Blood Brothers Mother: Wo ist zuhause, Mama?

Selten gibt es so aussagekräftige, schlagwortartige Titel wie bei Brian Azzarello. Was draufsteht, ist meistens auch drin. Im Fall des Neo- bzw. Noir- bzw. Anti-Western „Blood Brothers Mother“ eben das. Da suchen drei kindliche Brüder ihre Mutter und es geht verdammt blutig zur Sache. Und so souverän Brian Azzarello als Comic-Autor fürs Derbe ist, so kongenial geht auch Illustrator Eduardo Risso zur Sache. Nachzulesen in der großartigen und bildmächtigen Edition bei Schreiber & Leser.

Da kommt einer angeritten und fordert seine Frau zurück – und es ist ihm egal, dass er damit eine ganze Familie ins Unglück stürzt. So stehen die drei Ziehsöhne des Predigers Jim Blood plötzlich und unerwartet ohne Eltern da. Die Mutter verschleppt, der Prediger, der auch eine blutige Vergangenheit hatte, tot. Daniel, Simon und Jack – genannt „Rabbit“, haben in dem kleinen Kaff nichts mehr verloren, auch und vor allem, weil das Haus, in dem sie lebten, an den nächsten Gottesmann geht, der in der verfluchten Einöde aufkreuzt.

So machen sich die drei Blood-Brüder irgendwann in der undefinierten Mitte des 19. Jahrhunderts in einem nicht näher benannten Texas auf die Suche nach der Mutter. Anna ist mit den drei Cain-Brüdern nach Westen unterwegs. Carter Cain, der fünf Jahre in einem mexikanischen Gefängnis saß, ist wohl der leibliche Vater der Kids, was ihn leider herzlich wenig interessiert, seiner Anna hingegen ist er verfallen.

„Wo ist Zuhause, Mama? Auf der großen Straße.

Während die Cain-Brüder sich zum künftigen Broterwerb als Kopfgeldjäger versuchen wollen, müssen die Blood-Brüder ganz schnell erwachsen werden, um zu überleben. Auf dem Weg nach Westen gibt es etliche gefährliche Begegnungen. Und die Jungs sind noch nicht einmal alt genug, um ein Schießeisen zu halten. Doch von unerwarteter Seite gibt es Hilfe; ausgerechnet ein gesuchter Indianer namens Mad Owl nimmt sich der Kinder eine Zeit lang an.

Wo ist Zuhause, Papa? Vielleicht hier auf dieser Straße.

Wenn Azzarello und Risso Comics kreieren, geht es düster, gewalttätig und abseitig zu. Das war auch bei den Batman-Stories für „Kaputte Stadt“ und für „Strange Adventures – One Shot“ der Fall. Im hoch gelobten „100 Bullets“ („Brother Lono“) ohnehin und in „Moonshine“ ebenso. In „Blood Brothers Mother“ wird die Brutalität und Verrohung der Vorzivilisation im „Wilden Westen“ gebrochen durch die kindliche Perspektive der Erzählung. Das ist schon sehr faszinierend, schillernd und packend erzählt und bebildert.

In der Erzählperspektive bleibt Brian Azzarello wie im Titel vieldeutig, es ist anfangs nicht ganz klar, welcher der drei Brüder die Geschichte erzählt, und dann beginnt die Story auch noch mit der Geschichte des vermeintlichen Vaters. Und indem Carter Cain aus dem Knast kommt und sich mit seinen Brüdern Levi und Billy Roy wiedervereint, spiegelt dies auch jenes Schicksal und jene erzählte Reise, die die drei jungen Brüder Daniel, Simon und Jack unternehmen.

Doch diese Straße ist so lang, ist so endlos lang.

Brian Azzarello ist durchaus ein zugänglicher Geschichtenerzähler. Seine Stories sind, wie ein Kritikerkollege nicht ganz unrichtig bemerkte, oft nahe am überzogenen Ausloten des Genres. Und dennoch, oder gerade deshalb, gelingt es seinen Hauptfiguren immer wieder, die Leserschaft zu berühren. So ist auch „Blood Brothers Mother“ sehr packend zu lesen, wenn sich das Auge und der Geist mit der Gewalttätigkeit ausgesöhnt haben.

Ich kann das Ende nicht sehen und mir ist so bang.

Eduardo Risso nun wieder ist der andere Teil dieses hochgelobten und mit dem Eisner Award ausgezeichneten Comic-Duos und für die Illustrationen zuständig. Seine Bebilderung dieser in den USA als 4-teilige Serie veröffentlichten Western-Story ist ebenso ungewöhnlich wie farbwuchtig. Im Interview mit ComicsBeat erwähnt Azzarello, dass Risso einen neuen Stil ausprobieren wollte und ganz bewusst auf die Aquarelltechnik gesetzt hat. Zwar ist der Zeichenstrich mit hohem Wiedererkennungswert eindeutig Eduardo Rissos – ebenso wie das dynamische Paneling, die Bildkomposition, die Perspektiven und vor allem Gesichtsausdrücke. Allein diese für Risso ungewöhnliche Illustration ist schon ein Hingucker an sich. Und so sorgt der Illustrator auch für stimmungsvolle, farbintensive Szenen, oft intensiviert von dräuenden Schattenrissen im Bildhintergrund.


