In politisch unruhigen Zeiten und unter Regierungen, die nicht gerne kritisiert werden, kann es bisweilen schwierig sein, die gesellschaftlichen zustände anzuprangern. Der hochgelobte deutschtürkische Regisseur İlker Çatak verlegt die Kampfzone aus dem „Lehrerzimmer“ in die Universität und den Kunstbetrieb. Gemeint ist die Türkei, aber gedreht wurde in Deutschland. Zu sehen ab dem 5. März im Kino.
Das neue Theaterstück des Dramaturgen und Uni-Professors Aziz (Tansu Biçer) wird bei der Premiere begeistert aufgenommen. Vor allem seine Ehefrau, die Schauspielerin Derya (Özgü Namal) wusste zu begeistern. Das hat nicht nur eine TV-Agentin begeistert, auch der Gouverneur bittet um einen Fototermin mit der Schauspielerin. Doch die hat keine Lust, weil der Kulturbanause erstens mit mit seiner Verspätung die Aufführung störte und zweitens er sein Telefon nicht ausgeschaltet hatte.
Am nächsten Morgen ist die künstlerische Euphorie schnell verflogen. Auf Ankaras Straßen wird demonstriert und Aziz stellt seinen Student:innen nicht nur frei daran teilzuhaben, er ermuntert sie die menschliche Tragödie hautnah zu erleben. Doch etliche Kollegen und auch Aziz haben von der Uni-Leitung bereits „Gelbe Briefe“ bekommen und sind ihrer Lehrtätigkeit enthoben.
Auch Derya bekommt Repressalien zu spüren. Zunächst soll das Stück umgehend abgesetzt werden, dann wirft ihr der Theater-Intendant vor, den Stress provoziert zu haben und schließlich wird sie aus dem Ensemble ausgeschlossen. Die jeweiligen Sitzungen in der Uni und im Theater sind dabei dynamisch parallel montiert. Aziz und Derya sorgen sich auch um die Zukunft ihrer Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas).
Wenn der Vermieter von der Polizei befragt wird
Nach einigem Ausharren ohne Einkommen zieht die Familie zurück nach Istanbul zu Aziz Mutter. Deryas religiös konservativer Bruder verschafft Aziz eine Job als Taxifahrer. Doch die Situation in der Familie wird immer enervierender, auch weil Ezgi es in Istanbul total blöde findet und sich ständig mit der Großmutter streitet.
Um „Gelbe Briefe“ zu drehen hat sich das Produktionsteam eines Kniffs bedient, der erstaunlich gut funktioniert. Die Verlegung der Handlung nach Deutschland, beziehungsweise nach Berlin, das stellvertretend für Ankara, die Hauptstadt darstellt und Hamburg, das für Istanbul eine weltoffenere Bürgerlichkeit repräsentiert.
Dabei verzichtet „Gelbe Briefe“ glücklicherweise darauf, türkische Ornamentalik und regionales Kolorit aufzubauschen, sondern arbeitet mit dem was vorhanden ist. Die Räum der Uni und Theater-Gebäude und die türkisch-stämmigen Communities in Hamburg und Berlin. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil die Milieus ohnehin ambivalent zwischen Heimat-Verbundenheit und Neuorientierung in einer anderen Gesellschaft changieren. Gedreht würde allerdings auf Türkisch. Darüber mag die deutsche Synchro etwas hinwegtäuschen.
Es kommt überdies eine weitere Bedeutungsebene in das politische Drama. Denn in der migrantischen Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland nehmen die Türken, die bereits früh als so genannte „Gastarbeiter“ eingeladen wurden, immer noch eine bedeutende Stellung ein. Bisweilen hallen türkischen Aktualitäten auch bis in den deutschen Alltag hinein.
Zurück zur Familie
So etwas nach dem Putschversuch von 2016, auf dessen Nachwirkungen „Gelbe Briefe“ sich bezieht. Seinerzeit versuchten führende Militärs dem Präsidenten Erdogan die Macht zu entziehen. Der Versuch scheiterte und im Nachgang wurden Regime-Kritiker, Intellektuelle und Dissidenten sehr repressiv behandelt. Das würde auch und gerade in der BRD von hier lebenden Türken scharf kritisiert. Und so schließt sich der Kreis einer Regierungskritik, die auch die eigene Existenz kosten kann.
Dennoch hat das Drama von İlker Çatak („Das Lehrerzimmer“, „Indianerland“) auch eine tragende familiäre Dimension. Das künstlerische, politisch engagierte Ehepaar muss mit der repressiven Situation umgehen. Die Nerven werden schlechter, die Konflikte aufbrausender. Bei all dem spielt die Sorge um den Nachwuchs eine ebensolche Rolle wie die berufliche Integrität.
Und wenn sich Aziz bei dem Gerichtsprozess gegen die Dozent:innen von seinem Freund Fikret (Yusuf Akgün) vorwerfen lassen muss, er würde sich davonschleichen, muss sich Derya den Vorwurf künstlerischen Ausverkauf anhören, weil sie wieder arbeiten will. Beides tritt in den Hintergrund, wenn die Tochter Probleme macht, weil ihr die Situation ebenfalls zusetzt.
Möglicherweise fokussiert sich „Gelbe Briefe“ etwas zu sehr auf das Private im Politischen und ergeht sich eher in der Beziehungsdramatik als im Kampf um Gerechtigkeit, aber das mag jede:r selbst sehen. Auch mag das Ende etwas unbefriedigend wirken. Packend und intensiv ist „Gelbe Briefe“ allemal. Ins Grübeln kommt der mensch dann von allein.
Gelbe Briefe
OT: Gelbe Briefe
Genre: Drama
Länge: 128 Minuten, D /F/ TÜR, 2026
Regie: İlker Çatak
Schauspiel: Özgü Namal, Leyla Smyrna Cabas, Yusuf Akgün, Tansu Biçer
FSK: Ab 12 Jahren
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 05.03.2026





