Bordertown –Staffel 2: Sorjonens eisiger Gedankenpalast

Für Netflix –Abonnenten ist die zweite Staffel der finnischen „Nordic Noir“-Serie „Bordertown“ schon längst ein alter Hut und Fans freuen sich gerade auf eine dritte Staffel, die bereits gedreht wird. Bei brutstatt.de allerdings bleibt es dabei, dass ich außer Kinostarts keine Streams vorstelle, sondern erst veröffentlichte Bildträger, was inzwischen zumeist auch Video on Demand VÖs mit einschließt. Der eigenwillige finnische Ermittler Kari Sorjonen wusste die Zuschauer in der ersten Staffel von „Bordertown“ durchaus durch die spannenden und düsteren Verbrechen zu führen. Das hat sich in der zweiten Staffel etwas gelegt, die Eurovideo gerade einmal ein paar Monate nach der vorangegangenen Saison für das Heimkino-Segment veröffentlicht.

„Bordertown“ ist eine Krimi-Serie mit grundsätzlich vertikaler Handlung wie das serienaffine Leser neuerdings öfters zu lesen bekommen, wenn die Episoden in sich abgeschlossen sind. Die zweite Staffel der finnischen Netflix-Serie umfasst fünf Kriminalfälle, die sich jeweils auf zwei einstündige Folgen erstrecken. Das Schema der ersten Staffel wird also beibehalten. Allerdings gibt es auch immer sekundäre Handlungselemente, die sich weiterentwickeln, weshalb die Serienmacher von horizontaler Erzählung sprechen. Bei „Bordertown“ sind das vor allem die privaten Verwicklungen der Ermittler und die Dynamik im Team.

Inzwischen häufen sich die abartigen Gewaltverbrechen in der Gegend allerdings so sehr, dass nicht wenige mutmaßen, der Kommissar mit der speziellen Begabung würde die Verbrechen und die Psychos förmlich anziehen. Zudem bekommt die Sondereinheit auch noch Finanzdruck und muss ihre Existenz rechtfertigen. Das mag damit zu tun haben, dass die Sondereinheit immer wieder in Fällen ermittelt, die auch die wirtschaftliche Entwicklung der Region betreffen.

Zur Ausgangslage von „Bordertown“ halte ich mich an dieser Stelle knapp, da ich das bei der Vorstellung der Auftaktstaffel bereits erwähnt habe. Kari Sorjonen (Ville Virtanen) ist so etwas wie hochbegabt oder wie man es auch ausdrücken könnte, etwas autistisch. Zwischenmenschlich hapert es bei dem Familienvater des Öfteren. Da seine Frau an Krebs erkrankt war und Sorjonen auch wegen der jugendlichen Tochter beruflich etwas kürzer treten wollte, ließ sich der Polizist in die finnische Grenzstadt Lapeenranta versetzen, wo seine Frau aufgewachsen ist. Dort wurde extra für den Hochbegabten eine neue Polizeieinheit gegründet.

Im Auftaktfall „Die Fünf-Finger-Übung“ bekommen es Sorjonen und Kollegen mit einen seltsamen Mord zu tun, der die Ermittler nach Russland führt und ein gefährliches Schlaglicht auf das Leben der Kollegin Leena Jaakola wirft. Die Story ist solide und nimmt lose Fäden aus der Vergangenheit wieder auf. Die Ermittler machen dort weiter, wo sie zum Ende der ersten Staffel aufhörten. (7/10)

Anschließend geraten die Ermittler in „Das Frühlingsopfer“ an den vertrackten Fall, der beginnt als im Haus einer Kindergärtnerin ein seltsamer Fund gemacht wird. Die Erzieherin kann sich das nicht erklären, aber es häufen sich Hinweise auf längst vergangene Missbrauchsfälle. Zudem bekommt Sorjonens Frau die Diagnose, dass ihr Krebs zurückgekehrt ist. „Das Frühlingsopfer“ lässt sich erheblich Zeit, die Zusammenhänge zu entfalten und wirkt dadurch weniger spannend als der Staffelauftakt. Der private Twist, Sorjonen und seine Familie mit einem erneuten Krebsausbruch, einem herben Schicksalsschlag, zu konfrontieren, erzeugt nicht so viel Handlungsdynamik wie man sich das wünschen würde. Irgendwie kommt auch dieses Story-Element zu konstruiert rüber. (5/10)

In „Das Fadenspiel“ lässt sich Sorjonen wegen seiner kranken Frau beurlauben und Kollege Nika Uusiltalo (Illka Villi) muss die Sonderkommission leiten, da Chefin Taina, der russischen Polizistin Lena noch immer nicht vertraut. Dabei haben es die Ermittler mit einer scheinbar unzusammenhängenden Mordserie zu tun. An deren Ende auch Sorjonens Tochter ins Fadenkreuz gerät. Erneut scheitert der Rückzug des Kommissars ins Privat. Kari ist hoffnungslos mit der Familiensituation überfordert und arbeiten heimlich weiter, getrieben wie ein Süchtiger. Dieser Serienabschnitt funktioniert auch wegen der verschobenen Aufgaben- und Rollenverteilung recht unterhaltsam. (7/10)

