Wildes Japan: Die Wildnis des Kaiserreiches

Die vom NDR produzierte Naturdoku „Wildes Japan“ war 2011 für einen Emmy nominiert, den wichtigsten internationalen TV-Preis, und kann auch einige sehr beeindruckende und auch rare Aufnahmen vorweisen, doch so ganz mochte „Wildes Japan“, das Anfang 2012 als DVD und Blu-ray erschien, mich nicht überzeugen. Dennoch ist die Doku einen Gang ins Archiv und ein Wiedersehen wert.

Die Tierfilmer Jens Westphalen und Thoralf Grosspitz bewegen sich in ihrer zweiteiligen Natur-Doku heraus aus Japans Metropolen, um die Wildtiere Japans zu beobachten. Dabei folgt die Doku in groben Zügen dem Zyklus der Jahreszeiten und versucht auch die ganze klimatische Bandbreite des Inselstaates Japan zu erfassen. In den kommenden Jahren haben die beiden mit ihren „Wilden“ Dokus fast so etwas wie eine Marke im Naturfilm geschaffen.

Von Tokio aus geht es nach Norden, um auf die nördliche Hauptinsel Hokkaido zu gelangen. Hier tummeln sich die Japan-Makaken, auch Schneeaffen genannt, in schneebedeckter Landschaft und baden in den heißen Quellen vulkanischen Ursprungs. Auf der nördlichen Insel gibt es außerdem dem Madschurenkranich, dessen roter Schopf an die aufgehende Sonne der Japanischen Flagge erinnert, zu beobachten. Die Balztänze der Kraniche sind spektakulär und mit dem Filmen der Aufzucht ist den Filmemachern etwas Seltenes gelungen. Außerdem leben Braunbären auf Hokkaido, die sowohl im Winter als auch später im Herbst, wenn die Lachse stromaufwärts ziehen mit der Kamera beobachtet werden.

In der zweiten Folge der Tier-Doku geht es dann eher um die klimatische Vielfalt des Kaiserreiches. Von den Makaken auf einer der südlichen Inseln geht es zum ältesten Lurch der Welt, dem Riesensalamander, und zu der vom Austerben bedrohten Okinawa-Ralle, einem flugunfähigen, bodenbrütenden Vogel, der auf der Insel Okinawa lebt. Wenn der Winter wieder einzieht, begibt sich auch das Filmteam wieder zurück gen Norden.
Das Wesentliche der Natur-Doku, die Tier-Aufnahmen, sind großteils sehr gelungen und gerade einige Superzeitlupen und Nachtaufnahmen sind spektakulär. Mit Christian Brückner (bekannt als häufige Synchronstimme von Robert DeNiro) hat man überdies einen renommierten Sprecher an Bord, der die Zuschauer durch diese Dokumentation leitet.

Doch gerade die redaktionelle Aufbereitung der Informationen lässt ein wenig zu wünschen über und auch das geographische Konzept der Dokumentation „Wildes Japan“ ist nicht immer stringent. So wird zwar erwähnt, dass Japan aus vier Hauptinseln und einer Vielzahl weiterer Inseln besteht, aber statt diese mit Honshu, Hokkaido, Kyushu und Shikoku erstmal zu benennen, geht es gleich von Tokyo aus auf die Naturerkundung.

Das menschliche Treiben und die japanische Kultur werden auch immer wieder in die Dokumentation eingeflochten, allerdings eher im Nebensatz als mit fundierten Informationen. Zum traditionellen Landleben, den Ureinwohnern oder den Religionen hätte es ruhig ein wenig ausführlicher sein dürfen, oder eben gar nicht. Auf die obligatorische Kirschblüte hätte man ebenso verzichten können; schließlich stehen die Wildtiere im Focus.

Während sich die Filmemacher in der ersten Folge weitgehend in Japans Norden und auf Hokkaido aufhalten, wird es im zweiten Teil „Tropenstrand und Bärenland“ etwas sprunghafter und geht in großen geographischen Distanzen voran. Gelegentlich verliert der Zuschauer so die Orientierung, wo in Japan sich denn gerade die gefilmte Tierart in der Wildnis versteckt. Offensichtlich muss eine Naturdokumentation auch immer einem gewissen Anspruch bezüglich Niedlichkeit und Action gerecht werden:

Selbstverständlich sind da die Bären ein ebenso gefundenen Fressen für die Kameras wie die Lachse für die Bären, aber mal ehrlich, spektakuläre Aufnahmen von Fisch fangenden Bären habe ich schon in meiner Kindheit gesehen und es macht filmtechnisch wenige Unterschied, ob sich diese in Kanada, Russland oder Japan auf den Winterschlaf vorbereiten. Dennoch sind die Aufnahmen selbst absolut gelungen und auch die Schneeaffen im Winterbad sind wunderbar zu beobachten mit ihrer vermeintlichen Menschlichkeit.

Die Naturdokumentation „Wildes Japan“ überzeugt in Bezug auf die Tieraufnahme und bietet wunderbare Einblicke in das Leben einiger in Japan lebender Wildtiere. Doch in Bezug auf Konzeption und allgemeine Informationsaufbereitung bleibt „Wildes Japan“ hinter den zugegebenermaßen hohen Erwartungen zurück.

Film-Wertung 6 out of 10 stars (6 / 10)

Wildes Japan
OT: Wildes Japan,
Genre: Dokumentarfilm, Naturfilm
Länge: 90 Minuten, D, 2011
Regie: Jens Westphalen,Thoralf Grosspitz
FSK: ohne Altersbeschränkung
Vertrieb: Polyband, NDR
DVD- & BD-VÖ: 27.01.2012

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