Thelma: Junge Frau aus dem Wald

Mit dem Mystery-Drama „Thelma“ ging der norwegische Filmmacher Joachim Trier 2018 neue Wege. Statt doku-realistischer Dramen erzählt „Thelma“ von der mysteriösen Selbstfindung einer jungen Frau. Mit nordischer Düsternis und eine gehörigen Portion psychologischer Spannung ist „Thelma“ ein formal und inhaltlich funkelnder düsterer Diamant. Der gehörte eigentlich schon zum Kinostart auf diesen Seiten besprochen…nun also die spätere Würdigung.

Eine junge Frau kommt aus ihrer hinterwäldlerischen Kleinfamilie im kaum besiedelten Norden Norwegens in die große Stadt und kriegt erst einmal Identitätsprobleme. Die junge Thelma beginnt zu studieren und merkt augenblicklich, dass sie eine Außenseiterin ist. Ihre Mitstudenten ziehen Thelma wegen ihres Abstinenz und ihrer strengen und religiösen Erziehung auf.

Die große nachthelle Stadt bietet viel zu viele Ablenkungen für eine junge Frau vom Land. Nur Anja (Kaya Wilkins) ist freundlich zu Thelma, die sich sogleich in die neue Freundin verliebt. Die emotionale und hormonelle Verwirrung für zu neuer Verstörung und löst bei Thelma nicht nur Kopfschmerzen aus, sondern auch epilepsieartige Anfälle.

Ihren weit entfernten Eltern lügt Thelma einen heilen Studentenalltag vor, froh der sozialen Kontrolle entkommen zu sein. Aber nach einer Untersuchung im Krankenhaus werden auch der Hausarzt und die Eltern über die außergewöhnlichen Befunde informiert und Thelmas besorgter Vater kommt zu Besuch in die Stadt.

Bereits der Filmauftakt setzt die Stimmung und sorgt für Beklemmung: In der Dämmerung der norwegischen Wälder ist ein bärtiger Mann mit einem Kind und einem Gewehr unterwegs. Was wie eine pädagogisch übertriebene frühe Jagdlektion wirkt, stellt sich als unmögliche Aufgabe für den Mann heraus, der das Mädchen töten wollte. Bestimmt hätte Joachim Triers betörendes Mystery-Drama auch ohne diese Szene seine Wirkmächtigkeit entfaltet, aber der Prolog sorgt für eine naturalistische Sichtweise, die alles Folgende in Beziehung zur Erde setzt.

Als die junge Thelma (Elie Harboe) als junge Erwachsene dann zum Studium in die norwegische Hauptstadt Oslo aufbricht, hat sie jenen Jagdausflug mit Vater Trond (Henrik Rafaelsen) längst vergessen. Während sich Trond nun ausschließlich um seine im Rollstuhl sitzende Frau Unni (Ellen Dorit Petersen) kümmert, bricht für Thelma eine neue Lebensphase mit neuen Herausforderungen und zunehmende Schwierigkeiten an, sich in das Sozialgefüge an der Uni einzufinden.

Im Grunde ist die Geschichte, die „Thelma“ erzählt, eine Geschichte über das Erwachsenwerden, eine Coming of Age Story, wie das viele klassische Horror-Filme tun. Das Erwachen weiblichen Sexualität wurde schon immer tabuisiert und dämonisiert, wie das Entfesseln einer übernatürlichen, unkontrollierbaren Macht entfesselt. Darin unterscheidet sich „Thelma“ nicht von Stephen Kings „Carrrie“, der ja bereits zwei Mal verfilmt wurde.

Filmmacher Joachim Trier leugnet derartige Einflüsse keineswegs, sondern wollte mit seinem langjährigen Co-Autor Eskil Vogt explizit eine nordische Hexengeschichte erzählen und darin 80er Horrorfilme und Giallo-Elemente auf moderne Weise interpretieren.

Das Konzept geht vollends auf; auch weil Kameramann Jakob Ihre („Eine Familie“) für tolle, sehr atmosphärische Bilder sorgt. Der Look von „Thelma“ in seinen urbanen Momenten, erinnert an Tom Tykwers „The International“ in der Art und Weise wie die moderne Architektur zum Stilelement der Erzählung wird. Eine deutlich engere Verbundenheit hat „Thelma“ allerdings mit dem dänischen Mystery-Thriller „When Animals Dream“ (2014), in dem Jonas Alexander Arby eine moderne dänische Werwolf-Geschichte erzählte.

Nicht nur die an den Rollstuhl gefesselten Mutterfiguren und die verwirrten jungen Frauengestalten ähneln sich, sondern vor allem die Art, wie mit Spannung erzeugt wird, indem die innere Anspannung der Protagonistin nach außen gekehrt wird. Auch ist beiden Filmen eine starke emanzipatorische Komponente eigen und eine gesellschaftskritische Grundhaltung, die nicht Sexualität und ihre Ausprägungen verteufelt, sondern eine gesellschaftliche Haltung, die mit Repression und Ausgrenzung reagiert.

„Thelma“ rückt dieses Thema dann auch in den Kontext medizinischer Untersuchungen, schafft so eine weitere Betrachtungs-Ebene, eine, die auch die rustikale historische Behandlung weiblicher Hysterie thematisiert. Auch dahin ließe sich der Film trefflich als symbolische Gesellschaftskritik interpretieren. Aber Thelmas Geschichte ist von Joachim Trier und Eskil Vogt stark genug konstruiert, um auf vielschichtige Weise gesehen zu werden. Darin liegt eine große Qualität diese spannenden norwegischen Thriller-Dramas, einige unerwartete Wendungen inklusive.

Das Ausmaß an emotionaler Verwirrung, das die junge „Thelma“ in dem gleichnamigen mysteriösen Thriller-Drama von Joachim Trier zu erleiden hat, lebt von der furiosen Darstellung der jungen Hauptdarstellerin Eili Harboe und der modernen Inszenierung, die Anlehnungen aus dem Horror-Genre verwendet, um eine verstörende Tiefe zu erreichen. Auch die gestylte Ästhetik des zeigt, dass der ehemalige Dokumentarfilmer Joachim Trier sein Handwerk versteht. Ein packendes Filmerlebnis.

Film-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Thelma
OT: Thelma
Genre: Drama, Fantasy, Horror
Länge: 113 Minuten, N, 2017
Regie: Joachim Trier
Darstellerinnen: Eili Harboe, Henrik Rafaelsen, Kaya Wilkins
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Koch Media
Kinostart: 22.03.2018
DVD- & BD-VÖ: 23.08.2018

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