Rock Chicks: Fight For Your Right to Party

Falls sie nicht wussten, dass die Schwester von Jerry Lee Lewis ebenfalls mit „Great Balls of Fire“ Musik macht und immer noch live auftritt, ist dieser Film für Sie. Die Filmmacherin Marita Stocker beleuchtet den Alltag und den Einfluss von Musikerinnen im Rock Business. Da gibt es Einiges zu entdecken, Musikhistorisches zu betrachten und vor allem großartige Musik zu hören. Leider nur in ausgewählten Kinos ab dem 9. März 2023.

Als Tammy Wynette ihren Countryhit „Stand by Your Man“ 1968 mit der Zeile begann „Sometimes it’s hard to be a Woman“, hatte sie nicht gerade das Musikbusiness im Sinn. Und dennoch waren zu der Zeit bereits viele großartige Musikerinnen in von der Männer beherrschten Szene und dem von Männern gelieteten Geschäft in Vergessenheit geraten. Künstlerinnen, die maßgeblichen Einfluss auf die moderne Rock- und Popmusik hatten.

Und genau wie mit den Delta-Bluesman, die in den 1960ern von einer Horde britischer Jugendlicher wieder ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, scheint es nun endlich Zeit zu sein, die Geschichte des Rock richtigzustellen. Ohne Sister Rosetta Tharpe hätte sich Rock’and’Roll ebenso anders entwickelt wie Elvis Kariere ohne die Songs von Big Mama Thornton. Und weil wir gerade dabei sind, auch die bekannte Filmszene in „Jailhouserock“, hatte ein weibliches Vorbild, Kay Wheeler.

Doch das Problem ist kein historisches, es ist ein strukturelles. Auch heute noch haben Musikerinnen damit zu kämpfen, für ihre Kunst anerkannt zu werden. Die Entscheider im Musikbusiness setzen immer noch darauf, auch geschlechtsspezifische Stereotype zu etablieren und zu verkaufen. Da wäre der rebellische, omnipotente Rocker wenig besser als die ewig willige Muse, die auch Erotik verkörpern muss.

„Kühn. Furchtlos. Gewagte Improvisationen.“ (Daphne A. Brooks über Rosetta Tharpe)

Absurderweise hat dieses Stereotyp eine ziemliche Ausdauer und gerade Frauen wird selten eine andere Rolle zugestanden. Da kan die Kunst schon mal in den Hintergrund rücken. Die aus dem Unterleib mit Gitarre rockende Amazone scheint immer noch viele Männer zu verängstigen, oder um es anders auszudrücken, „Es ist immer noch sehr unangenehm – kulturell gesehen.“ (Gayle Wald, Professorin für Englisch und „American Studies“).

Absurderweise hat das auch dazu geführt, dass viele wegbereitende Frauen wie etwa Wanda Jackson erst sehr spät im Kanon des musikalischen Mainstreams gewürdigt wurden; oder in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen.

Doch auch aktuelle Künstlerinnen haben das Problem. Kristin Hersh, eine Indie-Ikone mit ihre Band Throwing Muses, hat sich ganz bewusst von vorherrschenden Musikbusiness abgewendet, weil sie den Klischees nicht mehr entsprechen und nicht als Frau vermarktet werden wollte. Daraus ist eine andere Art von Karriere entstanden.

Suzie Quattro wiederum weiß sehr wohl, dass sie für viele rockende Frauen ein Vorbild ist. Sie sagt aber auch, dass sie diese Rolle nicht bewusst hätte einfordern können, sondern nur ausfüllte, weil sie eben von Natur aus „The Wild One“ war. Ein Zitat in dem Zusammenhang lässt sich schwer ins deutsche Übertragen: „I never saw myself as a female musician.“ (Ich sah mich selbst nie als weiblicher Musiker.)

„Wir fühlen uns zutiefst unwohl mit der Kraft von Frauen, und damit, dass Frauen ihre eigene Kraft selbstbewusst ausleben.“ (Gayle Wald)

Rosie Peres, eine immer noch aktive Musikerin, die mit Wanda Jackson spielte, hat wie auch Suzie Quattro eine Radio Show. Bei Rosie geht es allerdings vornehmlich um das Vermächtnis von „Rock Chicks“, um Musik von Frauen. Dabei sollte das doch in Zeiten von Gender-Debatte und selbst ausgewählten prägenden Pronomen alles kein Thema mehr sein.

Ist es aber eben doch. Noch immer ist der Anteil an Frauen bei großen Rockfestivals marginal und würde andernorts nicht mal als „Frauenquote“ durchgehen. Auch und gerade in der alternativen Szene scheint es schwierig zu sein, als Musikerin anerkannt zu werden. In „Rock Chicks“ kann Honeychild Coleman davon erzählen.

Als Film und als Dokumentation ist „Rock Chicks“ überfällig und wichtig. Wie seine Musikerinnen ist auch die Doku sehr charismatisch und sehr kraftvoll. Als Road Movie angelegt, begleitet die Filmmacherin die Protagonistinnen auch abseits der Bühne. Das ist unterhaltsam und lehrreich. Es wird Zeit für gleichberechtigtes Musizieren. Irrsinnig genug, dass überhaupt noch erwähnen zu müssen…

Film-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Rock Chicks
OT: Rock Chicks
Genre: Doku, Musik,
Länge: 79 Minuten, D, 2022
Regie: Marita Stocker
Mitwirkende: Linda Gail Lewis, Rosie Flores, Suzie Quatro, Kristin Hersh,
FSK: ohne Altersbeschränkung, ab 0 Jahren
Vertrieb: Deja Vu Films
Kinostart: 09.03.2023

Rock Chicks bei Deja Vu (Mit Kinofinder & Terminen)


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