Mord auf Shetland – Staffel 3: Lebenslänglich

So richtig dicht besiedelt sind die Shetlandinseln vor der Küste Schottlands nicht gerade. Man ist versucht zu sagen, hier kenne jeder jeden. Umso stärker wirken soziale Erschütterungen in den Inselgemeinschaften nach. In der dritten Staffel des britischen Krimi-Formats „Mord auf Shetland“ bekommen es Detective Inspector Jimmy Perez und sein Team mit der Rückkehr eines vermeintlichen Mörders zu tun. Das sorgt für erheblichen Unmut unter den Insulanern und starke Drama-Unterhaltung für die Zuschauer.

Nach 23 Jahren gewinnt der verurteilte Mörder Thomas Malone (Stephen Walters) sein Berufungsverfahren und wird freigesprochen. Malone stammt von den Shetlands und will einfach nur zurück, doch in seiner Heimat ist man davon nicht gerade begeistert. DI Paris und sein Team werden direkt nach dem Gerichtsspruch informiert und rollen den Fall nun wieder auf, bevor Malone überhaupt angekommen ist.

Zu Perez Überraschung stellt sich schnell heraus, dass Malone nicht nur wegen eines damaligen Verfahrensfehlers freigesprochen wurde, sondern dass die Beweise keineswegs so eindeutig waren, wie es der erfahrene Ex-Kollege Drew McColl (Sean McGinley) immer noch behauptet. 1994 wurde die junge Lizzy Kilmuir erdrosselt aufgefunden und der Verdacht fiel schnell auf den Sonderling Tjomas Malone, der von Lizzy besessen schien. Doch Lizzys Zwillingsschwester Kate (Neve McIntosh) sieht Malone inzwischen auch als Opfer an; sehr zur Verwirrung ihrer Tochter Molly.

Der aktuelle Mord an Polizistentochter Sandy McColl erschwert die Ermittlungsarbeiten erheblich und bringt die öffentliche Meinung schnell weiter gegen Malone auf. Die junge Journalistin wird nach dem Shetland Folkfestival erdrosselt aufgefunden. Perez findet allerdings auch eine Spur, die zu einer norwegischen Ölfirma führt. Bei so viel vertrackter Arbeit, passt es Perez eigentlich nicht, dass seine erwachsene Stieftochter Cassie (Erin Armstrong) mit Liebeskummer wieder zu Hause auftaucht. Zum Glück kann Duncan, Jimmys Freund und Erins leiblicher Vater, das Trösten mitübernehmen.

Bevor es gleich an die inhaltliche Auseinandersetzung geht, ein paar Vorbemerkungen. Die dritte Staffel von „Mord auf Shetland“ ist nach englischer Zählweise bereits die vierte. Wie auch schon in der vorangegangene Saison gibt es nur einen Fall zu knacken, der sich über sechs 50-minütige Episoden erstreckt, die in der ARD als spielfilmlange Doppelfolgen ausgestrahlt wurden. Die Story basiert nicht mehr wie in Staffel 1 auf einer Romanvorlage von Ann Cleeves, selbst wenn die DVD-Hülle das hartnäckig behauptet.

Verantwortlich für dieses Krimi-Drama ist Serien-Autor David Kane, der „Mord auf Shetland“ von Beginn an begleitet und auch für die noch kommenden Staffeln die Geschichten liefert. Bislang sind zwei weitere Staffeln in Arbeit (weitere sollen in Planung sein, aber das ist nun wirklich Zukunftsmusik). Dennoch sind die originalen Serienhandlungen den Romanvorlagen sehr treu geblieben und setzen auf dieselben Qualitätsmerkmale wie auch Ann Cleeves. Vielleicht machen die Ermittlungen in dieser Staffel eine Drehung zuviel, legen eine falsche Fährte mehr als nötig. Doch es sind vor allem die sehr starke Charaktere, die das Format tragen. Jeder Akteur in „Shetland“ wird mit einer im Krimi-Genre einzigartige Vielschichtigkeit portraitiert ebenso werden allen Figuren auch sehr komplexe psychologische Entwicklungen zugestanden.

Die Landschaft, selbst wenn nicht nur auf den Shetlands gedreht wird, ist ein eigener Seriencharakter, der immer wieder eindrucksvoll in Szene gesetzt wird, ohne dabei die große Pauke zu schlagen. Die Faszination der Serie liegt also weder in ihrer kriminalistischen Spannung noch in ihrer Action. Gerade das aber ist ein kantiges Alleinstellungsmerkmal und eine große Qualität der Serie.

Waren es in der Vorgängerstaffel Ausflüge in die organisierte Kriminalität Glasgows, die für eine geografische Ausweitung und Kontrastierung der überschaubaren Inselgruppe sorgte, ist es nun die norwegische Stadt Bergen, in der DS Alison „Tosh“ McIntosh, ermitteln muss. Noch immer traumatisiert, schlägt sie sich wacker und fördert auch wichtige Hinweise und Verdächtige zutage. Doch es bleibt die karge Inselwelt der Shetlands mit ihren rund 23 000 Einwohnern, die den Charme der Serie ausmachen.

Die „Hauptstadt“ Lerwick hat gerade einmal gute 6500 Einwohner. Hierzulande hätte so ein Ort nicht einmal die Bezeichnung Stadt verdient. Hinzu kommt tatsächlichen, dass die Zuschauer mit den Charakteren mitwachsen, ganz so als wäre man selbst Teil dieser Dorfgemeinschaft. Es gelingt der Serie immer wieder aufs Genaueste die engen, fast familiären Bezüge der Insulaner untereinander zu thematisieren: Die Freundschaften ebenso wie die Zerwürfnisse, die Verwerfungen ebenso wie die Feierlichkeiten zwischen Tradition und Moderne, zwischen Verwurzelung und Fernweh. Die Rückkehr eines „außgestoßenen“ Insulaners ist genau der Kristallisationspunkt an dem sich die Bewohner der Shetlands messen müssen.

Die dritte Staffel des Krimi-Dramas „Mord auf Shetland“ bleibt nichts schuldig und sollte Fans und solche, die es werden wollen, zufriedenstellen. Kernige Charaktere und eine harsche Landschaft werden mit dramatischem Tiefgang zu einem starken Krimi verknüpft, der durchaus „Nordic Noir“ Formate anklingen lässt und die Staffellänge auch zu füllen weiß.

Serien-Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

Mord auf Shetland: Staffel 3
OT: Shetland – Season 4
Genre: TV-Serie, Krimi
Länge: ca. 300 Minuten, GB, 2018,
Regie: Lee Heaven Jones, Rebecca Gatward,
Drehbuch: David Kane,
Charaktere: Ann Cleeves
Darsteller: Douglas Henshall, Alison O’Donnell, Fiona Bell, Neve McIntosh, Stephen Walters,
FSK: ab 12 Jahren
Vertrieb: Edel Motion
DVD-VÖ: 19.09.2019

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