Neulich in einer Pressevorführung gab es einen beachtlichen Running Gag: Jeder der Film-Lehrer hielt gerade seine Disziplin für die einzig wesentliche Erkenntnis. Alles andere sei ja auch nett und sicher wichtig, aber ohne das eigene Fach sähe es finster aus in der Welt. Neu ist die Erkenntnis nicht, dass beinahe jeder sich und das, was er tut, für den Nabel der Welt hält, nur wird es dadurch nicht richtiger.

Es empfiehlt sich in unregelmäßigen Abständen die eigene Wahrnehmung und Zielvorstellung mit der Realität abzugleichen. Das entspannt und relativiert das eigene Handeln beträchtlich. Zudem bleibt der Mensch so offen für seine Umwelt und interessiert an dem, was andere Menschen umtreibt. So funktioniert Kommunikation, so funktioniert Gesellschaft, und so können auch Filme funktionieren.

Meine Frau schleift mich in den neuen Brad Pitt (beispielsweise) und ist dann selbst überrascht, dass es in “Babel” gar nicht so Hollywood-mäßig zugeht. Oder ich bin erstaunt, dass eine seichte Komödie wie “Was Frauen wollen” mich tatsächlich vor dem Bildschirm hält. Und ganz nebenbei lernen wir beide etwas, mit dem wir uns sonst nicht auseinandergesetzt hätten.

Andersherum ergibt es auch keinen Sinn, ständig davon auszugehen, das eigene Tun würde permanent mit allseitigem Interesse verfolgt werden. Schön, wenn man jemanden erreicht und auf Beachtung stößt. Wenn nicht, auch gut. Der moderne Mensch hat schließlich selbst genug um die Ohren und selten genug noch Kapazitäten für seine Mitmenschen frei. Womit wir zum eigentlichen Thema kommen: Fußball.

Public Viewing

Public Viewing ist schließlich auch nix anderes, als mit etlichen Gleichgesinnten auf eine Leinwand zu glotzen. Nebenbei erfüllt das Ganze auch eine soziale Funktion im Sinne des oben beschriebenen Phänomens – ein quasi-rituelles Gemeinschaftserlebnis.

Sicher, dies ist eine Filmkolumne und das Thema treibt mich um, aber kann ich deshalb leugnen, dass es weit weniger Interesse am Kino gibt als ich mir wünschen würde? Gerade jetzt, wo die Fußball-Europameisterschaft läuft, ist das allgemeine Interesse an den meisten anderen Geschehnissen irgendwie eingeschränkt. Gerade heute, wenn die abendliche Primetime sowieso mit dem für uns Deutsche so wichtigen Viertelfinale gegen Portugal ausgelastet ist, verirren sich kaum Schäfchen in die Kinosäle, während die Fanmeilen nur so vor Leuten wimmeln.

Vielleicht habe ich die eigene Nabelschau jetzt auch “hochsterilisiert”, um abschließend den Kicker Bruno Labadia zu zitieren. Am heutigen Abend ist jedenfalls nochmal Fußball angesagt und ich bin wieder dabei. Jetzt ist auch Schluss mit dem Kolumnen-Missbrauch.

Viel Spaß beim Fußball, genießt es solange es dauert.

(ursprünglich veröffentlicht bei cinetrend.de am 19.06.2008)

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