leitet, hält nicht viel von den Schreibtischtätern da oben und wüsste schon, was er machten würde, wäre mit ihnen ihn einem Raum.

Als wäre seine Schutzbefohlene nicht schon anstrengend genug, gerät David Butt auch noch in verschwörerische Machenschaften. Seine Vorgesetze und die Polizeipräsidentin beauftragen ihn, bei der Ministerin zu spionieren, ob es Absprachen mit dem Inlandsgeheimdienst gibt. David Butts Loyalität steht in mehrfacher Hinsicht auf dem Prüfstand, als es zu einem folgenschweren Anschlag kommt…

Als Zuschauer:in kommt man wohl ebensowenig aus dem Klischee heraus wie als Serienmacher. Wie einst zwischen Kevin Costner und Whitney Houston, knistert es nach anfänglicher Abneigung auch zwischen Julia Monatgue und David Budd ganz gehörig. Doch weiter geht es in der Serienformat „Bodyguard“ mit romantischer Verwicklung. Stattdessen setzt Serien-Macher Jed Mercurio oder Show-Runner wie die Amerikaner die Verantwortlichen bei Serien nennen, auf hohes Erzähltempo und fügt nach und nach weitere Aspekte und Ebenen in das Thriller-Drama ein.

Zuschauer:innen können die Entwicklungen hautnah miterleben. Zunächst ist David Budd der ganz normale Held, der dann doch eine professionelle Vorbildung aus dem Ärmel schüttelt. Die wiederum ist für das zerrüttete Privatleben des tragischen Veteranen verantwortlich. Und aus Davids Heldentat wird schnell ein zwielichtiges Verdachtsmoment, sobald klar wird, dass ausgerechnet seine Ministerin für die Kriegseinsätze verantwortlich war. Schon ist das Personenschützer-Milieu in der Nähe des Serienhits „Homeland“ gelandet, in dem ein befreiter Kriegsgefangener mit dem Verdacht leben muss, zum Terroristen umgedreht worden zu sein. Was wenn auch David Butt eigene Plane verfolgt?

Das Personenkarussell in „Bodyguard“ dreht sich unaufhörlich und kann anfangs überfordern. Gerade in dem Politzirkus und in der Polizei tauchen haufenweise Figuren auf, die nicht unmittelbar zur Haupthandlung beitragen, irgendwann aber doch ihren Auftritt haben. Das alles wirkt beileibe nicht konstruiert, sondern bei allem Wendungsreichtum ebenso undurchschaubar wie auch realistisch. Hat aber wesentlich mehr Spannung zu bieten als die dänische Bodyguard-Serie „Protectors“. Vielleicht geht es gegen Ende dann doch etwas zu pathetisch zu, aber auf irgendeine Weise muss sich die Spannung schließlich entladen.

Autor Jed Mercurio gehört nicht umsonst zu den aktuell besten seines Faches und heimste für seine Serien („Line of Duty“, „Bodies“, „Cardiac Arrest“) etliche Preise und Nominierungen ein. Der Autor weiß, wie weit ein Motiv trägt und wann die Handlung unvorhergesehene Wendungen benötigt, um die Spannung hochzuhalten und das Tempo flott. Dabei sind die Hauptcharaktere filigran ausgearbeitet und die weiteren Figuren soweit es eben nötig ist.

Die Namen sind dabei wie so häufig bereits beschreibender Teil des Charakters: Julia Montague ist auch eine Anspielung auf Shakespeares „Romeo und Julia“, und die tragische Romanze zwischen Julia Capulet und Romeo Montague, weißt auf das zwiespältige Spiel mit der Macht hin. Bei David Budd schwingen zugleich der amerikanische Freund „Buddy“ wie auch die Zigarettenkipppe „butt“; der Fußabtreter, vielleicht der Sündenbock. Nachdem Richard Madden („Game Of Thrones“, „Bastille Day“) seine Rolle zunächst sehr reserviert, geradezu unterkühlt ausführt, gelingt ihm im Verlauf, gerade im Zusammenspiel mit Keeley Hawes („Line of Duty“) eine packende, mehrfach ausgezeichnete Charakterstudie.

Vor allen die in westlichen Ländern immer latent lauernde Terrorgefahr ist eine starke Triebfeder für das Suspense-Moment der Serie im Hitchcock’schen Sinne. Aber es geht auch um aktuelle Innenpolitik. Denn der Kompetenzstreit zwischen Polizei und Inlandsgeheimdienst hat einen realen Hintergrund. Nicht umsonst gibt es ständig TV-Nachrichten über RIPA 18. RIPA meint „Regulation of Investigatory Powers Act“ (deutsch etwa: „Verordnung über das Gesetz über Untersuchungsbefugnisse“), der in Großbritannien im Jahr 2000 verabschiedet wurde und die Überwachung von Telekommunikation zum Inhalt hat. In der Serie wird die Debatte wieder aufgenommen, daher RIPA 18. Die Diskussion findet auch hierzulande immer wieder statt: in wie weit darf der Staat seine Bürger bei Terrorverdacht abhören.

Aus diesem Streit um Untersuchungsbefugnisse entsteht in „Bodyguard“ eine parallel-Handlung, die immer weiter mit der Arbeit des Personenschützers einhergeht. Bis die Ereignisse sich überschlagen und jeder nur um das nackte Überleben zu kämpfen scheint. Doch der Schein trügt auch hier.

Lange hat es kein Thriller-Drama mehr geschafft über die Gesamtlänge so spannend und intelligent zu unterhalten. Die stark aufspielenden Darsteller, allen voran Richard Madden füllen das Format auch mit psychologischer Tiefe. Vor allem die enge Perspektive der Hauptperson, die konsequent durchgehalten wird, sorgt für einige Überraschungen. Fast alle Wendungen wissen auch inhaltlich und dramaturgisch zu überzeugen. Ein explosiver Serienmix.

Serien-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Bodyguard – Staffel 1
OT: Bodyguard Season 1
Genre: TV-Serie, Thriller, Drama
Länge: 360 Minuten (6x 60Min.), GB, 2018
Idee: Jed Mercurio
Regie: John Strickland, Thomas Vincent
Darsteller:innen: Keeley Hawes, Richard Madden,
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Pandastorm
DVD- & BD-VÖ: 19.02.2021

Bodyguard beim ZDF

Bodyguard bei Pandastorm

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