Warten auf’n Bus – Staffel 1: Endhalte Brandenburg

Da sitzen zwei Typen in der Gegend rum und reden sprichwörtlich über Gott und die Welt. Anfangs braucht man für das unaufgeregte Talk Show Format noch Untertitel, so heftig wird berlinert. Aber Spaß beiseite, wa? „Warten auf‘n Bus“ ist das interessanteste deutsche Serienformat (zumindest) des Jahres. Zunächst versteckte sich die Serien-Perle im Spätprogramm des rbb, nun ist die erste Staffel auf DVD und Blu-ray auch für das Home-Entertainment erschienen.

Ich tu mich schwer damit, „Warten auf’n Bus“ als Comedy-Format anzusehen. Hier kommt tragische Tiefe zum Zug, die oft genug in einer Art Galgenhumor mündet, bei der den Zuschauern das Lachen im Halse stecken bleibt. „Doktor Psycho“ mit Christian Ulmen und „Dittsche“ mit Olli Dittrich war diesbezüglich ähnlich, „Frau Jordan“ stellt bissig gleich und auch beim „Tatortreiniger“ ist oftmals nicht alles zum Losprusten, sondern da wird mal um die Ecke gedacht. Ach, mensch ist ja froh, wenn im Fernsehen überhaupt mal gedacht wird, aber das führt nun auch wieder zu weit.

Johannes „Hannes“ Ackermann (Ronald Zehrfeld) und Ralf „Ralle“ Paschke (Felix Kramer) kennen sich schon aus Kindheitstagen in der DDR und jetzt, mit Ende Vierzig hängen die beiden wieder auf’m Dorf in Brandenburg rum. Für den Frühinvaliden und den Langzeitarbeitslosen gibt es hier nicht so richtig viel zu tun, also treffen sich die Freunde an der Bushaltestelle, reden über das Leben und warten darauf, dass der Bus kommt. Nicht dass Ralle und Hannes irgendwo hin wollten, aber beide finden die Busfahrerin Kathrin (Jördis Triebel) eigentlich ganz sympathisch. Und die hat die Angewohnheit an dieser Endhaltestelle ihre Zigarettenpause zu machen.

Soweit der äußere Ablauf der Episoden, die sich über eine Laufzeit von rund 30 Minuten strecken und kaum mal richtig Action bieten. Außer vielleicht bei „Maiks Kampf“, (Maik ist Ralles Hund) wo die Neonazis aufkreuzen und nicht nur das Wartehäuschen beschmutzen. Andere Charaktere tauchen gelegentlich schon auf, wie etwa Hannes Nichte aus Berlin oder Ralles Mama oder der Dorfpolizist, den die beiden noch aus Schulhofzeiten kennen.

Was „Warten auf’n Bus“ so großartig, faszinierend und außergewöhnlich macht, sind die bockstarken Dialoge mitten aus dem Leben, die Drehbuchautor Oliver Bukowski den beiden sympathischen Losern auf den Leib gezimmert hat. Wie sollte es anders sein, geht es in einer brandenburgischen Bushaltestelle selbstverständlich auch und vor allem um die Wiedervereinigung, die blühenden Landschaften, Wende-Verlierer Fremdenfeindlichkeit, Erwerbsbiografien, Dörfer die zu Altenheimen werden und die Griffigkeit des sozialen Netzes.

Das alles wird in schmissigem Berliner Dialekt rausgekloppt und weggenuschelt, dass es eine wahre Freude ist; selbst wenn man in der ersten Episode tatsächlich überlegt die Untertitel für Gehörlose zuzuschalten. Aber das Problem haben Zuschauer auch, wenn sie versuchen „The Wire“ im Original zu glotzen. Und während Hannes ein wandelndes Zitatebuch ist, hat es Ralle eher so mit Fakten. „Zusammen sind wa dann eben Dichtung und Wahrheit“ fast eigentlich trefflich zusammen, worum es bei „warten auf’n Bus“ geht: sich selbst (und den Zuschauern) die Welt erklären, im Großen wie im Kleinen, mit schonungsloser Analyse oder mit Pippi Langstrumpf artiger „widewidewiesiemirgefällt“-Fantasie.

Ehrlicherweise reicht es tatsächlich aus, die beiden gestandenen Charakterdarsteller Zehrfeld („Barbara“, „Dengler“) und Kramer („Dark“, „Freies Land“) einfach auf ‚ne Bank zu setzen und von der Leine zu lassen. Beide haben (wie auch der Rest des Casts) einen soliden ostdeutschen Background und kommen so authentisch daher, das man schon mal Darsteller und Rolle verwechseln könnte, oder um es klassischer zu formulieren: beide klommen dem legendären Schauspiel-Mantra von Hollywood-Legende Robert Mitchum beängstigend nahe „No acting required“ („kein Schauspielen notwendig“).

So ein wenig bleibt die Befürchtung, dass der durchschnittliche „Besserwessi“ an sich als Zuschauer mit den ostdeutschen Befindlichkeiten leider immer noch nichts anfangen kann. Es ist seit Jahren der Fall, dass Filme und vor allem Dokus zu eher ostdeutschen oder Wende-Themen im Westteil der Republik kaum oder nur in Ausnahmefällen in den Kinos zu sehen waren, schlicht, weil es dafür kein Publikum gab/gibt. Scheint fast so, als wäre da noch längst nicht zusammengewachsen, was zusammengehört. Was wiederum die Relevanz und Treffsicherheit des Serienformats „Warten auf’n Bus“ belegt.

Dabei ließe sich trefflich eine bildungsbürgerliche Verbindung zu Theodor Fontane ziehen, denn was seinerzeit die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862 bis 1889) an gesellschaftlicher und geografischer Vermessung waren, setzt „Warten auf’n Bus“ in psychologischer und mentaler Hinsicht mit modernen Erzählmethoden fort.

So geht Serie heute. Tolle Idee, klasse Konzept, tiefgründige Drehbücher und eine perfekte Besetzung stechen jederzeit teure Produktions-Schauwerte aus. Gucken, wundern, denken, nochmal gucken!

Serien-Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

Warten auf ‚n Bus – Staffel 1
Genre: TV-Serie, Komödie, Drama,
Länge: 240 Minuten (ca 8 x 30), D, 2020
Regie: Ralf Kummer
Drehbuch: Oliver Bukowski
Darsteller: Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Felix Kramer,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: rbb media, Senator, eye see movies,
DVD-VÖ: 04.06.2020

Copyright der Bilder: Senator Production, Frédéric Batier, Sara Herrland

Episodenguide:
1. Gefälle
2. Innere Unruhe
3. Irgendwo dazwischen
4. Einfache Fälle
5. Maiks Kampf
6. Zeitzeugen
7. Besuch
8. Philosophm

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