Vielleicht find ich dich, find ich mein Zuhaus

Als Graphic Novel oder als Bilderpos ist „Blood Brothers Mother“ schon herausragend und bei aller Brutalität einfach wunderschön bittersüß anzuschauen und sehr empfehlenswert. Abgerundet wird die souveräne Ausgabe von einem Skizzenteil, der letztlich auch Aufschluss über das Alter der Brüder gibt, und einer Cover-Galerie mit etlichen Titelvarianten von Risso, aber auch von anderen IllustratorInnen.

Azzarello und Risso hatten sich schon mit der Story beschäftigt, als sie auch „Moonshine“ in der Pipeline hatten, das ab 2016 ebenfalls in einem amerikanischen Independent-Verlag erschien (hierzulande bei Cross Cult). Man habe einfach zuerst „Moonshine“ realisiert, gibt Azzarello zu Protokoll. Wer noch ein bisschen Westernkontext zu „Blood Brothers Mother“ wünscht, mag die nächsten beiden Absätze interessant finden. Ansonsten schon an dieser Stelle eine absolute Leseempfehlung für alle, die nicht zu zartbesaitet sind für derart archaische Begebenheiten.

Auf der großen Straße“ (Wo ist Zuhause, Mama? Johnny Cash)

Die (post-)moderne Betrachtung jenes Wilden Westens, der nicht nur aus einem Abenteuerraum und einem Roman- und Filmgenre besteht, wie dies jahrzehntelang von der Traumfabrik Hollywood vorgezeigt wurde, wurde immer mal wieder durch eine andere Perspektive ins rechte, archaisch gewalttätige Licht gerückt. Charles Portis‘ Roman „True Grit“ (1968, mehrfach verfilmt) erzählt von der jungen Mattie, die Gerechtigkeit für den Mord an ihrem Vater sucht, Glendon Swarthouts „The Homesman“ (1988) erzählt von der alleinstehenden Siedlerin Mary Bee, die irre gewordene Frauen zurück in die Städte bringt, und Joe R. Lansdales „Das Dickicht“ (2013) erzählt vom 14-jährigen Jack Parker und seiner Schwester, die nach einer Pocken-Welle ihre Familie verlieren. In der Perspektive der Schwäche liegt die Stärke der Erzählung, so auch in „Blood Brothers Mother“.

Zudem fügt sich das Comic-Epos in ein Neo-Western-Genre, das quasi mit dem Film „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ wieder in den Fokus gerückt ist. Nun ist der „Wilde Westen“ kein verklärt anarchischer rechtsfreier Raum mehr, sondern eine Welt, in der Niedertracht und egoistische Vorteilsnahme das Dasein bestimmen, ganz einfach deshalb, weil die Täter damit davonkommen. Hierin fügt sich auch Jacques Audiards „The Sisters Brothers“-Verfilmung nach Patrick DeWitts Roman (2011), dessen warme, erdige Farbgebung möglicherweise auch einen Einfluss auf Eduardo Rissos Artwork hatte. Vielmehr allerdings erinnert mich der Aquarell-Stil, den Risso in „Blood Brothers Mother“ über die gesamte Erzählung durchzieht, an die Aquarelle und Charakterstudien von Hugo Pratt, die zu seiner Western-Erzählung „Fort Wheeling“ entstanden sind (ebenfalls bei Schreiber & Leser aufgelegt).

„Blood Brothers Mother“ von Brian Azzarello und Eduardo Risso ist ein hartgesottenes Western-Epos aus der Sicht jener, die sich sonst nur schwerlich wehren können. Außer der schillernden Erzählperspektive stellt sich die opulente und spektakuläre Illustration als ein Highlight des Comic-Jahres heraus. Aber Vorsicht, es geht arg gewalttätig zu, das ist nichts für sensible Gemüter.

9 von 10

Azzarello & Risso: Blood Brothers Mother
OT: Blood Brothers Mother 1–4, DSTLRY Media, USA,
Genre: Comic, Western
Autor: Brian Azzarello
Illustrator: Eduardo Risso
Layout: Jared K. Fletcher
Übersetzung: Resl Rebiersch
Korrektorat: Pit Kannapin
ISBN: 978-3-96582-244-3
Verlag: Schreiber & Leser, Hardcover,
VÖ: 08.09.2026

Blood Brothers Mother bei Schreiber & Leser






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