Was macht Filme sehenswert?

Hier eine weitere Filmglosse, die ich aus meinem Archiv gefischt habe. Darin geht es um die gewichtige Frage, ob es eigentlich so etwas wie objektive Kriterien für Filmqualität gibt und wie weit den Zuschauer dieses Wissen dann bringt. Genug der Vorrede. Hinein in eine Kolumne aus dem Frühjahr 2008: Vorgestern zappte ich nach dem DFB-Pokal-Halbfinale noch gähnend durchs TV-Programm und blieb bei “Al Pacino’s Looking for Richard” hängen.

Innerhalb von Sekunden war ich gefangen vom Bemühen des Stars sich Shakespeare’s Drama “Richard III.” zu nähern. Der Film ist eine Mischung aus Dokumentation und fertigen Filmszenen. Die Mixtur lebt dadurch, dass Pacino, der auch Regie führte, drei Ebenen der Filmerei gekonnt miteinander vermengt: Recherche und Vorbereitung, Proben und Dreharbeiten und die fertig gedrehten Filmsequenzen.

Das Ergebnis ist (für mich) ein extrem gelungener Film, der mir nicht nur Shakespeare näherbringt, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen bietet. Das eigentlich erstaunliche und faszinierende an dem Film ist aber etwas anderes: Der Blick von Al Pacino. Darin schwingt kindliche Begeisterung mit, Leidenschaft für den Gegenstand, Liebe zum Leben und ebensoviel Schalk wie Frustration. Der Blick alleine hätte gereicht mich 90 Minuten vor die Glotze zu bannen.

Woraus sich die Frage ergibt, was macht außergewöhnliche Filme so sehenswert? Auch nach längerem Nachdenken komme ich zu keiner zufriedenstellenden, allgemein gültigen Antwort. Um mal rumzufloskeln: Die Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Oder auch: Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall. Es gibt kein Rezept für großartige Filme, es ist keine Frage des Geldes oder der Besetzung.

“Fluchtpunkt San Francisco” (1971) lebt ebenso sehr von der radikalen Reduktion auf Autos und die Wüste, wie “Matrix”(1999, und nur der erste) von seinen Anspielungen lebt. “Der Unbeugsame”(1967) wird durch den wortkargen Paul Newman zum Erlebnis. „Flashback“ (1990) würde im ausklingenden 1980er Sumpf steckenbleiben, wenn Dennis Hopper nicht der beinahe kindliche Schelm wäre, den er spielt. Manchmal sind es eher wenig beachtete Aspekte, die einen Film sehenswert machen: perfekte musikalische Untermalung wie in “The Proposition”(2005), detailverliebte Ausstattung wie in “Garden State” (2004), oder einfach die wieder aufflackernde Begeisterung wie in “Ben Hur”(1959). Manchmal reicht eine Stimme, oder ein Blick.

Auch wenn Kritiker mir erzählen, dass ein Film wunderbar und gelungen ist, muss ich ihn noch nicht mögen. Selbst wenn ein Film anerkanntermaßen schlecht ist, kann ich ihn trotzdem gut finden. Doch das weiß ich erst, wenn ich ihn gesehen habe. Wie oft habe ich meine Frau mit Steven Segal Movies genervt, weil mich der altkluge Zopfträger immer wieder staunen lässt? Sein Kampfstil ist häufig so wahnwitzig, wie in “Submerged” (2005), wo es ihm trotz der Enge eines U-Boots gelingt, völlig ungerührt herumzusitzen und gleichzeitig einen bewaffneten Angreifer auszuschalten.

Wie vielen Leuten bin ich auf den Geist gegangen, weil ich sie gezwungen habe, mit mir die Teenie-Klamotte “Bill and Ted’s verrückte Reise durch die Zeit” (1989) zu glotzen? Nicht jeder teilt diesen Humor und kann sich bei dem Gedanken, dass diese beiden dusseligen Schüler die Zukunft durch die Gründung einer Band prägen sollen, selig grinsend im Sessel zurücklehnen. “Volle Kanne, Hoshi!”

Nichts und niemand ersetzt mir den persönlichen Zugang. Oder, um einen Spruch aus Studientagen zu zitieren: Der Geographie Anfang und Ende ist die Anschauung im Gelände. Daher, Filmfreunde und Cineasten, mein Tipp: Mehr Mut zum Experiment – mehr Mut zu schlechten Filmen, auch mal Streifen austesten, die man sich sonst nicht anschaut, nicht immer gleich wegzappen, wenn’s scheinbar langweilig, albern oder anstrengend wird. Und nicht immer alles glauben, was wir so berichten.

Viel Spaß im Kino. (Wenn es denn wieder aufmacht).

Bis dahin: #BleibtGesund aka #StayHome aka #WirBleibenzuhause

[ursprünglich veröffentlicht als Ansichten am Donnerstag, 20.03.2008]

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