Suicide Tourist – Polarlicht zum Abschied

Der Kinobetrieb in Deutschland läuft langsam und mit Auflagen wieder an; und doch ist vieles anders als vor der Corona-Pandemie. Ob die Kinos eures Vertrauens tatsächlich wieder bespielt werden, und ob die Filme auch bundesweit zum offiziellen Veröffentlichungstermin starten, lässt sich momentan nicht gewiss sagen. Der dänische Mystery-Thriller „Suicide Tourist“ thematisiert das umstrittene Thema Sterbehilfe und hat mit Hauptdarsteller Nikolaj Coster-Waldau einen internationalen Star zu bieten. Und dennoch lässt sich der atmosphärische Film ziemlich viel Zeit beim Erzählen.

Nikolaj Coster-Waldau („Game of Thrones“, “Nightwatch”) ist ein attraktiver Mann. Warum er für die Hauptrolle in “Suicide Tourist“ eine Rotzbremse alter Schule, einen nicht vorhandenen Haarschnitt und eine viel zu groß geratene Brille braucht, nur weil er einen Versicherungs-Sachbearbeiter spielen soll, lässt sich nur erahnen. Anders als beispielsweise in „Shot Caller“ (2017) wo Coster-Waldau einen smarten Buchhalter spielt, der mit Schwerverbrechern im Knast landet und sich zum Selbstschutz Mukkies, eine schmierige Biker-Frisur und einen Redneck-Schnauzer zulegt, ist nicht nachvollziehbar, warum Max Isaksen (Coster-Waldau) daherkommt wie das jahrzehnte alte Klischee eines verklemmten Büro-Sachbearbeiters.

Der Mann hat eine attraktive Gattin (Tuva Nowotny) und lebt in einer Gesellschaft, die in Business-Zusammenhängen mit Dresscodes sehr locker umgeht. Diese Brille hätte keine Ehefrau durchgewinkt. Es wirkt fast so, als müsse der Protagonist grau bleiben, damit das Drama auch zu spüren ist. Als ob schöne Menschen mit einer tödlichen Krankheit keine Ängste auszustehen hätten.

Wie auch immer, Max Isaksen bekommt, die Diagnose Hirntumor und bei einem Versicherungsfall, in dem seine Firma keine Lebensversicherung auszahlen will, muss die Witwe einen Beweis für den Tod ihres verschwundenen Ehemanns erbringen. Monate später taucht ein Abschiedsvideo auf, das Max auf die Idee bringt, ebenfalls freiwillig aus dem Leben zu scheiden -mit Hilfe der Aurora-Gesellschaft.

Ohne sich zu verabschieden, wird der Totkranke von Dänemark, wo diese Form aktiver Sterbehilfe nicht legal ist, an einen unbekannten Ort nördlich des Polarkreises gebracht. Hier soll sein Wunsch nach selbstbestimmtem und schmerzfreien Ableben erfüllt werden. Doch dann bekommt Max Zweifel.

Mit „When Animals Dream“ legte das dänische Drehbuch- und Regie-Duo Rasmus Birch und Jonas Alexander Arnby 2014 ein beachtliches Langfilmdebut ab, das den klassischen Gruselfilm wieder mit einer sozialkritischen Komponente verband. Nun ist die Atmosphäre beim Nachfolger „Suicide Tourist“ über weite Strecken ebenfalls sehr stimmig. Allerdings bleibt bei elegischem Erzähltempo lange offen, wohin sich der Film entwickelt.

Was auch ein narratives Spannungsmoment hätte sein können, entpuppt sich aber als erhebliches Manko, da viel zu spät offenbar wird, dass es „Suicide Tourist“ nicht auf ein Drama abgesehen hat, sondern einen Thriller mit spökeliger Komponente sein will. Bis dahin ist allerdings o viel Potential verpufft, dass es auch keinen Unterschied mehr macht.

So setzt sich „Suicide Tourist“ zwischen alle Stühle, kann mit dem Tod auch nichts anfangen, in dem Sinne, dass Maxens missglückter Selbstmord-Versuche (unfreiwillig) komisch sind und die gesamte Stimmung zerstören. Ebenso sind auch die Szenen, in denen Max seine „Mitpatienten“ trifft, unausgegoren, weil die Figuren nicht überzeugend charakterisiert sind. Letztlich bleiben da nur die Schauwerte einer großartigen Landschaft und eine imposanten, sachlichen, skandinavischen Architektur, wie sie etwa auch in der Serie „Arctic Circle“ zu sehen war, um über die Längen in „suicide tourist“ hinwegzuhelfen.

Der filmaffine Zuschauer mag bei dem skandinavischen Beitrag zum Thema aktive Sterbehilfe gelegentlich an das sehenswerte deutsche Drama „Hin und weg“ (2014) denken, oder an Gus van Sants missglücktes Drama „Sea of Trees“ (2015), in dem Mathew McConaughey als Selbstmordtourist zusehen war. Vielleicht kommt einem auch der Gruselfilm „The Forrest“ (2016) in den Sinn, der ebenfalls nur bedingt zu überzeugen wusste. Am ehesten kam mir aber Lisa Langseths verunglücktes Drama „Euphoria“ (2017) mit Alica Vikander und Eva Green in den Sinn. All diesen Filmen gemeinsam ist, dass sich das vermeintliche dramaturgische Potential der Ausgangssituation als zweischneidig und sehr speziell herausstellt.

Trotz guter Darsteller und einer streckenweise gelungenen elegischen Stimmung, weiß das Mystery-Drama „Suicide Tourist“ nicht zu packen. Zudem eiert der Film länge unentschlossen zwischen Ernsthaftigkeit und Mysterium hin und her.

Film-Wertung: 4 out of 10 stars (4 / 10)

Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen
OT: Selvmordturisten
Länge: 90 Minuten, DK/D/N, 2019
Regie: Jonas Alexander Arnby
Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Sonja Richter, Tuva Nowotny,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: DCM
Kinostart: 02.07.2020

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