Doch es geht in „Fleisch“ durchwachsen weiter. Leichenteile tauchen auf, aber es fehlen die Identifizierungsmöglichkeiten. Vor allem werden aktuell keine fraglichen jungen Frauen als vermisst gemeldet. Der Kommissar hält es zu Hause nicht mehr aus und während seine Frau langsam verzweifelt. Inzwischen hat der Zuschauer wohl verstanden, dass die Fälle der finnischen Sonderermittler oft ganz woanders hinführen als die ersten Spuren vermuten lassen. Hier beginnt das Prinzip der weit in der Vergangenheit liegenden Taten und Motive erstmals etwas zu langweilen. Zudem wird der Charakter des Kommissars Sorjonen immer schematischer. Der Handlungsimpuls der erneuten Krebserkrankung seiner Frau ist bereits jetzt komplett verpufft. Letztlich kann der Fall nicht fesseln, auch weil er gar nicht erst in Fahrt kommt. (5/10)

Abschließend wird Sorjonen in dem Fall „Ohne Schatten“ von der relativ jungen Vergangenheit eingeholt. Die Söhne eines Anwalts bangen immer noch um ihre vermisste Mutter und Schwester. Sorjonen hat den Fall in der ersten Staffel bearbeitet, aber nur haben die Kerle die Nase voll und wollen Ergebnisse sehen. Sie nehmen Sorjonens Familie als Geisel. Das Team versucht in der Zwischenzeit nicht nur die Geiselnahme friedlich zu beenden, sondern auch nach den Vermissten zu suchen. Der Kommissar hilft dem Team wo er kann. Mit der Erkenntnis, dass die Vergangenheit nie dort bleibt, wo man sie abgelegt hat, endet die zweite Staffel der Nordic Noir Serie „Bordertown“ recht versöhnlich. Der Fall ist dramatisch und spannend und knüpft wieder an das Niveau der ersten Staffel an. (7/10)

Bei der Vorstellung der einzelnen Fälle wurde bereits klar, dass die zweite Staffel der düsteren finnischen Netflix-thriller-Serie nicht so stark ausfällt wie die Auftakt-Saison. Das liegt vor allem daran, dass die Hauptfiguren quasi keine nennenswerte Entwicklung durchmachen, die horizontalen Serienelemente vernachlässigt werden, nachdem sie scheinbar solide etabliert wurden. Das Sorjonen sich im Privatleben so billig aus der Affäre stielt, mag den Pflichtbewusstsein des Charakters so gar nicht entsprechen.

Aber auch der Rest der Truppe tritt charakterlich auf der Stelle. Kein Wunder also, dass man sich zwischenzeitlich ein bisschen fühlt wie bei einer brutalen und stylish gefilmten Folge von „Der Kommissar“. Die Schauwerte des finnisch-russischen Grenzgebiets wissen immer noch zu überzeugen. Was fehlt, ist ein bisschen Leichtigkeit oder Absurdität zwischen all den Brutalitäten und Perversionen. David Lynch hatte das seinerzeit bei Twin Peaks erkannt. Aber wir sind hier schließlich in Finnland, da sind die Tage kurz und dunkel, der Alkohol ist teuer und jeder zweite spielt depressiven Akkordeon-Tango.

Die zweite Staffel der finnischen Nordic Noir Serie „Bordertown“ fällt gegenüber dem Auftakt deutlich ab. Vielleicht hatten die Autoren weniger Zeit die Drehbücher zu entwickeln, vielleicht ermüden die andauernden Perversionen, mit denen es die Ermittlertruppe zu tun hat, auch den Geist. Mehr als solide ist diese runde finnisch-russischer Grenzverbrechen nicht ausgefallen.

Movie Rating: ★★★★★★☆☆☆☆ 

Bordertown – Staffel 2
OT: Sorjonen – Season 2
Genre: TV-Serie Krimi, Thriller,
Länge: ca.597 Minuten (10 x 58 Min.), Finnland 2016
Idee: Miikko Oikkonen
Regie: Miikko Oikkonen et al.
Drehbuch: Miikko Oikkonen et al.
Darsteller: Ville Virtanen, Matleena Kuusniemi, Anu Sinisalo
FSK: ab 16 Jahren
Vertrieb: Eurovideo
DVD- & BD-VÖ: 11.04.2019

Episodenguide Bodertown Staffel 2
Episode 2.01 – Die Fünf-Finger-Übung (Teil 1)
Episode 2.02 – Die Fünf-Finger-Übung (Teil 2)
Episode 2.03 – Das Frühlingsopfer (Teil 1)
Episode 2.04 – Das Frühlingsopfer (Teil 2)
Episode 2.05 – Das Fadenspiel (Teil 1)
Episode 2.06 – Das Fadenspiel (Teil 2)
Episode 2.07 – Fleisch (Teil 1)
Episode 2.08 – Fleisch (Teil 2)
Episode 2.09 – Ohne Schatten (Teil 1)
Episode 2.10 – Ohne Schatten (Teil 2)

%d Bloggern gefällt das: