The Farewell: Die gute Lüge

Mit ihrem zweiten Spielfilm „The Farewell“ gelingt der amerikanischen Filmmacherin Lulu Wang ein erstaunlich humorvoller und herzerwärmender Umgang mit einem schwierigen Thema. In den USA hat „The Farewell“ gerade zwei Golden Globe Nominierungen eingeheimst und wird auch für den einen oder anderen Oscar gehandelt. Wahrscheinlich wird es dann doch “nur“ der Preis für den besten fremdsprachigen Film, denn in der US-Produktion wird über weite Strecken Chinesisch gesprochen.

Billi (Akwafina) ist die Tochter chinesischer Einwanderer und in New York kommt sie als Autorin mehr schlecht als recht über die Runden. Sie telefoniert oft mit ihrer Großmutter (Shuzen Zhao), die sie liebevoll Nai Nai nennt und die in China lebt. Als Billi eines Tages ihre Eltern besucht findet sie ihren Vater (Tzi Ma) in Schockstarre vor. Ihre Mutter (Diane Lin) erklärt ihr, dass bei der Großmutter tödlicher Lungenkrebs diagnostiziert worden ist.

Allerdings hat die Familie beschlossen, der Großmutter nichts davon zu verraten. Stattdessen wird die Hochzeit eines anderen Enkels als Anlass genommen, ein Familienfest in China zu feiern. Billi soll allerdings zuhause bleiben, da sie ihre Gefühle nicht kontrollieren könne. Billi ist fest davon überzeugt, dass man der Großmutter die Wahrheit sagen müsste und reist den Eltern nach China hinterher, um sich von der geliebten Großmutter zu verabschieden. Doch die strotzt vor Energie und Lebensfreunde, freut sich auf die Hochzeitsvorbereitungen und nimmt an, sie hätte sich einen harmlosen Infekt eingehandelt.

Die Gesichte, die Regisseurin Lulu Wang erzählt „basiert auf einer wahren Lüge“ wie es im Untertitel so schön heißt und ist der Autorin selbst wiederfahren. Als Kind chinesischer Einwanderer ist sie in Amerika aufgewachsen und war mit der östlichen Tradition, Totkranken ihre Diagnose zu verschweigen, nicht vertraut. Doch „The Farewell“ hält sich nicht lange mit der Richtigkeit oder moralischen Überlegenheit der einen oder anderen Sichtweise auf. Billies westliche Empörung fügt sich ein, in das Familienkollektiv und diese Kultur, der die Emigranten entwachsen scheinen.

Auch Billis Onkel hat vor Jahrzehnten China verlassen und ist nach Japan ausgewandert. Nun ist es sein Sohn, der in der alten Heimat, eine Japanerin heiratet und damit den offiziellen Rahmen für den inoffiziellen Absch8ied von der Matriarchin liefert. Und insgeheim vertraut Nai Nai ihrer Lieblingsenkelin Billi an, dass sie die Braut nicht sonderlich mag, die würde ja nichts sagen.

In der Konstellation der Großfamilie tauchen einige Themenfelder auf, die wohl in allen Familien auftreten und dann kommen die dazu, die emmigrantenspezifisch sind, sich also mit kultureller Identität beschäftigen. Vielleicht ist „The Farewell“ in diesem Belangen gelegentlich etwas zu plakativ und tritt die Ost-West-Unterschiede etwas zu breit, aber der ungeheuer leichte Erzähltonfall macht das wieder wett. Die ungeheure Präsenz, die den Charakteren innewohnt, zeigt wie sehr sich die großartigen Darsteller auf die Rollen eingelassen haben. Gerade deshalb kommt die gelegentliche Leichtigkeit so überraschend und so lebensnah rüber wie man das auf der Leinwand selten erlebt.

Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass aus der Zweisprachigkeit des Originals an einigen Stellen eine starke Dramatik entsteht, da die Großmutter nicht versteht, wenn Englisch gesprochen wird. Dieses Element wird in der Synchron-Fassung notwendigerweise verlorengehen.

Aus dem Ensemble jemanden herauszustellen, verbietet sich eigentlich, weil alle Familienmitglieder großartig sind, aber der Fokus von „The Farewell“ liegt auf dem Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelin, das in diesem Fall nicht nur eine Generation überspringt, sondern auch einen Ozean überquert. Das ist schon besonders anrührend dargestellt und zeigt die junge Akwafina von einer bislang unbekannten, ernsten Seite. Die junge Underground-Rapperin hat gerade mit einigen komödiantischen Rollen auf sich aufmerksam gemacht und ist zudem gerade in „Jumanji: The Next Level zu sehen. In „The Farewell“ ist sie schlicht die perfekte Besetzung.

„The Farewell“ erzählt eine große Familiengeschichte und mit hoffnungsfroher Leichtigkeit von der der Suche nach Aufrichtigkeit. Es sind die Abschiede, die das Leben notgedrungen beinhaltet. Dabei sollte man nie vergessen, die schlechten Energien nicht nur abzuschütteln, sondern auch entschlossen herauszuschreien, selbst wenn das die Vögel aufscheucht.

Film-Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

The Farewell
OT: The Farewell
Länge: 100 Minuten, USA, 2019
Genre: Drama,
Regie: Lulu Wang,
Darsteller: Akwafina, Tzi Ma, Diana Lin, Shuzen Zhao
FSK: ohne Altersbeschränkung
Vertrieb: DCM Films
Kinostart: 19.12.2019

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