Die dreibändige Graphic Novel „Eva Medusa“ erzählt von der jungen Maria, die Anfang des 20. Jahrhunderts zurückkehrt auf die Plantage ihres Vaters im Amazonasdschungel. Hier erfüllt sich ein Fluch, der Maria in eine Voodoo-Rachgöttin verwandelt. Das ist auch eine Story über dem Umbruch zwischen Tradition und moderne und erzählt von der kolonialen Vergangenheit Brasiliens. Szenarist Antonio Segura und Illustratorin Ana Miralles schufen Angang der 1990er Jahre einen Comic-Klassiker. Der Garant für gute Erwachsenencomics Schreiber & Leser hat nur in der Reihe „Alles Gute“ die Gesamtausgabe als Hardcover und überarbeiteter Übersetzung wiederveröffentlicht.
Im Jahr 1908 verfällt Isabel, die geliebte Frau des Plantagenbesitzers Don Fernando, einem Voodoo-Fluch. Sie wird besessen von einem uralten Geist der sowohl die Kraft von Eva, der ersten Frau, als auch von Medusa, der Schlangenhäuptigen, in sich vereint und damit macht über Männer erhält. Diese verfallen ihr. Eines nachts wird der Fluch durch Isabels Opfer gebrochen, die der Schlange ihr Leben hingibt.
Dreizehn Jahre später kehrt die junge Maria, Isabels Tochter, aus dem katholischen Internat zurück in die Amazonas-Gegend. Nicht nur ihr Vater erwartet die Ankunft, auch die alte Waldhexe, denn in Maria soll die alte Macht zu neuem Leben erwachen.
Das geschieht, als Maria den attraktiven Aufseher Don Gonzalo beim Liebesspiel mit einer Sklavin beobachtet. Die Eifersucht setzt die Macht frei und jene, auf denen Marias Leidenschaft ruht, leiden Schmerzen oder verfallen ihr hoffnungslos.
Der Fluch und die Lust
Später dann macht sich Maria mit dem Dampfer auf den Weg zurück in die Zivilisation und verdreht den Männern auf dem Schiff gehörig den Kopf, während der zurückgelassenen Don Gonzalo in Manaus versumpft.
Abschließend sucht Maria Heilung. Das Sanatorium schafft keine Abhilfe, Vielleicht aber der angesehen Doktor Jason de Germesan. Der ist seinerseits bereits mit dem Voodoo in Berührung gekommen, das in rio de Janeiro gerade für seltsame Vorkommnisse sorgt.
„Eva Medusa“ entstand ab 1991 als Kollaboration des spanischen Szenaristen Antonio Segura, der 2015 verstarb, und der damals wenig bekannten spanischen Zeichnerin Ana Miralles, die hatte gerade erst mit einem schwarz-Weiß-Band Eindruck machen können. Bis 1994 wurden drei Bände der Geschichte um „Eva Medusa“ veröffentlicht. Die Comics erschienen seinerzeit bei der Edition Glénat (und immer noch).
Die deutsche Veröffentlichungsgeschichte des erotischen und exotischen Comics ließ sich nur rudimentär recherchieren. Es scheint, als hätte Glénat seinerzeit auch einen deutschen Ableger gehabt. 1996 erschien dann im Splitter Verlag eine Gesamtausgabe, die aber ebenfalls längst vergriffen ist. Edition Glénat hat die „Eva Medusa“-Gesamtausgabe 2013 noch einmal veröffentlicht. Dies ist auch die Grundlage der vorliegenden Hardcover-Ausgabe mit bearbeiteter Übersetzung bei Schreiber & Leser. Die Titel der einzelnen Bände sind nun: 1. Ich bin Gift, 2. Du bist begehren, 3. Du bist Liebe. Zur Ausgabe sei noch erwähnt, dass es zwar ein neues Cover-Motiv gibt, aber kein weiteres Bild und Textmaterial als die Comics selbst.
Die Irrfahrt und die Rache
Und die haben es durchaus in sich, selbst wenn sie in gewisser Weise auch ein Produkt ihrer Zeit sind. Möglicherweise würde mensch heute anders erzählen, aber das bleibt akademisch. Im Grunde ist „Eva Medusa“ ein furioser Genre-Mix aus Abenteuer, Liebesdrama und Erotik, gespickt mit exotischem Lokalkolorit und übersinnlichen Elementen. Das alles verbindet sich ganz faszinierend und schillernd zu einem melodramatischen Amalgam.
