Kidnapping: Leerstellen und zweite Chancen

Es hat ein bisschen gedauert bis die Nordic Noir Serie „Kidnapping“ hierzulande für das klassische Home-Entertainment veröffentlicht wurde. Da verliert ein dänischer Polizist unter tragischen Umständen seine neugeborene Tochter bei der Arbeit und erhält Jahre später die Chance den damaligen Fall neu aufzurollen. Mit Charlotte Rampling und Anders W. Berthelsen ist die dramatische Thriller-Serie prominent besetzt. Pandastorm veröffentlicht die Serie digital und auf DVD.

Im Jahr 2014 untersucht der Kopenhagener Polizist Rolf Larsen (Anders W.Berthelsen) den Fall eines vermissten Kleinkindes. Das ein Jahr alte Kleinkind mit einem auffälligen Muttermal auf der Stirn ist vom Spielplatz verschwunden. Die Polizei verdächtigt zunächst den geschiedenen Kindsvater doch Indizien und DNA-Spuren deuten auf eine Entführung hin.

Während Rolfs Kollegen den Hinweisen in Skandinavien nachgehen, setzt sich der junge Vater mit der Polnischen Polizei in Verbindung. Es scheint als hätte eine Zeugin das Kind an einer Tankstelle gesehen. Rolf macht sich auf den weg. Weil er keine Babysitter für seine Tochter bekommt, begleitet ihn der Forensiker Jarl Skaubo (Nicolas Bro), den Rolf während der Ermittlungen kennengelernt hat. Doch auf der stürmischen Überfahrt verschwindet Rolfs Tochter. Es scheint, als wäre sie über Bord gegangen.

Zeitgleich verliert die schwangere junge Polin Julita (Zofia Wichlacz) ihren Freund bei einem Verkehrsunfall. Julita beschließt das Kind auszutragen und begibt sich in eine katholische Geburtsklinik. Es gibt Komplikationen und die Nonnen behaupten, das Kind sei tot zur Welt gekommen. Julita glaubt den Ordensschwestern nicht und beginnt nach ihrem Kind zu suchen.

Überraschenderweise ergibt die Anfrage keinen Treffer, obwohl Neel den Fahrer inzwischen als den „Tranum-Mann“, einen bekannten verurteilten Vergewaltiger erkannt hat. Als Rolf nachfragt, entdeckt man eine Lücke im Register und Rolf reicht die Beweise im Fall der entführten Minna noch einmal ein, obwohl der Vater alt Täter gilt und der Fall längst zu den Akten gewandert ist.

Tatsächlich ergibt sich eine Übereinstimmung mit einer DNA-Probe, die die französische Polizei in einem Mordfall in das europäische Zentralregister eingegeben hat. Die Kollegin Claire Bonin (Charlotte Rampling) reist aus Paris an, um der Spur nachzugehen. Rolf rollt Minnas Entführung neu auf und Neel kommt ebenfalls ins Team.

Die Ermittlungen zeigen schnell ein komplettes damaliges Versagen der dänischen Polizei. Scheinbar ist niemand der polnischen Spur nachgegangen oder hat dort Fallakten angefordert. Claire und Rolf machen schnell verstörende Ermittlungsfortschritte.

Jemand da oben muss glauben, die dänische Polizei verdient eine zweite Chance.“ (Claire Bonin)

Das Drehbuch nach einer Idee von Torleif Hoppe („Kommissarin Lund“) nimmt sich Zeit und setzt zu Beginn vor allem auf eine solide Figurenzeichnung. Vor allem als in der zweiten Folge ein zeitlicher Bruch zu überbrücken ist. Der gebrochene Polizist Rolf wird sogar an der dänischen Nordseeküste, die sonst nur Touristen Nerzzüchter und Landwirte bevölkert wird, an das Verschwinden seiner Tochter erinnert.

Die achtteilige Thriller-Serie „Kidnapping“ braucht nicht lange um typische düstere Nordic Noir Bilder zu erzeugen. Doch nach dem hektischen Auftakt, bei dem Rolfs Kind verloren geht, nimmt sich die Serie erst einmal Zeit zu erzählen und springt drei Tage zurück. Es geht im Polizeiermittlungen, in Rolfs harmonischen Privatleben und parallel dazu in eine jugendliche Beziehung im ländlichen Polen.

Dafür, dass die Folge im Grunde nur dazu dient, den Polizisten wieder in die Spur zu kriegen, ist das Szenario ziemlich packend ausgearbeitet und führt die Zuschauer:innen in eine andere Richtung. So richtig geht die Story erst los, als die französische Kollegin auftaucht. Dann aber legt „Kidnapping“ hohes Erzähltempo an den Tag, erzeugt starke Spannung und ziemliche Intensität.

Fünf Jahre später schiebt Rolf in der Einöde Nordjütlands Dienst nach Vorschrift. Seien Ehe ist längst Geschichte. Als die junge und unerfahrenen Kollegin Neel (Olivia Joof Lewerissa) bei einer Verkehrskontrolle auf ein gestohlenes Auto stößt, flüchtet der Fahrer. Rolf wird mit einem Beweisstück nach Kopenhagen geschickt, er soll seine Kontakte spielen lassen, um im DNA-Zentralregister nach dem Flüchtigen zu suchen. Dort trifft er auch Jarl wieder, der gerne behilflich ist.

Mit der parallel montierten Erzählung von Julita und Rolf kommt zudem eine Dynamik in das Krimi-Drama, die sich in einer Art Hase-und-Igel-Rennen äußert. Die Schauplätze sind dieselben, aber irgendwer war immer schon da, um die Aufdeckung zu behindern.

So stark die Besetzung aufspielt, ist die in die Jahre gekommene Charakterdarstellerin Charlotte Rampling, eventuell etwas zu alt für eine Ermittlerin, die noch im Beruf steht. Aber das macht die Grand Dame des Films mit Präsenz wieder weg, sofern die Rolle dafür Raum lässt.

Anders W. Berthelsen („Italienisch für Anfänger“,“398 Tage“) ist von den international bekannten dänischen Schauspielern, der in den handfesteren, realistischeren und auch mal actionlastigen Rollen zu gefallen wusste. In „Kidnapping“ gibt er seinen gebrochenen Cop genau die richtige Mischung aus Schuld und Verbissenheit mit auf den Weg, die einen weitertreibt und die endlich Gewissheit haben will. Am Ende kann „Kidnapping“ dann doch noch einmal überraschen.

Die dänisch-französischen Thriller-Serie „Kidnapping“ macht sich die Idee europäischer Polizeikooperation zunutze und schafft so ein packendes vertracktes Ermittlungsszenario, das anfangs etwas warmlaufen muss, dann aber fesselnd, komplex und überraschend aufläuft. „Kidnapping“ setzt im kriminellen Setting vor allem auf starkes und sehenswertes Drama und fährt damit genau richtig.

Serien-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Kidnapping – Staffel 1
OT: DNA
Genre: TV-Serie, Thriller
Länge: 320 Minuten (8 x 40 Min.), DK/F, 2019
Idee: Torleif Hoppe
Regie: Henrik Ruben Genz, Kasper Gaardsøe
Darsteller:innen: Anders w. Berthelsen, Zofia Wichlacz, Nicolas Bro, Charlotte Rampling
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Pandastorm
DVD- & Digital-VÖ: 03.12.2021

Kidnapping bei Pandastorm

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