Tommy and the Teleboys – Bits And Pieces, Poorly Explained: Album Review

Gestern ist mir bei Instagram ein Fall von Identitätsdiebstahl untergekommen: Da steht ein vollbärtiger Typ in einer Tiefgarage und behauptet, er wäre Tommy von Tommy and the Teleboys und kündigt das neue Album an. Getreu dem alten Garfield-Motto „Wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie“ spielen Tommy and the Teleboys auch auf dem heute bei Noisolution erscheinenden zweiten Album der Band mit Erwartungshaltungen und Schubladendenken. „Bits and Pieces, poorly explained“ schunkelt mächtig im alternativen, psychotischen Rocksound.

Neulich hatte ich im Auto Tommy And The Teleboys laufen, als ich mit einem Kumpel unterwegs war, weil wir auf deren Konzert wollten. Die Reaktionen waren: Ah, Krach, mag ich – oh, das ist mir zu seicht – und jetzt noch Popmusik? Nee, die wissen noch nicht, was sie wollen. Irrtum: Das Quartett „aus der mitteldeutschen Provinz“ weiß ganz genau, was es will und wohin die musikalische Reise geht. Nächste Ausfahrt Sossenheim – oder Crossover 4.0.

Auf diesen Seiten wurde das T&TB-Debüt: „Gods. Used. In Great Condition“ schon ziemlich hochgelobt und die musikalische Unberechenbarkeit als starkes Qualitätsmerkmal herausgestellt. Und auch auf dem Nachfolger „Bits and Pieces, poorly explained“ ist Abwechslung König und die Achterbahnfahrt durch Garage Rock, Psychedelic und Neo Kraut, durch New Wave und Doom Metal treibt erneut hinreißende Blüten. Auf dem zweiten Album gibt es in rund 45 Minuten 11 Songs zu erleben und zu erlauschen. Wer das Glück und die Möglichkeit hat, die Band derzeit auf Tour live zu erleben, sollte es genießen.

„Bad Vibration On Vacation“

Der eingangs erwähnte Identitätsklau ist übrigens ein genehmigter und der Tommy heißt eigentlich Sandro und bedient bei den Dortmunder Rockern und Labelgenossen „The Pighounds“ das Schlagwerk. Und gelegentlich sind beide Bands aktuell zusammen auf der Bühne zu erleben. Ich empfehle das sehr dringlich.

„Bob Ross“ war mal ein amerikanischer Maler, der TV-Kurse in naiver Malerei angeboten hat, und „Carl McPaultney“ ist eine Verballhornung des Beatles-Bassisten. Die Bachratten aus Kassel unterstützen T&TB in dem Song „Date“ und ansonsten hat man ziemlich viel selbst gemacht. Hier und in Räumen aufgenommen und in diversen Wohnungen gemischt. Das siebgedruckte Cover ist zwar sehr schön in seinen diversen Rot- und Blau- und Mischtönen, aber ebenso schwer fassbar wie der Sound von Tommy and the Teleboys. Da stellt sich schon die Frage, ob so Spartenlabel irgendwie sinnstiftend sind?

Das Betätigungsfeld von Tommy and the Teleboys reicht von derbem, wuchtigem Rock „Bob Ross“ hin zu Disco- oder gar Technobeats mit Stromgitarren „Thumbnail“. Von The-Cure-artigen Wave-Hits („Everyday“) zu alternativen Rockern „Deceiver“. Weiterhin horrorpunkigem Garage Rock („Carl McPaultney“), nebst düsterem Wave mit doomigem Einschlag („Atmen“), wildem Prog nach America-artigem Auftakt („Ok Hole“) zu crunchy Powerpop („Date“). Unvermittelt kommt eine gehauchte Pophymne daher („Trypophobia“), sowie postrockiger Ambient („Standby“) und ein Rockhymnus mit spacigem Drive („Pretty nice to Meet you“).

„Acclimation, Wrong Translation, Baby“

Bisweilen höre ich da Sachen raus, die ich so nicht erwartet hatte, etwa, dass mich der heisere Gesang bei „Trypophobia“ an Leatherfaces Frankie Stubbs erinnert. Es hat übrigens durchaus Methode, dass Tommy & the Teleboys den poppigsten Song die schrägsten Lyrics geben. Trypophobie ist die Angst oder der Abscheu vor Mustern aus Löchern oder Blasen. Und so denn auch ein Wink an die Musikkritiker, die ihre Alben und Künstler überinterpretieren. Wer hätte gedacht, dass ich beim Gesang in „Atmen“ sowohl an die Scherben als auch an die Straßenjungs denken muss. Darüber freue ich mich einfach und wühle gleich im Plattenschrank.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass die vier jungen Musikanten in der Musikgeschichte stöbern, bis sie irgendwas finden, was abseitig genug ist, um daraus eigene Songs zu machen. Vielmehr haben die Jungs wohl einfach sehr breit gefächerten Geschmack und einfach Bock auf Musik, die Schub hat und abgeht. Statt lauter Cover-Versionen zu vertonen, lässt man besser Selbstgemachtes ertönen. So geht Underground Rock anno 2026, inmitten der Zwanzigerjahre, die keinesfalls so golden sind wie ein Jahrhundert zuvor. Und wenn jetzt noch eine große Krise kommt, haben wir zumindest gute Musik am Start.

Tommy and the Teleboys sind nach wie vor eine der aufregendsten Bands im deutschen Underground Rock. Das zweite Album „Bits and Pieces, poorly explained“ irrlichtert durch die aktuelle Musikszene wie eines von diesen T-Shirts, die designed sind, um von Überwachungskameras nicht ausgelesen zu werden. Ihr kommt da auch noch hin, Leute, ich glaub an euch. Und jetzt: Stetson Jackson.

8 von 10

Tommy and the Teleboys – Bits And Pieces, Poorly Explained
Genre: Alternative, Experimental, Psychedelic Rock
Interpret: Tommy and the Teleboys
Länge: 45 Minuten, 11 Songs, D, 2026
Label: Noisolution Records
Vertrieb: Edel
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 25.09.2026

Tommy and the Teleboys Bandseite
Bits and Pieces bei Noisolution
Teleboys bei Instagram
Tommy & T TB bei Bandcamp

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