„Eva Medusa“ ist in der europäischen Zeichentradition verwurzelt. Da ist Ligne Claire zu sehen zusammen mit klaren Schattenwürfen, aber auch das Abstrakte, Eckige, was seinerzeit die spanische Comic-Szene ausgemacht hat. Und wie so häufig bei mehrteiligen Geschichten, lässt sich die Entwicklung der Künstlerin anschaulich mitverfolgen. Immer wieder wechseln detaillierte Szenarios mit wirbelnden Geisterbeschwörungen. Ausdrucksstarke Porträts kontrastieren die farbintensiven Hintergründe.
Doch die Faszination der Trilogie mag vor allem in leidenschaftlichen und übersinnlichen Geschichte liegen. Vor allem ist da Marias beziehungsweise Eva Medusa erotische Bannkraft, die für das junge, gerade zur Frau werdende Mädchen Kraftquelle und Fluch zugleich ist. Die Story spielt in ihrer Dramatik ganz erheblich mit dem Hin und Her der Jungfrau in Noten und des liebestrunkenen Ritters.
Unterschwellig wird auch von dem Konflikt zwischen Tradition und Moderne in Brasilien erzählt. Von den Konflikten zwischen der herrschenden „weißen“ Schicht und den Menschen anderer Hautfarbe, die und deren Vorfahren einst als Sklaven ins Land kamen, und die auch ihre eigene Kultur und Religion mitbrachten. Dort ist von Voodoo aus Haiti zu lesen, der durch Drogen, die scheintot machen, den Zombie-Kult mitbegründet. Es wird auf Göttin Damballa-Wedo angerufen. Eine im afrikanischen Benin beheimatetet Loa, also Voodoo-Göttin.
Der Fluß und die Schlange
Dem stell die Geschichte im letzten Drittel auch europäische übersinnliche Traditionen gegenüber und macht Ausflüge in die medizinische Heilung von Psychosen. Das mag im Zusammenhang der Saga um Eva Medusa ein wenig konstruiert wirken, doch Antonio Segura führt die Geschichte wirkungsvoll und effektiv wieder zu ihren Urspüngen zurück. Dass ist schon famos und faszinierend erzählt. Zum Weiterschauen sei an dieser Stelle das mexikanische Melodram „Schließe mich in diene Arme“ empfohlen, dass Ende 2024 hierzulande noch einmal in die Kinos kam.
Illustratorin Ana Miralles, deren „Ava – die barfüßige Gräfin“ ebenfalls in Brasilien spielt und das auch bei Schreiber & Leser veröffentlicht wurde, ist nicht nur hierzulande vor allem für ihre Serie „Djinn“ mit Texter Jean Duffaut bekannt. Ihr Stil ist in „Eva Medusa“ jederzeit wiedererkennbar. Allerdings ist der dritte Teil derjenige, der stilistisch am homogensten wirkt. Das mag einerseits am Szenario liegen, das deutlich einheitlicher ist, aber auch an einem einheitlicheren Kolorierungsstil.
Das bedeutet nun keineswegs, dass die Bilder und Panels hier „besser“ sind, denn gerade im ersten Teil sind doch extrem ikonische und sehr ausdrucksstarke Panels dabei. Den direkten Vergleich bietet die Badesequenz im Amazonas, die am Ende wieder aufgenommen wird.
Die Gesamtausgabe der „Eva Medusa“ von Antonio Segura und Ana Miralles ist ein moderner Klassiker des Erwachsenen-Comics. Die stimmungsvolle Mischung aus Leidenschaft, Erotik und Exotik hat nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Möglicherweise finden heutige Leser:innen auch andere, moderne Lesarten der vielschichtigen Story.

Eva Medusa – Gesamtausgabe
OT: Eva Medusa – L’Integrale, Edition Glénat, 2013
Autor: Antonio Segura
Zeichnerin: Ana Miralles
Übersetzung: Etsche Hoffmann
Korrektorat: Pit Kannapin
ISBN: 978-3-96582-219-1
Verlag: Schreiber & Leser, Gebunden, 144 Seiten
VÖ: 05.12.2025


